> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...11.07.1782 Herder an Hamann (304)

2015-10-19

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...11.07.1782 Herder an Hamann (304)



11. Juli

Weimar. Herder an Hamann

Anfang März: Hier sind drei Gespräche über Seelenwanderung (Abdruck aus dem "Teutsch." Merkur"). Sie beziehen sich auf ein Schlossersches Gespräch, das hier, so unwürdig es ist, sehr gepriesen worden.

Schlosser ist ein grober Asinus, und ich bin weit entfernt, ihm zu antworten. Ich glaube, ich habe Ihnen gesagt, daß ich an seine Broschüre nur ging, weil sie hier als ein Heiligtum von Goethe in Kurs gebracht war, der auch die Unverschämtheit gehabt hat, mir sein drittes Gespräch anzumelden ...

Gestern ist der hiesige Kammerpräsident von hier abgegangen, mit tausend Talern Gehalt verabschiedet. Er ist ein junger Mann unter meinem Alter, der Goethe hierher gebracht, bei dem dieser zuerst gewohnt hat, der sich nach der allgemeinen Stimme auf seine Geschäfte sehr wohl verstand und den Goethe an seine Stelle brachte. Er ist mit großen Komplimenten verabschiedet worden, „weil der Herzog kein Zutrauen auf ihn hat und er gemerkt habe, daß Kalb - so heißt er — auch keins zu ihm habe“. Und nachdem seine ehrenvolle Dimission im Conseil diktiert worden, ist Goethe zum Kammerpräsidenten ernannt, doch ohne diesen Namen, der für ihn ohne Zweifel auch als Appendix zu klein ist. 

Er ist also jetzt Wirklicher Geheimer Rat, Kammerpräsident, Präsident des Kriegscollegii, Aufseher des Bauwesens bis zum Wegbau hinunter, Direktor des Bergwerks, dabei auch Directeur des plaisirs, Hofpoet, Verfasser von schönen Festivitäten, Hofopern, Balletts, Redoutenaufzügen, Inskriptionen, Kunstwerken usw., Direktor der Zeichenakademie, in der er den Winter über Vorlesungen über die Osteologie gehalten; selbst überall der erste Akteur, Tänzer, kurz, das Faktotum des Weimarschen und, so Gott will, bald der Major domus sämtlicher Ernestinischer Häuser, bei denen er zur Anbetung umherzieht. 

Er ist baronisiert, und an seinem Geburtstage ... wird die Standeserhebung erklärt werden. Er ist aus seinem Garten in die Stadt gezogen und macht ein adlig Haus, hält Lesegesellschaften, die sich bald in Assembleen verwandeln werden usw. usw. 

Bei alledem geht’s in Geschäften, wie es gehen will und mag. Meine Gegenwart ist hier beinah unnütz und wird mir von Tag zu Tag lästiger. Was anderswohin weiß, sehnt sich weg...

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