> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...01.09.1780 Knebel an Lavater (371)

2015-10-13

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...01.09.1780 Knebel an Lavater (371)



1. September

Rastatt. Knebel an Lavater

Lavater scheint auf Knebels Brief vom 14.8 geantwortet zu haben, an des Herzogs Güte zweifle er nicht, aber von Goethe höre und sehe er Verschiedenartiges, das er erklären müsse, er kenne ihn nach so vielen Jahren immer noch nicht.

....etwas weh tut es mir, daß Sie Goethen nicht kennen. Was soll ich sagen? Ich weiß es wohl, er ist nicht allezeit liebenswürdig. Er hat widrige Seiten. Ich habe sie wohl erfahren. Aber die Summe des Menschen zusammengenommen ist unendlich gut. Er ist mir ein Erstaunen, auch selbst von Güte. — Der Durchreisenden keiner sieht ihn — und doch urteilt jeder. In Weimar selbst wird er kaum gesehen. In der Entfernung ist er nicht zu sehen. 

Noch zur Stunde schwör ich, daß seine Richtung grad, seine Absichten rein und gut sind. — Verkannt muß er werden, und er selbst scheint drin zu existieren. Die Schönheit, die sich unter der Maske zeigt, reizt ihn noch mehr. Er ist selbst ein wunderbares Gemisch — oder eine Doppelnatur von Held und Komödiant. Doch prävaliert die erste. — Er ist so biegsam als einer von uns. Aber Eitelkeit hat er noch etwas, seine Schwächen nicht zu zeigen. Da läßt er denn gemeiniglich leere Lücken oder stellt einen Stein davor, oder, wann er sie sehen läßt, schlägt er mit Fäusten zu, daß man sie ihm nicht berühre. — Wenn er’s nicht sagt, dann hat er seine Freunde am liebsten. Vor allen Sterblichen liebt und ehrt er Sie. Wann Sie den Herzog liebhaben müssen, so bedenken Sie, daß ihm Goethe zwei Drittel von seiner Existenz gegeben! ...

[Randbemerkungen:] Noch eins zu Goethe! Er ist weitsehend, vielleicht zu weitsehend zu seinem Stand — und dann oft wieder zu nah. Dies verwirrt den Blick der andern. Er sieht Dinge in Jahren kommen, die man gegenwärtiger glaubt, und holt andre aus der Ferne herbei. Dies liegt in seinem eignen Gefühl von der Reife. Auch hat niemand leicht genügsamen Unterricht von der Beschaffenheit seines Hofes und seines Zustandes darin. — Die Flügel sind ihm noch, durch das unvermeidliche Schicksal, wie andern, sehr gebunden.

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