> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen... 20.04.1785 Fr.v.Stein an Knebel (353)

2015-10-29

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen... 20.04.1785 Fr.v.Stein an Knebel (353)



20. April

Weimar. Fr. v. Stein an Knebel

Karl August verlor mehr und mehr die Neigung zu seinen landesväterlichen Aufgaben; er strebte nach Erfolgen in der großen Politik, aber auch nach auswärtigen Militärdienst und Kriegsruhm. Dadurch wurden manche Hoffnungen Goethes vereitelt, und auch sein eigenes Wirken in Weimar erschien nutzlos und zwecklos. Er war im März bei Knebel in Jena gewesen, um sich von seinen Freund trösten zu lassen. Knebel schrieb darüber der gemeinsamen Freundin, und Sie erwiderte:

Es ist sonderbar, daß eben, da ich Ihren Brief erhalte, ich still-traurig über denselben Gegenstand nachdachte, davon Sie mir schreiben. Aber leider ist da auf der einen Seite, wo unser Freund die Hoffnung aufgegeben, nichts zu ändern, weil nichts zu hoffen ist und moralisch unrichtiger Takt und Töne in unserm System herrschen. Aber als ein weiser Mann wird er sich’s wohl mit der Zeit zurechtlegen.

Überdies geht unser Freund seinen ihm gehörigen Weg. Sie andere Philosophen wissen ja, daß gewisse notwendige Gesetze in der moralischen Natur so gut als in der physischen mit denen Dingen verknüpft sind. So kann ein Verständiger, Edler, Großmütiger, Wohltätiger, Uneigennütziger keinen vergnüglichen Teil mit dieser Welt haben; oder wenn er ihn genießen will, so muß er seinen Himmel verlassen. Diese Menschen bleiben nun einmal die, welche man wie den einigen Gott im Geist und in der Wahrheit verehrt. Keine irdischen Altäre werden ihnen nicht gebaut.

Nur ist es notwendig, daß, wenn einmal diese himmlischen Seelen durch Ämter mit den Menschenkindern gebunden sind, sie sich dieses recht deutlich machen und immer in ihrem Herzen wiederholen: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“

Auf diesem Weg müssen wir unserm Freund beistehen.

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