> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...10.09.1779 Friedrich Jacobi an Johanna Schlosser (353)

2015-10-10

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...10.09.1779 Friedrich Jacobi an Johanna Schlosser (353)



10. November

Düsseldorf. Friedrich Jacobi an Johanna Schlosser

Mitgeteilt von Max Morris im Jahrb. d. Goethe-Ges. 1914

Was Du mir von Goethe schreibst, meine Teure, hat mir den Charakter dieses aufgeblasenen Gecken noch um ein gut Teil ekelhafter und verächtlicher gemacht. Ich kehre ihm auf ewig den Rücken zu, wie fast alle rechtschaffene Männer unserer Nation lange vor mir schon getan haben. Sein eigener Geist sei mit ihm und lasse ihn glücklich sein ohne Gott, ohne Freund und ohne Tugend! 

Mir sind diese Namen durch meine Bekanntschaft mit Goethe ehrwürdiger als jemals geworden. Nichts kömmt dem Eindrücke gleich, den ein Mensch wie ich davon empfängt, wenn ihm, in einem Menschen wie Goethe, etwas zum Greuel wird ...

Menschlicher Wert beruhe auf Zuverlässigkeit und Treue gegen sich selbst und Andere. Er wundere sich, das die Freundin die Vorgänge kenne und trotzdem zum Guten rede.

So weißt Du also, was Goethe „Woldemar“ und seinem Verfasser, nach gehaltenem Gastmahl, für eine schöne Standrede gehalten. Mit welchen Ausdrücken — beide hätten das Henken verdient — er das Buch verurteilt: zur wohlverdienten Strafe und andern zum schreckenden Exempel an beiden Ecken der Decke an eine Eiche genagelt zu werden, wo es so lange flattern sollte, als ein Blatt daran wäre; wie er selber das Urteil an einem Exemplar (vermutlich dasselbige, welches ich ihm geschenkt und das er in dieser Absicht zu sich gesteckt hatte) vollzogen und einen großen Jubel über den herrlichen Effekt angestimmt hat; daß das Buch an der Eiche befestigt gelassen und die Spaziergänger sich mit desselben Anblick zu belustigen ermuntert worden sind.

Eine solche Kurzweil und noch manche andere mutwillige Parodien erlaubt sich Goethe gegen einen Mann, dem er die feurigsten Liebesbriefe schrieb; mit dem er, sechs Wochen hintereinander, alle Tage Herz und Seele-teilte; mit dem er die heiligste Freundschaft errichtete und beständig unterhalten zu wollen schien; dem er sich am innigsten und vertrautesten gerad um die Zeit überließ, da er nach Weimar verschlagen wurde; den er zwar nachher vernachlässigte, doch aber nie von ihm sich trennte. Und warum? — Weil „Woldemar“, soviel Schönes er auch enthält und so voll großen, herrlichen Sinnes er auch ist, dennoch zugleich etwas an sich hat, das Goethe nicht leiden mag; etwas, das er nicht zu nennen weiß — einen Geruch: darum!

Gut! Ich weiß es sehr wohl zu nennen, was Goethen in „Woldemar“ so zuwider ist. Aber das war es nicht allein. Auch war es nicht bloßer Mutwille. So ein Teufel ist kein Mensch, aus bloßem Mutwillen das alles vergessen zu können, was Goethe zu vergessen, außer acht zu lassen hatte, um mich mit Lust in Gegenwart von Freund und Feind zu verhöhnen und zu verspotten; andern und sich selbst zum Gelächter zu machen; und meine standhafte, mutige, nie verleugnete Liebe zu ihm zur Torheit und zur Schande.

Ich mag mich über sein tolles Tun und Reden weiter nicht auslassen. Kein Mensch, der hinlänglich unterrichtet ist, wird zweifeln können, daß Goethe Grimm, Bosheit und Tücke gegen mich im Herzen hatte. Die Ursachen sind leicht zu entwickeln. Unter andern mocht er glauben, ich sei wohl frevelhaft genug, mich vielleicht nicht für ganz unwürdig anzusehn — ihm die Schuhriemen aufzulösen; bildete mir albernerweise ein (woher, ist bekannt genug), was von seinem Geist in mir zu haben; vergötterte mich also; fiel in Luzifers Sünde. Was war also billiger, als daß der Ewige sich rüstete, um mich zu verstoßen in die ewige Finsternis zu dem Teufel und seinen Engeln.

Ich holte mir heute früh den „Clavigo“, des Carlos wegen, worin Goethe so ganz leibt und lebt. Indem ich das Buch aufschlug, kam mir die Erinnerung, wie ich das Stück zum erstenmal gelesen.--Alles, alles von Goethe, mit welcher Liebe nahm ich es nicht auf! Die Fehler in seinen Werken, über welche Freundschaft mich nicht verblenden konnte, wie sehnlich wünschte ich nicht, sie daraus zu vertilgen! Und an ihm selbst ... Wie hab ich ihn nicht verteidigt, vor mir und vor andern, und wo keine Entschuldigung Stich hielt, wo aller Witz, aller Scharfsinn, alle Hypothesen vergeblich waren, mit welch liebevoller Wehmut in meinem Busen verborgen oder mit meinem eigenen Leibe ihn bedeckt! — Du bist manchmal Zeuge gewesen, und Du kennst Goethe.

Eine Antwort von ihm auf meinen letzten Brief hab ich keinen Augenblick erwartet. Es wäre auch höchst albern und höchst unverschämt von ihm gewesen, wenn er mir eine geschrieben hätte; und worauf man sich bei Goethe noch verlassen kann, ist, daß er keinen dummen Streich machen wird.

Recht herzlich habe ich über die Stelle in Deinem Briefe lachen müssen, wo Du sagst: „Dein Verdruß über diese Sache schien ihm aufrichtig leid zu sein.“ — Le pauvre homme! — O die gute, edle, freundschaftliche Seele! Aber Gott bewahr uns vor seinen Abstraktionen! In einem von Lessings Lustspielen schimpft jemand seinen Vater und beweist, daß er ihn sogar wohl prügeln dürfe; zwar beileibe nicht, insofern er sein Vater sei, sondern nur in dieser oder jener naturrechtlichen Rücksicht. Goethe, mit weit mehr Genie als der alberne Damis von Lessing, möchte seine hohe Abstraktionsgabe leicht so weit treiben und so launicht distinguieren, daß er seinem besten Freunde, so lieb ihm dieser wäre und er ihm nichts zuleide sagen oder tun möchte, unversehens einmal die Gurgel abschnitt’ und bei den Beinen an den Galgen aufhing’ — ganz unschuldigerweise und so, daß der liebe Freund selber nichts dagegen haben würde, wenn er sich nur in ihn hineindenken und sich an seine Stelle versetzen wollte.

Und so möge der gute, brave, große Goethe hinziehen in Frieden, und ziehe ihm nach, wer Lust hat! Ich danke Gott dafür, daß wir geschiedene Leute sind.

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