> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Bettina Seite 125

2015-11-08

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Bettina Seite 125



BETTINA

Fast zur gleichen Zeit, als Goethes Leben durch die Begegnung mit Napoleon am weitesten in die Weltgeschichte hinaus vorgeschoben wurde, führte ihn eine andere Bekanntschaft auf den subjektivsten Sonderkreis zurück: Bettina Brentano. Diese Bekanntschaft ist durch die Wichtigkeit die sie für Bettina gewonnen hat, deren bester Ruhm und eigentlicher Inhalt darauf beruht, auch in Goethes Leben ernster genommen worden als sie verdient, und man hat über der schwärmerischen und wortreichen Heftigkeit ihrer Bekenntnisse übersehen wie wenig sie für Goethe bedeutet hat und bedeuten konnte. Goethes Briefe an sie sind kaum viel mehr als die zartfühlende und erhabene Abwehr einer schwer zu ertragenden und unfruchtbaren Hingabe, und wenn man mehr auf den Ton als auf die Wendungen achtet, so fühlt man wie lästig ihm allmählich dieser Weibskobold nach dem ersten erfrischenden Eindruck seiner seltsamen Lebendigkeit geworden ist, der zu begabt, zu lebensvoll war um ganz vernachlässigt zu werden (abgesehen von den traditionellen Freundschaftsbeziehungen zwischen den Familien Goethe und Brentano) und doch zu maßlos, ungeordnet und sogar unzurechnungsfähig, um für den gereiften Goethe mehr sein zu können als ein rasch überblicktes und klassifiziertes Stück Mensch. Für Goethes Mutter freilich war das unbekümmerte und unverantwortliche Wesen in der Frankfurter Enge und Behäbigkeit eine Erfrischung und Erweiterung — und sie hatte, schon als Frau, nicht die Art Verantwortlichkeit vor einem gefügten Ganzen wie ihr Sohn.. sie konnte sich an der bloßen Lebendigkeit, Begeisterung, Laune und selbst großmütigen oder boshaftigen Narrheit Bettinas erfreuen, ohne Forderung und ohne Maßstab. Über Goethes Mutter führte denn auch der Weg Bettinas zu Goethe, und schwerlich hätte Goethe die zudringliche und nicht immer taktvolle, um jeden Preis und bei jeder Gelegenheit mit Volldampf temperamentvolle Schwärmerin auch nur so lange ausgehalten, wenn nicht die Rücksicht auf seine Mutter und die Erinnerung an ihre Mutter, kurz die Pietät vor der eigenen Vergangenheit, ihm Schonung und Duldung geboten hätten. Und von dieser Pietät her allein konnte sie ihm auch bei seiner Arbeit helfen — ein Anspruch den der reife Goethe an jeden stellte der Freund mit ihm bleiben wollte, es sei denn daß er durch eine sinnlich-geistige Liebe, die sein ganzes Wesen steigern und schwellen konnte, der sachlichen Wertfrage „was bedeutet dieser Mensch für mein Werk“ überhoben wurde. Bettina mochte ihm als Gedächtnishilfe durch ihren Verkehr mit seiner Mutter bei den Vorarbeiten zu Dichtung und Wahrheit nützlich sein, obwohl er auf der Hut sein mußte vor ihrer nicht grade zweckbewußt lügnerischen, aber immer wallenden, verschwimmenden und vermischenden, gewissenlos romantischen Phantasie, der ein schön erfundenes, dichterisch dankbares Motiv lieber war als die Tatsachen. Die Grenzlinie zwischen Traum und Wirklichkeit, die kein Romantiker ehrte, war für Bettina überhaupt nicht vorhanden, und sie hatte den ganz ungoethischen Begriff von Poesie, sie sei die Aufhebung der Wirklichkeit im willkürlichen Spiel der schönen, begeisterten und entzückten Einzelseele.

Ihre sämtlichen Veröffentlichungen, zumal der Briefwechsel Goethes mit einem Kinde, sind Zeugnisse dafür wie eine Wirklichkeit solange verflüchtigt oder vergoldet wird, bis sie mit dem Belieben ihres ungesetzlich schwärmenden Ich sich verträgt — und bei all ihrem Enthusiasmus für das Große und Edle, ihrem leidenschaftlichen Bedürfnis zu bemuttern und zu betochtern, zu vergöttern und zu bemitleiden, zu verzerren und zu verhätscheln, war sie nicht frei von persönlicher Eitelkeit, ja Bosheit, schauspielerisch übertreibend was sie fühlte, sich selber vorspielend und nachspielend und sogar mitten in der Hingerissenheit sehr bewußt wie hingerissen sie sei und wie schön es ihr stehe, nie geradezu verlogen, aber ohne jede Ehrfurcht vor der Wirklichkeit und dadurch in steter Gefahr der Unwahrhaftigkeit sich selbst, und von unbedenklicher Taktlosigkeit andern gegenüber: lauter Eigenschaften die Goethe eher anwiderten als anzogen, wozu noch ihre zappelige Vivazität und ihre übersteigerte, hitzige, geschraubte Geistigkeit kam, die für Goethe ihren Reiz und ihr Temperament ungenießbar machten. Mit ihren Begabungen konnte grade er nichts anfangen, denn der Anregung und Befeuerung bedurfte er nicht, Poesie und Geist hatte er selbst genug und Vergötterung fand er auch anderswo. Körperlich war sie nicht sein Geschmack: wer mädchenhaft rein noch frauenhaft reif noch kindlich süß genug, sondern ein disharmonisches Gemisch aus kindlicher Unverantwortlichkeit, knabenhafter Schwärmerei und frauenhafter Begehrlichkeit. So kam es zum Bruch, als sich ihre Eifersucht hemmungslos gegen Goethes Frau erging, in einer zugleich rohen und geistes-hochmütigen Weise. Man hat aber den Eindruck als sei Goethe dieser zureichende Anlaß sich der lästigen Verehrerin zu entledigen sehr willkommen gewesen.

Sie hat in Goethes Leben keine tiefe Spur zurückgelassen, obwohl sie sich einige Mühe gab das Denkmal das sie ihm setzte zu einem Denkmal das er ihr gesetzt umzudeuten, selbst umzufälschen. Goethes Briefe an sie gehören nicht zu seinen bedeutendsten, obwohl sie als Spezimina eines in seinem Leben so nicht wiederkehrenden Verhältnisses und Verhaltens lehrreich sind, als Muster einer pädagogischen Abwehr und einer onkelhaft zugleich entgegenkommenden und zurückhaltenden Neigung. Es ist bezeichnend für die unschmelzbare Kühle Goethes gegen Bettinas Weiblichkeit daß sie ihm kein wirkliches Gedicht entlocken konnte. Sie hat das selbst als eine Beeinträchtigung empfunden und die Sonette an Minna Herzlieb für sich in Anspruch zu nehmen gesucht, auch sonst den Briefwechsel Goethes mit ihr etwas künstlich aufgeschönt und angewärmt. Einige Züge ihres Benehmens und Eindrucks, nicht grade ihres Wesens und ihrer Gestalt, meint man in der Luciane der Wahlverwandtschaften wieder zu erkennen, das fratzenhaft lebendige, das wohlmeinend störende, ja verderbliche, und das reizvoll oder ärgerlich ungeordnete Treiben einer unverantwortlichen Begabung.

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