> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...30.08.1781 Tobler an Lavater (288)

2015-10-17

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...30.08.1781 Tobler an Lavater (288)



30. August

Weimar. Tobler an Lavater

Wir [Knebel und Tobler) wären fort, wenn die Herzogin niedergekommen wäre; aber sie und die Doktor haben sich um einen Monat verrechnet. Alle Stunden hofft man den Knall der Kanonen zu hören. Goethe arbeitet in der Hoffnung eines Prinzen am neuen Stücke - und wenn das geschieht, so bleib ich bis zur Aufführung hier ... 

Es ist gut, daß die Schröter ziemlich gehalten und widerstehend ist. Sonst hätte ich mich hier für einen kurzen Aufenthalt ein bißchen zu viel angehängt. — Ich wollte es nicht ernstlich nehmen, aber ich erfuhr, daß alle Töne Zusammenhängen. Sie ist etwas kalt — aber wahr, froh, wohltuend ... 

Goethes „Tasso“ ist herrlich — in ganz anderer Manier als die bisherigen Stücke, am meisten der „Iphigenie“ ähnlich, noch mehr betrachtend und gesprächartig. 

Vorgestern war sein Geburtstag. Die alte Herzogin, für deren Protege ich gelte, gab ihm eine Fete und Walddrama. Schröterin agierte. Es tat mir weh, sie auf dem Theater zu sehen. Aber morgens drauf machte sie mich’s wieder vergessen. Sie spielt mir oft die Lieder von Rousseau voll Einfalt und Natur. Es ist eben kein Wunder, daß sie nicht mehr Lust gehabt hat, sich an mich zu hängen. Wer mag sich an einen Reisenden attachieren? Die Weiber sind klüger als wir. Und denn hat sie der verzweifelte Goethe gar zu gut verwahret, indem er ihre Kunsttalente beständig in Atem hält — und all seinen Witz braucht, ihre Munterkeit zu nähren.

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