> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...06.03.1780 Jung-Stilling an Lerse (361)

2015-10-11

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...06.03.1780 Jung-Stilling an Lerse (361)



6. März

Kaiserslautern. Jung-Stilling an Lerse

Jung war in Stuttgart ein Freund und Schützling Goethes gewesen; er hatte deshalb in seinen 1777 erschienen Erinnerungen "Jung Stillings Jugend" Goethe dankbar gedacht, ohne seinen Namen zu nennen. Sehr bald überwog aber der Pietismus in ihm. Um 1780 wirkte der vorher als Augenarzt berühmt gewesene Dr. Jung als Professor der Kameral-Akademie zu Kaiserslautern.

Ein Kleeblatt vom Lauthischen, ehemals merkwürdigen Tische ist noch übrig: Goethe, Du und ich .

Die Andern seien in Unbedeutenheit versunken.

Goethe — nun, das weiß alle Welt! Der hat mir oft bange gemacht, aber, denk, Bruder, die Anmerkung ist mir oft über ihn eingefallen: wenn ein Mensch auch nichts anderes als Genie ist, gar keine Stetigkeit, keine Schwerkraft hat, die ihn nach dem Mittelpunkt zieht - so treibt ihn der Wind durch alle Lüfte um; er flackert, lodert: Niemand kann sich an seinem Feuer erwärmen, noch durch sein Licht geleitet werden.

Doch glaub ich noch immer, er wird noch ein brauchbarer Mann werden. Er war’s noch nicht. Weiter hat er noch nichts getan, als daß er wie ein wilder, ungeheurer Mastochse auf der Wiese herumgeeilt und vorne und hinten in die Höhe sprang. Da krochen dann hundert Frösche nebeneinander ans Ufer hin, mochten gerne alle so Ochsen sein, pausten und dehnten sich, daß es zum Erbarmen war. Darüber haben wir andern Geschöpfe nun zwar herzlich gelacht; aber, Bruder Lerse, das ist gar ein kleines Verdienst, auf fetter Wiese umherzugaukeln und die Leute lachen machen.

Wird er aber einmal zahm, so daß sein Herzog mit ihm pflügen kann, nun, dann gib acht, was aus Goethe wird!

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