> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...26.06.1782 Wieland an Merck (303)

2015-10-19

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...26.06.1782 Wieland an Merck (303)



26. Juni
Weimar. Wieland an Merck

Mit Goethes Standeserhöhung hat es seine Richtigkeit, wiewohl meines Wissens dato noch nichts legaliter davon im Publico bekannt ist. Er hat ein Haus in der Stadt bezogen und scheint sich nach und nach immer mehr und mehr auf einen ministerialischen Fuß einrichten zu wollen. 

Daß der Kammerpräsident von Kalb auf einmal (jedoch ho-norificentissime und mit einer Pension von 1000 Talern) entlassen worden ist, wirst Du vermutlich bereits wissen. Der Schlag kam ihm so unerwartet als dem Publico, welches sich noch nicht davon erholen kann. Goethe, heißt es, soll einstweilen die Kammerpräsidentenstelle nur versehen. Man nenne es aber, wie man wolle, so wird er, ohne seinen Platz im Geheimen Conseil aufzugeben, in der Kammer präsidieren — quod felix faustumque sit! 

Homer war wohl auch a man of genius, nicht wahr? Und baut auch in seiner „Odyssee“ einen Palast oder ein Boot so gut als der beste Architekt oder Schiffszimmermeister. Ob ihm aber die Amphiktyonen darum den Tempelbau zu Delphi oder das Kommando einer Flotte übergeben oder er, wenn sie es getan, sich dazu verstanden hätte? Was meint der Herr Bruder? 

Ich, meines Orts, habe den Menschen unter allen Formen und Figuren lieb und bin überzeugt, daß ich nichts von ihm zu befürchten haben kann: also ist mir alles recht, wie es ist, und ich bin im eigentlichsten Verstand des Worts a well-wisher und ein bonus civis ...

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