> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Der alte Goethe Seite 120

2015-11-06

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Der alte Goethe Seite 120



DRITTER TEIL

ENTSAGUNG UND VOLLENDUNG


DER ALTE GOETHE

Wir beginnen den letzten Gesamtabschnitt von Goethes Leben, d. h. eine in allen Äußerungen wahrnehmbare Richtung und Haltung seines Wesens welche sich von seiner bisherigen Lebensrichtung und Haltung unterscheidet, mit dem Tod Schillers. Wir sind dabei eingedenk daß das Dasein eines Menschen eine Einheit ist und solche Einteilungen methodische Hilfsmittel des darstellenden Betrachters, nicht absolute Wesenheit des Betrachteten sind, also immer nur annähernde Gültigkeit haben. Wir können eine geschichtliche Masse nur gegliedert in uns aufnehmen, und setzen eine Zäsur dort wo uns neue Merkmale eines einheitlichen Ganzen gegenüber bisher gewahrten Merkmalen deutlich werden.

Schiller war der letzte Mensch der in Goethes Leben Epoche gemacht hat, wie vor ihm Herder, Karl August und Charlotte von Stein, aber weniger durch Zuführung eines neuen Gehalts als durch eine Wiedererweckung und Reaktivierung seiner poetischen Kräfte überhaupt, zugleich durch eine Theoretisierung des Goethischen Schaffens. Die bewußte Anwendung eines künstlerischen Kanons, der theoretische Gebrauch der schöpferischen Fähigkeit, wie sie Goethe unter Schillers Einfluß zeigt, ist zugleich eine neue Altersstufe, und auch hier trifft die innere Reife für ein Erlebnis, für einen Zustand mit der schicksalhaften Begegnung zusammen. Wir wissen nicht ob Goethe auch ohne Schiller nochmals eine dichterische Erneuerung erfahren hätte: wie er sie erfahren hat ist sie nicht ohne Schiller denkbar. Auf der Bahn die ihm durch Schiller eröffnet war ging Goethe auch nach Schillers Tod weiter.

In der Entwicklung eines großen Menschen unterscheiden wir die Eroberung neuer Gehaltsphären und die Ausbeutung der eroberten — die Ausbildung neuer Methoden und die Anwendung der ausgebildeten . . auf Goethe angewandt heißt dies daß er seit dem Tode Schillers zwar noch Neues erlebt, gedacht, gestaltet hat, aber innerhalb des geistigen Bereichs und mit denjenigen geistigen Kräften die er bei Schillers Tod schon erobert und ausgebildet hatte, während z. B. die Produktion vor und nach Goethes Bekanntschaft mit Herder, vor und nach der italienischen Reise, vor und nach dem Bund mit Schiller nicht nur verschiedene Gewächse desselben seelischen Klimas, sondern Gewächse verschiedener Klimaten sind. Die geistige Weltstellung, mit ihren ganz bestimmten inneren Befugnissen und Machtmitteln, die Goethe bei Schillers Tod inne hatte behielt er bis ans Ende seines Lebens, und was wir als Geschichte und Bild des alten Goethe darzustellen haben, ist nicht mehr die Eroberung neuer Sphären und Methoden, sondern die Auswirkung und Anwendung, die Bebauung und Ernte des unerschöpflichen Bereichs den er sich in den vorigen fünfzig Jahren gesichert und erobert hatte: seine Selbstbehauptung, seine Selbsterziehung und seine geistige Eroberung der Welt, erst instinktiv, dann bewußt, war vollendet, und er besorgte in dem letzten Menschenalter sozusagen die laufen» den Geschäfte die sich aus seiner erhabenen Weltstellung, aus der Wechselwirkung zwischen seinem Selbst und dem von ihm beherrschten geistigen Kosmos ergaben.

Ich fasse zusammen was die Grundzüge des alten Goethe sind, gegenüber dem jungen und dem klassischen Goethe. Zunächst in der äußeren Weltstellung ist Goethe seit dem Bunde mit Schiller anerkannt als einer der großen deutschen Geister, als deutscher Klassiker in dem Sinn wie wir ihn heute bezeichnen. Der junge Goethe war ein allgemein gefeierter, im Publikum berühmter oder beliebter Autor als Verfasser des Götz und des Werther und außerdem der Führer einer jungen literarischen Richtung, der Kraftgenies: aber als eine von seinen Werken oder seiner Richtung losgelöste geistige Persönlichkeit, die über dem Parteitreiben stand, erschien er erst nach der Verbindung mit Schiller, nach der Wiederaufnahme der poetischen Produktion und kraft des durch Schiller ihm aufgedrungenen geistigen Richteramts, zugleich als Abgott einer durchgebildeten jüngeren Generation, der Romantik. Mit dieser Stellung zusammen hing — einerlei ob als ihre Ursache, als ihre Folge oder als ihre Funktion zu deuten — Goethes pädagogische Haltung gegenüber der deutschen Bildungswelt. Der junge Goethe hatte sein einzigartiges Ich ohne Rücksicht auf Wirkung ausgeformt und ausgesprochen, der Goethe der Italienischen Reise arbeitete im stillen an seiner Selbsterziehung, die ihm keine Zeit ließ an der Erziehung der deutschen Gesellschaft zu arbeiten. Nach der Vollendung dieser Aufgabe, in die allerdings die Ausbildung der Mittel zur Eroberung und Durchdringung der gesellschaftlichen praktischen beruflichen Welt mit eingeschlossen war, war ihm von innen her das Bedürfnis und von außen her die Nötigung gegeben, durch seine Berufstätigkeit, durch Schillers Einfluß, durch die politischen und die literarischen Konstellationen, als Lehrer und Erzieher seiner Nation aufzutreten. Die Mitarbeit an Schillers Zeitschriften und Almanachen, seine Theaterleitung, das Xeniengericht und seine Revolutionsdramen sind die Zeichen dieser Wendung. Das pädagogischeWirken erforderte zugleich eine größere theoretische Anstrengung als sie dem bloß dichterisch schauenden und schöpferischen Goethe bisher gemäß war. Die Erörterungen über Regeln und Muster, über Gattungen und Ziele, die Ausbildung der Theorie über das bloße Werk hinaus ist auf allen Gebieten das dritte Zeichen des alten Goethe.

Der Tod Schillers warf Goethe nicht aus der Bahn in die er mit und durch Schiller eingetreten war, aber er unterbrach die stetige Aktivität mit einem tragischen Ruck und brachte ihn zum Bewußtsein seiner Einsamkeit in seiner damaligen Reife und Bildung. So lang er diesen rüstigen jüngeren Gefährten an der Seite hatte, nahm er teil an dessen Altersstufe und durfte sich noch als einen vorwärtsdrängenden Jünglingmann empfinden, durch einen zweiten Frühling erneuert über seine natürlichen Jahre hinaus, wenn auch mit den Mitteln des ergrauenden Weisen ausgestattet. Nun war dieser Frühling zu Ende, und als Goethe aus dem dumpfen Schmerz über den Verlust sich wieder aufraffte, war er allein mit seiner Weisheit und seinem Reichtum, ohne eine unmittelbare äußere Aufgabe wie sie ihm Schillers ruhelose Aktivität bisher immer gestellt hatte, ohne einen drängenden inneren Konflikt, womit die Jahre seiner Selbsterziehung in Weimar und Italien, und früher noch die Sturm-und-drangzeit ihn in Atem hielten. Das erstemal war er ganz vor die natürliche Aufgabe des Alters gestellt, zurückzuschauen, überblickend zu sammeln und wieder aufzubauen was zertrümmert, zu erhalten was bedroht schien, ohne selbstverständliche Hoffnungen auf eine neue Offenbarung wie sie dem Jüngling, und auf einen neuen Wirkungskreis wie sie dem Mann gemäß ist. Schauen war immer seine Lust, seit Italien fast seine Leidenschaft und sein Beruf gewesen, die Grundform seines Denkens und der Haupttrieb seines Dichtens: aber das Vorausschauen und Umschauen wurde erst seit Schillers Tod durch das sammelnde Zurückschauen ergänzt, dem sein eigenes Dasein zum Gegenstand wurde, zum symbolischen Denkmal einer Weltwerdung. Nicht mehr Selbstbeobachtung zum Zweck der Selbsterziehung, sondern Überschau des eigenen Werks und Wesens als einer aus ihm selbst herausgetretenen, objektiven Gestaltung lag ihm jetzt an, einer Natur- oder Geschichtserscheinung die seiner Schau so würdig war wie irgendeine andere. Seit Schillers Tod beginnt Goethe mehr und mehr sich selbst „Welt“ zu werden, im Sinn eines gesetzlich entwickelten Ganzen, und wenn er sich jetzt aussprach und darstellte (sich, d. h. den von ihm durchdrungenen, ihm an verwandelten Bereich von Erfahrungen, Erlebnissen, Gegenständen, Schicksalen) so war es nicht mehr bloß lyrische Beichte oder Ausbruch wie in der Prometheus» und Wertherzeit, nicht mehr bloß dramatischer oder epischer Ausdruck seiner Selbsterziehungs- und Bildungsprozesse wie in der Zeit der Iphigenie, des Tasso und des Wilhelm Meister (wenn auch natürlich diese Tendenzen in sein späteres Alter hinein noch mit- und nachwirken) sondern die bewußt beispielhafte „musterhafte“ oder historische Darstellung seines Selbst als gesetzlicher Weltform und Weltwerdung. Zu den Gegenständen des Goethischen Schauens gehörte der Prozeß seiner Selbsterziehung und Selbstbildung schon, die Wechselwirkung seiner Person mit Natur, Gesellschaft und Geschichte, d. h. mit der Auswahl an ihm bildender und für ihn bildsamer Kräfte die sein Wesen und seine Welt ausmachten. Indem Goethe wahrnahm, bestimmte er nicht nur den objektiven Gegenstand, sondern zugleich dessen Wert und Stelle in seinem eigenen Leben (z. B. ist der historische Teil der Farbenlehre bei historischem Rundblick stets auf das eigene Forschen bezogen). Indem Goethe sich Rechenschaft gab oder Bekenntnisse ablegte, bestimmte er zugleich die Weltgültigkeit seiner Lebensformen und -ergebnisse, als wären es die eines Unbeteiligten. Niemals vorher war in der Geschichte die Weltwerdung eines singulären Menschen so erfahren und dargestellt worden, wie vom alten Goethe, durch Werk und durch Leben — wobei Weltwerdung, wie es die deutsche Sprache mit sich bringt, zugleich den Prozeß und das Ergebnis bedeutet.





  

Keine Kommentare: