> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...13.06.1777 Wieland an Merck (308)

2015-10-01

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...13.06.1777 Wieland an Merck (308)



13. Juni

Weimar. Wieland an Merck

Er spüre sehr den Mangel eines gegenwärtigen Freundes.

Von meinen hiesigen sogenannten oder auch würklich guten Freunden ist auch nicht ein einziger, der mir nur soviel Licht und Wärme mitteilte, als vonnöten ist, um ein paar Eier dabei lind zu sieden. Sogar Goethe und Herder sind für mich wenig besser, als ob sie gar nicht da wären. Mit jenem — was für herrliche Stunden und halbe Tage lebt ich mit ihm im ersten Jahre! Nun ist’s, als ob in den fatalen Verhältnissen, worin er steckt, ihn sein Genius ganz verlassen hätte; seine Einbildungskraft scheint erloschen; statt der allbelebenden Wärme, die sonst von ihm ausging, ist politischer Frost um ihn her. Er ist immer gut und harmlos, aber — er teilt sich nicht mehr mit - und es ist nichts mit ihm anzufangen. 

Auch sehen wir uns nur selten, wiewohl ich fest glaube, daß er nichts wider mich hat und von mir überzeugt ist, daß ich ihn herzlich liebe.

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