> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...31.10.1779 Johanna Schlosser an Fritz Jacobi (350)

2015-10-09

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...31.10.1779 Johanna Schlosser an Fritz Jacobi (350)



31. Oktober

Emmendingen. Johanna Schlosser an Fritz Jacobi

Schlossers zweite Frau war Johanna Fahlmer, die vor einigen Jahren Goethes vertraute Freundin gwesen war. Über ihr Verhältnis zu Jacobi  vgl. 23. Dezember 1774.

Goethe sagte mir gleich eine halbe Stunde nach seiner Ankunft von Deinem Briefe an ihn, den er in Frankfurt erhalten hätte, und was Du ihm darinnen vorwirfst, nämlich Dinge, die durch den Weg der schändlichen Klatscherei Dir endlich zu Ohren gekommen sind. Er erzählte offenherzig den ganzen Verlauf: daß er manche mutwillige Parodien — nicht geschrieben, aber mündlich über Deinen „Woldemar“ geschwatzt habe. Sagte: so schöne Dinge, soviel großer, herrlicher Sinn auch darin sei, so könne er nun einmal für sich das, was man den Geruch dieses Buchs nennen möchte -anders wisse er sich nicht auszudrücken,- nicht leiden. Auch habe er, wie lieb Du ihm seist und wie ungerne er Dir etwas zuleide sagen oder tun möchte, dem Kitzel nicht entgehen können, das Buch, zumal den Schluß desselben, sowie es ihm einmal aufgefallen sei, zu parodieren, nämlich daß Woldemarn der Teufel hole. Man dürfe nur ein paar Zeilen ändern, so sei es unausbleiblich und nicht anders, als der Teufel müsse ihn da holen. 

Er sprach mit ganz arglosem Wesen davon und suchte mir zu bedeuten, was dergleichen launichtes Getreibe in ihm für eine abgesonderte Sache sei usw. Er schwur darauf, daß er wünschte, Du wärest mit zugegen gewesen; Du selber hättest mit eingeschlagen, mutwillig im Abstrakten die Sache einmal zu nehmen. 

Nur möchte er sich nicht gerne schriftlich in dergleichen Explikationen einlassen, besonders nach dem, worauf Dein Brief gestellt wäre. Doch schrieb’ er Dir vielleicht, vielleicht noch bei mir. Ich bestand darauf, es sei Pflicht, er müsse. Das geschah nun freilich nicht. Indessen schien ihm Dein Verdruß über die Sache aufrichtig leid zu sein. 

Wie peinlich diese Neuigkeiten für mich waren, kannst Du denken. Goethe kann gut und brav, auch groß sein; nur in Liebe ist er nicht rein und dazu würklich nicht groß genug. Er hat zu viele Mischungen in sich, die wirren, und da kann er die Seite, wo eigentlich Liebe ruht, nicht blank und eben lassen. 

Goethe ist nicht glücklich und kann schwerlich glücklich werden ...

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