> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...21.09.1779 Wieland an Sophie von La Roche (342)

2015-10-07

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...21.09.1779 Wieland an Sophie von La Roche (342)



21. September

Weimar. Wieland an Sophie von La Roche

Sie wollen von mir wissen, was an der Begebenheit mit Woldemars Briefen wahr ist oder nicht. Nämlich

das unter einer Eiche zu Ettersburg etliche davon vorgelesen wurden und dann Goethe auf dem Baum gestiegen, eine geistvolle Standrede über das schlechte Buch gehalten und es endlich zur wohlverdienten Strafe und Andern zum abschreckenden Beispiel an beiden Enden der Decke an die Eiche genagelt, wo dann eine große Freude über die im Winde flatternden Blätter gewesen....

... Ich weiß nicht, was hieran wahr ist, denn ich war nicht zu Ettersburg, war nicht gegenwärtig, als diese Büberei vorgegangen sein soll.

Wäre ich zugegen gewesen, so ist zehn gegen eins zu setzen, daß es so weit nicht gekommen wäre.

Indessen gesteh ich Ihnen, daß ich zu Weimar im Publico ein paar Tage nachher, als sich jene Begebenheit zugetragen haben soll, davon reden gehört und von Leuten, die sich einbildeten, ich müsse auch dabeigewesen sein, gefragt worden, ob es wahr sei. Da ich nun meine Unwissenheit bekennen mußte und die Leute sahen, daß ich wirklich gar nichts von der Sache wußte, so erzählten sie mir solche mit allen oben bemeldten Umständen, aber nicht als Augenzeugen, sondern als Leute, die gehört hatten, daß es sich zugetragen haben sollte.

Etliche Tage hernach kam ich wieder nach Ettersburg und wurde beim Spazierengehen in den Wald erinnert, mich überall umzusehen. Ich erblickte endlich eine in blau Papier geheftete Brochure, die an eine Eiche genagelt war, ungefähr wie man die Raubvögel an das große Tor an einem Pachthof oder einer Gentilhomie anzunageln pflegt. Was für eine Brochure es sei, wollte mir niemand sagen ...

Im übrigen sollten Sie und Jacobi Goethen schon von langem her kennen und wissen, was er fähig ist oder nicht.

Wie Sie es aber haben über Ihr Herz bringen können, mich in die Sache zu mischen ... und mich also in Verdacht haben konnten, daß ich an jener Farce, die meiner Art zu denken und zu handeln so schnurgerade entgegen ist, Anteil gehabt..., darüber erbitte ich mir nun auch hinwieder ein paar Zeilen Antwort aus.

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