> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Der alte Goethe Seite 121

2015-11-06

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Der alte Goethe Seite 121



Schillers Leben und Tod gehörte zu den ersten Ereignissen die der alternde Goethe rückschauend in seine Welt einordnen mußte, und das Gedicht wodurch dies geschieht ist zugleich ein Typus seines dichterischen Verfahrens. Goethes nachitalienischen Gedichten ist gemeinsam daß ihnen ein Plan zugrunde liegt, das Wort Plan in doppeltem Sinn verstanden: als ein augenmäßig abgegrenzter geistigsinnlicher Raum und als eine vernunftmäßige Berechnung ihres Zwecks vor verantwortungsfordernden Mächten. Sie sind nicht mehr genialische Improvisationen aus dem Mittelpunkt des Herzens, das sich im gehobenen „Augenblick“ als Mittelpunkt der unermessenen und nicht übersehenen, nur gefühlten Welt auswirkt, sondern sie ordnen sich einem bereits mit der Vernunft umspannten und abgegrenzten Kosmos ein. Der Weltstoff wird nicht mehr in die einmalige Erregung hineingerissen, in ihr verdampft, sondern der Gefühlsanlaß oder das Motiv, die „Gelegenheit“ der das Gedicht entspringt, hat sich unterzuordnen einem bereits in Goethes Geist vorhandenen, festgestellten Ganzen, von dem es seinen Sinn, sein Gewicht, seinen Symbolwert empfängt. Es ist nicht mehr selbständig dem Ganzen von Goethes Weltbild gegenüber, wie jene Improvisationen, sondern es ist ein Inhalt oder ein Gesichtswinkel des Weltbildes, es ergänzt, füllt, beschränkt oder erweitert dieses Weltbild, aber es erschafft und zerstört es nicht mehr — mit wenigen aus Goethes gesamter Alterlyrik hervorragenden Ausnahmen, die wir noch gesondert betrachten werden. Der spätere Goethe hat sein Leben als ein wenn auch nicht vergangenes so doch gültiges, als ein abgegrenztes, wenn auch nicht abgeschlossenes Ganzes vor seinem inneren Blick, nicht mehr als ein ungewiß werdendes, erst umzuschaffendes, vielleicht ihn selbst zerstörendes, welthaltiges Chaos. Er hat ein andres Verhältnis zur Vergangenheit und zur Zukunft des eignen Lebens: der junge Goethe empfing sein Gesetz, seine Ausdrucksform von dem zu Erringenden, von der Zukunft in die er hineingriff, die er im begeisterten Moment vorwegnahm — wie er den Raum in den jeweiligen Mittelpunkt seines Lebenskreises zusammendrängte, so die ganze Fülle derZeit in den durchgelebten „schönen Augenblick“. Der spätere Goethe empfing sein Gesetz von dem bereits Errungenen, von seiner durchgebildeten, erkannten, beherrschten Vergangenheit, und wenn er auch vorausschaute und nicht zurück, wenn er Seher und nicht Historiker blieb — so unabhängig von seinem zurückgelegten Weg wie in der Jugend war später sein Gang, sein Blick und seine Deutung des künftigen nicht mehr: von seinen Forschungen in Natur und Kunst, von seinen Verpflichtungen gegenüber Volk und Ges sellschaft, von seinen Errungenschaften wie von seinen Verzichten fühlte er sich bestimmt. So sind seine späteren Gedichte mitbedingt durch seine Gedanken über Gattung, Muster und Regeln — lauter Ergebnisse durchlaufenen, aufgearbeiteten Lebens — und durch die sittlichen Einsichten oder durch die Naturschau zu denen sich sein Geist abgeklärt hatte: abermals Ergebnisse seines bisherigen, nicht Forderungen seines künftigen Lebens.

Aus diesem Gesamtzustand haben wir auch den Epilog zu Schillers Glocke zu verstehen. Er ist nicht mehr der unmittelbare Ausdruck einer Erschütterung, Wallung, Stimmung, etwa des Schmerzes über Schillers Tod . . auch nicht die distanzierende Bildwerdung eines seelischen Anlasses wie etwa in der Elegie Euphrosyne der Tod der jungen Schauspielerin: sondern vor allem die geistige Deutung, Einordnung und Verewigung des zeitlichen Ereignisses das ihn erschüttert hatte. Freude und Schmerz hatten keine selbständige Gewalt mehr, der Augenblick keinen unmittelbaren Ausdruckswert: sie mußten sich vor der Ewigkeit legitimieren, d. h. dem allgültigen Gesetz unter dem Goethe jetzt das Ganze seines Lebens erkannte. Der rhythmischen Darstellung seiner Erschütterungen war bei Goethe einst die bildhafte Wiedergabe der Eindrücke gefolgt — wir haben in dem Epilog zu Schillers Glocke ein erstes großes Beispiel, wie er in der Distanzierung zwischen Erlebnis und Darstellung noch einen Schritt weiter geht: der Epilog zur Glocke hat als dichterischen Ursprung und Gegenstand, über Erschütterung und Eindruck hinaus, die Bedeutung eines Erlebnisses und einer Gestalt. Nicht das Gefühl, nicht das Bild, sondern der Sinn bestimmt Anordnung und Ton des Gedichts. Vergleicht man damit noch die Elegie Euphrosyne aus den letzten neunziger Jahren, so wird die fortschreitende Vergeistigung deutlich: Anlaß und Gegenstand beider Gedichte sind sehr verwandt: es sind Totenklagen und Apotheosen [Das Gedicht auf MiedingsTod ist keine aus Erschütterung geborne Totenklage, sondern nur die durch einen Sterbefall veranlaßte Feier einer bestimmten Lebensführung, deren fast zufälliger Vertreter der Verewigte war: es gehört zu Goethes Gesinnungsrückblicken wie „Ilmenau“, oder Hans Sachsens poetische Sendung]. Es sind Versuche des Dichters aus dem Verlust teurer Menschen ihr Unverlierbares für sich und andere zu retten, durch Verewigung dessen was sie gewesen. In beiden wird das Wesen, der Charakter und die Haltung der Verewigten im Leben aufgerufen, wobei freilich die Euphrosyne als ein nur dem Dichter selbst bedeutendes und unvergeßliches Geschöpf erscheint, und Schiller als ein der Welt angehöriger Heros. Der Epilog ist nicht nur einem persönlichen Bedürfnis Goethes, sondern auch einem öffentlichen Anlaß, einer Repräsentationspflicht entsprungen. Aber nicht aus dieser weiteren Aufgabe erklärt sich die Verschiedenheit in Lebensnähe und Wärme, woran der Epilog von der Euphrosyne, ebenso wie an Bildkraft weit übertroffen wird. Goethes Schmerz um Schiller war tiefer, nachhaltiger und unheilbarer als der um jene holde Elevin, und obwohl er seine Totenklage um ihn auch als Entlastung seines eignen Schmerzes, nicht bloß als öffentliche Huldigung des Berufensten für den allverehrten Toten verfaßt hat, ist sie doch mehr ein erhabenes und weises Prunkstück, kein er. greifender und durchdringender Grabgesang geworden, wie jene Nänie. Der Gehalt ist geistig bewältigt, nicht seelisch, und weniger was Schillers Leben und Tod in Goethe gewirkt tritt in Erscheinung als was er darüber gedacht hat. Die bewußt planende, zwecke-und regelkundige Vernunft wird jetzt auch in seiner eigentlichen Lyrik führende Macht und das schöpferisch improvisierende Gefühl sowie die instinktiv gliedernden Sinne werden ihr untergeordnet, während sie früher so mit ihr eins waren, daß man Absicht und Plan als solche nicht merkte. Der Epilog auf Schillers Glocke, nicht zufällig durch das Ereignis entstanden mit dem Goethes Alter ihm selbst fühlbar wird, ist das bezeichnende Beispiel dafür.

Seit Italien war für Goethe der Begriff des „poetischen Motivs“ d. h. einer fruchtbaren Situation aus der sich der Gefühls-oder Stimmungsgehalt möglichst anschaulich entwickeln lasse, bei der Gestaltung seiner lyrischen Konzeptionen maßgebend, bewußter als früher. War sie ihm nicht gleichzeitig mit dem Gefühlsgehalt gegeben, so konstruierte er sie dazu: bei der Euphrosyne verschmolz ihm die Schweizer Gebirgslandschaft in der er die Todesnachricht der jungen Freundin bekam mit den Schmerzen und Erinnerungen die die Nachricht ihm erweckte zu einer Einheit: von dem gegenwärtigen erhebenden einsamen Schauplatz aus übersah er panoramisch die Erinnerungsbilder ihrer Vergangenheit und Unvergänglichkeit. Der Schmerz um Schillers Tod kam ihm nicht als „poetisches Motiv“, sein Bedürfnis und Anlaß zur Totenklage und Totenfeier war nicht in ursprünglichem Einklang mit seiner dichterischen Empfängnis und seiner Kunstforderung: gegeben war ihm sein Schmerz — eine reißende Leere — und die erhabene Gestalt und Wirkung Schillers, aber nicht eine einmalig faßbare und fruchtbare Situation, die als Blickpunkt ihm die panoramische Übersicht gestattet hätte. So half er sich durch die künstliche, d. h. nicht durchs Erlebnis selbst schon gebotene, vielmehr erst aus dem künstlerischen Bedürfnis entsprungene Anknüpfung an Situationsmotive aus Schillers Glocke: „Und so geschahs“. . „Da hör ich schreckhaft mitternächtiges Läuten“. Die so gewonnene Situation soll nur den für Goethes damaliges motivforderndes Kunstgefühl unentbehrlichen Übergang zur Entwicklung des eigentlichen Seelengehalts herstellen. In „Euphrosyne“ bildet eine erlebte Situation, im Epilog eine erfundene Situation den lyrischen Ausgangspunkt: erst von da aus gelangt Goethe künstlich zur eigentlichen Totenklage und zum Gedenkbild Schillers: „O wie verwirrt solch ein Verlust die Welt“.





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