> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...03.06.1778 Wieland an Merck (330)

2015-10-05

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...03.06.1778 Wieland an Merck (330)



3. Juni

Weimar. Wieland an Merck

Von Goethen, lieber Bruder, kann ich Dir nicht viel mehr sagen, als was Du in den Zeitungen von ihm wirst gelesen haben. Vorgestern kamen sie vormittags von ihrer Wanderung nach Leipzig, Dessau und Berlin zurück. Abends ging ich mit meiner Frau und beiden ältesten Mädchen über den (nach Goethens Plan und Ideen, seinem Garten gegenüber) neu angelegten Exerzierplatz, um von da nach dem sogenannten Stern zu gehen und meiner Frau die neuen Poemata zu zeigen, die der Herzog nach Goethens Invention und Zeichnung dort am Wasser anlegen lassen und die eine wunderbar künstliche, anmutig wilde, einsiedlerische und doch nicht abgeschiedene Art von Felsen und Grottenwerk vorstellten, wo Goethe, der Herzog und Wedel oft selbdrei zu Mittag essen oder in Gesellschaft einer oder der andern Göttin oder Halbgöttin den Abend passieren. Wie wir den Exerzierplatz heraufgehen, begegnet uns der Herzog. Er erblickt uns von fern, bleibt stehen, und sobald er uns erkennt, geht er uns wohl zwanzig bis dreißig Schritte entgegen und empfängt mich und die Meinigen so liebreich, daß es uns im Herzen wohltut. Sein Anschauen war mir eine wahre Herzstärkung, so gesund und kräftig sah er aus, und so edel, gut, bieder und fürstlich zugleich dand ich ihn im Ganzen seines Wesens. Ich werde je länger, je mehr überzeugt, daß ihn Goethe recht geführt und daß er am Ende vor Gott und der Welt Ehre von seiner sogenannten Favoritenschaft haben wird ... 

(Nacher) trafen wir Goethen in Gesellschaft der schönen Schröterin an, die in der unendlich edlen attischen Eleganz ihrer ganzen Gestalt und in ihrem ganz simpeln und doch unendlich raffinierten und insidiosen Anzug wie die Nymphe dieser anmutigen Felsengegend aussah. Wir hießen einander also auch willkommen, und Goethe war zwar simpel und gut, aber äußerst trocken; und verschlossen, wie er’s schon lange ... ist. Ich glaube indessen gerne und am liebsten, daß der wahre Grund davon doch bloß in der Entfernung liegt, worin wir durch die Umstände voneinander gehalten werden. Vor zwei Jahren lebten wir noch miteinander; dies ist itzt nicht mehr und kann nicht mehr sein, da er Geschäfte, Liaisons, Freuden und Leiden hat, an denen er mich nicht teilnehmen lassen kann ... Zudem werden sie nun auch diesen Sommer und Herbst über selten acht Tage hintereinander hier sein, und so wird er mir eben immer inacces-sibler, und da seine Spirallinie immer weiter und die meine immer enger wird, so ist’s natürlich, daß wir immer weiter auseinanderkommen. Indessen ist und bleibt er mir einer der herrlichsten und liebsten Menschen auf Gottes Erdboden, und damit Punktum!

Übrigens... solltest Du einmal ... all unser Wesen selbst beaugenscheinigen. Denn die Dinge wollen schlechterdings gesehen und selbst gefühlt und beschnüffelt sein. Zum Exempel: so wie Du mit Deinen Augen den Herzog, Goethen, die Schröterin und ihre dicke Cypassis, die ihr zur Folie dient, in vorbesagter Felsenszene an der Ilm ... gesehen haben würdest, notabene so offen unter Gottes Himmel und in den Augen aller Menschen, die da von Morgen bis in die Nacht ihres Weges vorübergehen: so würde und müßte Deine Seele Wohlgefallen dran haben, und Du würdesteiner ganzen Welt, die was dagegen hätte, ins Gesicht speien — und so ist’s mit zwanzig ändern Dingen.

Die dicke Cypassis: Korona hatte gewöhnlich die Freundin Wilhelmine Probst als Anstandsdame bei sich. Wedel: Der junge Forstmann Moritz von Wedel den der Herzog sehr liebte.

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