> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen... 02.06.1784 Graf Friedrich Stolberg an Voss (335)

2015-10-25

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen... 02.06.1784 Graf Friedrich Stolberg an Voss (335)



2. Juni

Weimar. Graf Friedrich Stolberg an Voss

Stolberg reiste mit seiner Frau über Weimar.

Den 27. kamen wir hier an. Der kleine Schardt, den Sie in Börstel gesehen haben, kam und brachte uns zur Bernstorffen, wo wir beide den Abend zubrachten. 

Als wir bei Tische saßen, kam Goethe, blaß wie die Wand vor Freude und Rührung, war ganz unser alter Goethe von dem Augenblick an bis heute morgen, da er uns verlassen hat, weil er mit dem Herzog auf den Landtag muß. Er ist weniger brausend, weniger hyperoplös, „brausend“ ist nicht das wahre Wort, weniger leicht aufflammend, gewiß nicht weniger feurig, als er war. Und sein Herz liebevoll, immer sich sehnend nach mehr Freiheit der Existenz, als Menschen finden können, und doch immer Blumen um den Pilgerstab des Lebens windend. Wenig Menschen sind so liebevoll, so rein, so Liebe bedürfend, so hingerichtet aufs unsichtbare Ideal der Kalokagathia, so sich anschmiegend an alles Liebe und Schöne der moralischen und sichtbaren Natur. 

Der Herzog und beide Herzoginnen waren viel unter uns, störten uns aber nie. Sie sind, wie Fürsten nicht sind. Die junge Herzogin sieht aus und ist wie eine reine Vestale, dabei voll Empfindung und Verstand. Wir waren viel in einem Hölzchen, in welchem Goethe ein Gartenhäuschen hat, wo er drei Jahre Winter und Sommer gewohnt hat, itzt aber nur dann und wann eine Nacht dort schläft und nicht alle Tage besuchen kann. Hinzugehen muß man durch einen hohlen Felsengang an einem Strom, einen allerliebsten Gang.

Herder ist erstaunlich interessant im Umgang ...

Herder beteuert heilig, er habe von mir in der Vorrede zu den „Volksliedern“ nicht sagen wollen. Was soll ich, was kann ich dazu sagen? Goethe, der die Wahrheit selber ist, der Herdern so lange kennt, liebt ihn wie seine Seele.

Goethe schreibt einen Roman, „Wilhelm Meister“, der sehr schön sein soll. Er hat ein Trauerspiel, „Tasso“, geschrieben, das ich nicht gesehen habe, und nach dem Aristophanes ein Stück, „Die Vögel“, angefangen. Den ersten Akt habe ich gehört; der ist sehr launig und schön. Hie und da stehen Inschriften von ihm im Wäldchen; ich wollte sie für den „Musenalmanach“ haben, aber das will er nicht. Sie sollen noch nicht ins Publikum kommen, um an ihrer Stelle mehr zu würken. Eine ist zu schön, als daß ich sie Ihnen nicht hinschreiben sollte. In einem Gebüsch am Fluß ist ein Amor von Stein, der mit dem Pfeil eine junge Nachtigall ätzet. Darunter steht:

Dich hat Amor gewiß, o Sängerin, fütternd erzogen; 
Kindisch reichte der Gott dir mit dem Pfeile die Kost.
Schlürfend saugtest du Gift in die unschuldige Kehle, 
Und mit der Liebe Gewalt trifft Philomele das Herz.

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