> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...Wieland an Merck (365)

2015-10-12

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...Wieland an Merck (365)



16. April

Weimar. Wieland an Merck

Über die Aufnahme seines "Oberon".

Goethe hat sich mir von dieser Seite in dem schönsten Lichte gezeigt, und ich kann Dir nicht ausdrücken, wie gänzlich ich mit allem, was er tut und sagt, und kurz, mit seiner ganzen Art zu sein zufrieden bin. Das nämliche gilt auch vom Herzog. 

Ich rede ... bloß von dem Augenpunkt, woraus sie mir erscheinen, und bekümmere mich um die übrigen Verhältnisse gar nichts, weiß auch nichts davon, außer daß mich überhaupt bedünkt, es gehe im ganzen merklich besser als vordem, und daß ich in Goethens öffentlichem Benehmen eine Sophrosyne wahrnehme, welche die Gemüter nach und nach beruhigt und mir Bürge ist, daß noch alles so gut bei uns gehen wird, als man’s rationabiliter verlangen kann.

Seine Beschreibung ihres Zugs durch Wallis über die Furka und Sankt Gotthard, womit er uns vor kurzem bei der Herzoginmutter regaliert hat, ist mir in ihrer Art so lieb als Xenophons Anabasis. Es war auch ein eigentlicher Feldzug gegen alle Elemente, die sich ihnen entgegenstellten. Das Ding ist eines von seinen meisterhaftesten Produkten und mit dem ihm eigenen großen Sinn gedacht und geschrieben. Die Zuhörerinnen enthusiasmierten sich über die Natur in diesem Stücke; mir war die schlaue Kunst in der Komposition noch lieber, wovon jene nichts sahen. Es ist ein wahres Poem, so versteckt auch die Kunst ist. 

Das Besondere aber, was ihn auch hier, wie fast in allen seinen Werken, von Homer und Shakespeare unterscheidet, ist, daß der Ich, der Ille ego, überall durchschimmert, wiewohl ohne alle Jactanz und mit unendlicher Feinheit. 

Des Herzogs wird darin (wenigstens in der Skizze, die uns Goethe las) selten und nur mit wenigen Zügen gedacht; aber diese Züge sind so charakteristisch und zeichnen einen so edlen und fürstlichen Menschensohn, daß mir’s, wenn ich der Herzog wäre, mehr schmeicheln würde als eine Eloge von Mr. Thomas mit Trompeten und Pauken.

Antoine Leonard Thomas (1732-85) Professor der Beredsamkeit in Paris, war bekannt durch seine Lobreden auf berühmte Persönlichkeiten.

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