> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...10.07.177 Knebel an Herder (310)

2015-10-02

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...10.07.177 Knebel an Herder (310)



10. Juli

Tiefurt. Knebel an Herder (der im Bade war)

Vorigen Freitag sind wir um 5 Uhr aufgestanden, um gegen 9 Uhr in Dornburg zu sein, wo die christliche Herrschaft sich samt und sonders versammelt fand. Auch der Statthalter [Dalberg] war da. Da ging’s auf ein Bewundern der Gegend. Die Herzogin Luise sagte: „Das ist der beste Tag, den ich noch hier gehabt habe. Es ist mir wie in einem schönen Traum!“ Uns andern waren diese Schönheiten schon familiärer. Wir legten uns deshalb aufs Herumklettern; besuchten den Saal, wo der Kaiser Otto anno 8- bis 900 Reichsversammlung gehalten, wo seine Schwester Mathildis mit gewesen, das Zimmer, wo die schöne Gräfin erstochen, und ihr eisernes Bett usw. So ging’s zu. Kurz, man resolvierte sich, nachts da zu kampieren, machte des andern Morgens bei hellem lichten Sonnenschein Feuerwerk, daß die Berge und Täler davon widerhallten und die Elemente von dem Knall zerplatzen wollten, und kehrte so mittags wieder heim, da doch allen nach ihrer Art so ziemlich wohl geworden war. Goethe und der Statthalter haben auch hübsche Landschaften gezeichnet, und das ist das Nützliche von unserer Partie.

So was und dergleichen könnte ich Ihnen noch vielerlei erzählen. Auch ist Gleim acht Tage hier gewesen und hat ein paarmal hier mit uns gespeist.

Goethe ist jetzt zuweilen bei uns, bringt eine halbe Nachtwache und einen Morgen bei uns zu und macht uns die Stunden, die er hier ist, sehr angenehm. Er hat uns seine neue Komposition von „Wilhelm Meisters theatralischer Sendung“ vorgelesen, welches ein sehr fein Werk ist. Sonst zeichnet er, liefert unsere Köpfe nach seiner Vorstellungsart. Scheint auch, er will das Werk seiner Statthalterschaft mit dem ihm anständigen Eifer sich angelegen sein lassen.

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