> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen... 30.04-02.05.1783 Therese Heyne an Ihre Eltern (315)

2015-10-22

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen... 30.04-02.05.1783 Therese Heyne an Ihre Eltern (315)



30. April bis 2. Mai

Weimar. Therese Heyne an ihre Eltern 

Die neunzehnjährige Tochter des berühmten Göttinger Philologen begleitete ihren Oheim, den gleichfalls berühmten Göttinger Naturforscher Blumenbach, und ihre Tante auf einer Reise, die in die Schweiz führte.

30. April: Den Kloster gegenüber hat Goethe einen Garten, wo unter den Büschen ein simples Haus, mit gebleichten Schindeln gedeckt, heraussieht. Unter dem Grün macht dies einen lachenden, reizenden Anblick ...

1. Mai Goethe kam zu einem Gasthof

... er hat mir sehr gefallen: ohne alle Prätensions und gar nicht steif, eher ein wenig verlegen bei dem ersten Anblick. Er sprach viel von unsrer Reise, und um uns den Plan zu zeigen, den er für uns hatte, malte er uns aus freier Hand eine ganze Karte aufs Papier. 

Er hat eine kluge Physiognomie, starke Augenknochen über den Auge und sehr dünne Lippen. Sein Auge ist ernst und groß. Eine Art Steifigkeit in der Bewegung des Kopfs gibt ihm ein unangenehmes Air. Aber er ist ein wackerer Mann, der meine völlige Gnade hat. Er steht auf einen sehr guten Fuß mit den andern Geheimeräten, die sich vor ihn, dem jüngsten und jüngst geadelten, beugen müssen ...

2. Mai: Goethe hat mir besser wie Wieland gefallen, aus der Ursache, daß es gewiß nicht oft geschieht, daß ein Genie, das so ausschweifte und Dinge schrieb, die so manchen ehrlichen Mutterkinde den Kopf umdrehten, am Ende alle seine Torheiten liegenläßt und ein vernünftiger Geschäftsmann wird. Wieland hat weit mehr Eitelkeit; Goethe sprach kein Wort von sich; wenn Blumenbach von seinen Geschäften anfing, brach Goethe ab und redete von uns.

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