> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...20.10.1780 Friedrich Jacobi an Heinse (373)

2015-10-13

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...20.10.1780 Friedrich Jacobi an Heinse (373)



20. Oktober

Düsseldorf. Friedrich Jacobi an Heinse

Bericht über seine Reise nach Holstein, Hamburg, Braunschweig usw.

Lessing war auf Wielanden, seines Leichtsinns wegen, gar nicht wohl zu sprechen; am wenigsten könnt er ihm die Epistel zum Lobe Goethes verzeihen. Von Goethe selber sagte er, daß, wenn er je zu Verstände käme, so würde er nicht viel mehr als ein gewöhnlicher Mensch sein. Ich erzählte ihm die Ettersburger Geschichte. Sein Urteil darüber dereinst mündlich. ...

[24. Oktober] ... Wir haben diesen Herbst verschiedene Besuche gehabt, die uns lieb waren. Von dem Herrn von Knebel aus Weimar hab ich Ihnen schon gesagt. Er blieb drei Tage und fing gleich in der ersten Stunde an, mich mit Goethe wieder aussöhnen zu wollen. Ich sagte ihm gerad aus der Brust heraus alles, was ich dachte, und daß ich in der Welt keinen Grund absähe, warum ich mit dem Gecken geplagt sein sollte. Für seine Geistesgaben hätte ich allen gebührenden Respekt; übrigens aber hielt’ ich ihn für einen ausgemachten schlechten Kerl und für einen wahren Hasenfuß. So hätte ich mich, wo die Rede von ihm gefallen wäre, unverhohlen gegen jedermann erklärt. Die Sachen müßten also bleiben, wie sie jetzo stünden. Knebel schwur bis auf den letzten Augenblick, es solle nicht also sein. 

Er hat uns Goethes letztes Werk, die „Iphigenia in Tauris“, vorgelesen, ein regelmäßiges Trauerspiel in drei Aufzügen. Die Schreibart ist weder Prosa noch Verse ... Nach unserm einhelligen Urteil ist das Ganze ziemlich weit unter Goethes früheren Arbeiten. Ich hatte Kopfschmerzen und war zerstreut; und da ich das Stück nicht selbst gelesen, sondern nur lesen gehört habe, so kann ich mich um so weniger auf mein Urteil verlassen. Wie ich von Knebel verstanden zu haben meine, hält es Goethe für sein bestes.

Gegenwärtig hat er eine aristophanische Komödie, „Die Vögel“ betitelt, in der Mache, worin Klopstock als Uhu und der junge Cramer als Ente die vornehmsten Rollen spielen. Was mir Knebel davon hinterbracht hat, ist meisterhaft gestellt.

Mir fällt bei dieser Gelegenheit ein, daß Lessing von der Farce „Götter, Helden und Wieland“ sagte, Goethe hätte darin bewiesen, daß er noch viel weiter als Wieland entfernt sei, den Euripides zu verstehen. Goethes Ideen darüber seien der klareste Unsinn, wahrhaft tolles Zeug. Es sei unverantwortlich von Wieland, daß er dieses damals nicht ins Licht gestellt habe.

Knebel versicherte, das Lob, das Goethe dem „Oberon“ erteilt habe, sei aufrichtig gewesen. Aber vor „Nathan dem Weisen“ sei er ordentlich prosterniert. Er werde nicht müde, ihn als das höchste Meisterstück menschlicher Kunst zu bewundern und zu preisen.

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