> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen... 09.06.1783 Heinrich Landolt in sein Tagebuch (318)

2015-10-22

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen... 09.06.1783 Heinrich Landolt in sein Tagebuch (318)



9. Juni

Weimar. Heinrich Landolt in sein Tagebuch

Der zwanzigjährige Landolt und sein Freund Escher, beide aus Zürich, suchten in Weimar die dortigen Gelehrten auf.

Heute entdeckte uns unser Friseur, daß er auch die Ehre habe, den Herrn Geheimderat Goethe zu bedienen; und da wir ihn fragten, ob wir denselben wohl diesen Morgen sehen könnten, so sagte er: O ja! wir sollten nur hingehen; er werde uns gewiß annehmen. Wir versuchten es, und es war so.

Etwas unangenehm ist es, daß man oft im ganzen Hause herumlaufen und an allen Türen anpochen kann, ohne daß jemand Antwort gibt. Denn bei allen hiesigen Gelehrten scheint der Ton zu herrschen, daß der Kammerdiener unten beim Eingang des Hauses ein Zimmerchen hat, dessen Tür mit einem Fenster versehen ist. Sieht er nun jemand kommen, so muß man, um angemeldet zu werden, seinen Namen, Vaterland, Charakter etc. pünktlich angeben und so oft wiederholen, bis der Bediente es versteht und behalten kann. Erst dann wird nachgesehen, ob der Herr zu Hause ist oder vielmehr: sein will ... Ist nun der Bediente gerade nicht auf seinem Posten, so kann man ungesehen lange herumlaufen, um sich anzumelden. Vermutlich müssen die hiesigen Gelehrten auch darum etwas größer tun, weil sie alle den Titel von Hofräten, Geheimderäten usw. haben. 

Goethe ist Geheimer Rat und läßt sich Exzellenz heißen, denn der Herzog hat ihn geadelt! Er empfing uns sehr höflich. Seine Physiognomie ist stark und eben nicht einnehmend, die Gesichtsfarbe schwärzlich und die Nase ziemlich groß; seine schwarzen Augen sind lebhaft und verraten einen feurigen Geist. 

Itzt schreibt er nicht mehr viel, weil er, wie er sagte, so sehr mit Geschäften überhäuft ist. 

Wir blieben eine kleine Viertelstunde bei ihm, unser Gespräch betraf ganz gleichgültige Dinge. Man merkt es ihm an, daß er sich Mühe gibt, seine Würde zu behaupten und immer zu repräsentieren.

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