> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Der alte Goethe Seite 122

2015-11-07

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Der alte Goethe Seite 122



Das Bild Schillers selbst das nun folgt ist die unvergeßliche Heroisierung eines großen Menschen durch einen andren der ihm denkbar nah gestanden. Aber nicht dies Nahestehen, nicht das Gefühl mit dem Goethe Schiller wirken und scheiden sah gibt den Grundton für die Heroisierung ab, d. h. nicht die eigentliche Menschlichkeit dieses einen Schiller, mit der Goethe vertraut war, obwohl sie erst ihn zur Heroisierung vermochte. Goethe hat sich fast gezwungen nicht im eignen Namen zu reden, sondern in dem der Gesamtheit die sagen durfte „denn er war unser.“ Er wollte von dem einmaligen Schiller die Züge verewigen die ihn zum Heros für alle machten, und hat dabei seine Person zum allgemeinen Typus des geistig duldenden und kämpfenden Heros verklärt. Er hat dabei die Gefahr der Verblasung empfunden und den geselligen, alltäglichen, selbst den launischen und heftigen Schiller angedeutet, er hat die besondre Begabung und Neigung Schillers evociert, um das gedrungene Personenbild im Heroenbild mit aufzubewahren: aber das sind mehr biographisch angefügte als dichterisch durchseelte Züge geworden. Was lebendig werden sollte und lebendig geworden ist, derart daß es noch heute die Grundzüge des weltgültigen Schillerbildes ausmacht und die monumentalen Umrisse von Schillers geistiger Gestalt für die deutsche Phantasie festhält (ähnlich wie Danneckers Idealbüste die körperliche Gestalt) kurz, der wirksame Gehalt des Nachrufs ist nicht das Individuum, sondern der Typus Schiller: der weltüberfliegende Idealist schlechthin, gepriesen in den Versen „Weit hinter ihm in wesenlosem Scheine lag was uns alle bändigt das Gemeine“ und „Von jenem Mut der früher oder später den Widerstand der stumpfen Welt besiegt“. Diese Verse sind sprichwörtlich für Schiller geworden, und lassen darüber vergessen daß sie eigentlich auf jeden Idealisten hohen Stils passen und durchaus nicht nur für Schiller bezeichnend sind, ebenso wie die Schlußverse die der Verherrlichung von Schillers Wirken gelten: auch sie bezeichnen weniger die Wirkung dieses einmaligen Mannes als die jedes Führergeistes.

Solche Typisierung entspricht nur Goethes damaligem Willen wie seiner Fähigkeit: nicht mehr sein unmittelbares Erleben zu gestalten aus der Fülle des erregenden oder erschütternden Augenblicks, sondern den allgemeinen Raum und Umriß zu bestimmen in den sein einmaliges Erlebnis gehörte, gleichsam die platonische Idee von der sein Erlebnis emaniere. Denn nicht mehr das Einmalige wollte er erleben, sondern schon das Gesteigerte, Allgültige, oder wie sein Wort dafür später lautete: das Bedeutende. Auf den Unterschied in der Wiedergabe einer Erschütterung gegen frühere Lebensstufen hat der Vergleich mit der »Euphrosyne« hingewiesen — den Unterschied zwischen individueller und typisierender Bildwerdung eines wirksamen Menschen findet man beim Vergleich des Schillerbildes im Epilog zur Glocke mit dem Bilde des Herzogs in dem frühweimarischen „Ilmenau“. Der junge Herzog ist dort in seiner unbändigen, müh- und verheißungsvollen Tüchtigkeit mit dem einmaligen Hauch seiner Stellung, Landschaft und Lebensart erfaßt und seine Schilderung ist auf keinen ändern jungen genialischen Fürsten anwendbar, wie die Schilderung Schillers in den Grundzügen auf die meisten großen Idealisten (um nur einige besonders bezeichnende aus verschiedenen Zeitaltern zu nennen: auf Plato selbst, auf Dante, auf Giordano Bruno, auf Kepler, auf Fichte und Schelling, auf den Fran? zosen Pascal, den Holländer Grotius, die Engländer Milton oder Shelley, Menschen der verschiedensten Talente, Altersstufen, Völker und Zeiten) ein weiteres Zeichen, was für den alten Goethe mehr und mehr das Entscheidende am Weltbild wurde: nicht das Einmalige, sondern das Allgültige, das Gesetz in der besonderen Gestalt, nicht die unwiederbringliche Stimmung des Augenblicks, sondern sein dauernder Niederschlag als Erinnerungsbild oder als Wirkung, nicht die Dinge an sich und in sich, sondern ihre Stelle und ihr Gewicht im Ganzen seines Weltbildes.. und selbst die ihm wichtigsten Menschen wurden ihm über Anziehung und Gegensatz hinaus zu Sinnbildern überpersönlicher Kräfte. Diese Filtrierung des unmittelbar andringenden Weltstoffs, der in der Jugend sich in augenblicklichen Eindruck und Affekt, in Stimmung und Wallung umsetzt, durch die auswählende und ordnende Vernunft ist eine Erscheinung des Alters überhaupt, und Goethe ist auch hier nur der umfassende und genial gesteigerte Vertreter der gesetzlichen Entwicklung.

Seine Eigentümlichkeit ist daß der Übergang vom gesamtsinnlichen Erlebnis des glühenden Augenblicks (sei dieser jeweils in Menschen, Landschaften oder Ereignissen zusammengedrängt) zur vernunftmäßig wertenden und ordnenden, gesetzfindenden und gesetzgebenden Weltdeutung vermittelt wird durch das Auge. Das Auge ist beim jungen Goethe wesentlich ein impressionistisch empfangendes aufnehmendes Organ, beim mittleren Goethe ein symbolisch formendes, von außen wie von innen her rundendes, beim alten ein ordnendes: es ist dasselbe Auge und alle drei Funktionen sind gleichzeitig vorhanden, aber die führende Funktion ist in jedem Lebensabschnitt eine merkbar andre.

Diese Wandlung erstreckt sich durch den ganzen Bereich seiner Fähigkeit, an der dichterischen Produktion werden wir ihn im einzelnen bei den Hauptwerken nachweisen — hier sollen nur kurz die Grundsymptome auch an seiner kritischen und referierenden Leistung erwähnt werden. Zunächst ist schon ein Zeichen jener Wandlung, daß mit den Jahren bei Goethe die referierende und kritische Tätigkeit gegenüber der formenden zunimmt. Kritik ist beim jungen Goethe ein Kampfmittel, gelegentlich angewandt, um sich eines Grolls oder einer Begeisterung zu entladen.. in der Zeit des Bundes mit Schiller ist sie ein Nebenprodukt der theoretischen Betrachtungen zur Feststellung eines Kanons für Kunst und Literatur, oder eine pädagogische Anwendung der in Italien errungenen Kunstbegriffe auf aktuelle Gegenstände alter und neuer Kunst oder Literatur.. im Alter die ordnende Überschau über ein unendliches Bereich von Einzelheiten aller Gebiete die ihm als dem Oberhaupt des europäischen Geistes begegneten und über deren Wert und Gewicht, Platz und Richtung er sich selbst und dem ihm anvertrauten Wirkungskreis kurze Rechenschaft geben wollte. Sind die kritischen Auslassungen des jungen Goethe Manifeste eines Revolutionärs, die des reifen Goethe Erlasse eines Gesetzgebers, so sind die des alten Goethe mit den Reskripten und Randbemerkungen eines Herrschers zu den täglichen Einläufen zu vergleichen. (So konnte er sich schematische Tabellen für Rezensionen anlegen: hier ist die Gegenwart des allgemeinen Raums, der Ordnung vor den einmaligen Einzelinhalten am deutlichsten.) Die Manifeste sind unverantwortliche Vorstöße gegen ein von andern anerkanntes Gesetz, die Erlasse sind Feststellungen eines Gesetzes, die Reskripte sind Ausflüsse und Anwendungen eines dem Herrscher im Ganzen gegenwärtigen Gesetzes.

Man vergleiche beispielsweise die Frankfurter Shakespearerede mit der Hamletdeutung aus den Lehrjahren und dem 1816 in Kunst und Altertum erschienenen Aufsatz Shakespeare und kein Ende. Die erste geht ganz von dem einmaligen Eindruck aus, von der Wirkung die Shakespeare in dem einzelnen, einmaligen, sich als einmalig fühlenden Jüngling hervorgebracht hat — kein Versuch Shakespeares Gestalt oder Werk als solches zu zeichnen. Gegeben ist die Seele des Empfängers, und das Objekt gilt nur als ein auf diese Seele Wirkendes, nur im Zusammenhang mit dem Menschen der es erlebt, untrennbar von dem Augenblick des Erlebnisses, d. h. von der durch Zeitalter, Lebensumstände, Charakter und Zustand bewirkten Stimmung des Erlebenden. Im Wilhelm Meister ist Shakespeares Werk losgelöst von dem Eindruck und den Beeindruckten: seine Umrisse, sein Aufbau, seine Absicht werden untersucht, und in dem was erwähnt und verschwiegen wird ist der Hinweis auf ein aufnehmendes Einzelwesen ebenso ausgeschieden wie der Hinweis auf Gesetze und Umstände denen das besprochene Werk selbst untergeordnet sei, vielmehr wird das Gebilde selbst als ein in sich ruhendes Geschöpf mit eigner Gesetzlichkeit, eignem Anspruch, kühlen Auges betrachtet: weder seine Wirkung noch seine Beziehung ist auf dieser Stufe der Goethischen Bildung Goethes Gegenstand, sondern sein Umriß und seine Gestalt. Durch den Umriß allerdings grenzt es an den Raum worin es steht und hat die Beziehung zu einem weiteren Bereich als den es ausfüllt, durch die Gestalt deutet es auf einen Sehenden, auf ein formensuchendes oder- findendes Auge hin, und wer eine Gestalt beschreiben will der sucht zugleich nach dem Raum für den und in dem sie Gestalt ist. Gestalt steht mitten inne zwischen dem einmaligen Eindruck und dem all*gültigen Gesetz.

In Goethes dritter Shakespearesschilderung, der umfassendsten und grundsätzlichsten, dem Aufsatz Shakespeare und kein Ende, ist weder von dem Eindruck noch von der Gestalt oder dem eigentlichen Werk Shakespeares selbst die Rede, sondern von dem Gesetz nach dem sein Drama entstanden ist und von dem geistigsgeschichtlichen Raum in dem es steht. Shakespeare ist hier nur der Vertreter eines allgemeinen Geschehens, oder einer bestimmten Verhaltungsart gegenüber dem Weltganzen, sei dies als Natur oder Schicksal gedeuteter ist der Träger abstrakter geistig-sittlich er Mächte, der Exponent eines Zeitalters und seiner Art Weltgefühls — kurz, nicht die einmalige Person und Leistung Shakespeares, sondern das Problem Shakespeare, als der faßliche Mittelpunkt von Gesetzlichkeiten, ist Gegenstand dieser Abhandlung. Der Sinn des Dargestellten liegt von Fall zu Fall immer weiter hinter der Darstellung selbst: in der Frankfurter Shakespearerede sind Sinn und Darstellung identisch, im Wilhelm Meister ist das Shakespearebild um eines dahinterliegenden Sinnes willen aufgestellt, in Shakespeare und kein Ende ist der allgemeine Sinn die Hauptsache und Shakespeare nur das Medium an dem er verdeutlicht wird. Ähnliche Stufen und Distanzen wie sie hier in der Behandlung eines Gegenstandes der Dichtung nachweisbar sind findet man auch bei Goethes Kunstbetrachtung: bei einem Vergleich etwa der Rede über das Straßburger Münster, der Abhandlung über den Laokoon und der über Lionardos Abendmahl oder Mantegnas Triumphzug—obwohl hier naturgemäß bei der Art der Gegenstände Goethe sich nicht so weit von der sinnlichen Beschreibung entfernen konnte als bei der dichterisch geistigen Erscheinung, so daß die einzelnen Stufen näher aneinander liegen, der Unterschied zwischen der Eindrucksbetrachtung, der Gestaltbetrachtung und der Gesetzbetrachtung nicht so deutlich ist.

Das Fortschreiten (womit keine Wertung gemeint ist) von Eindruck zu Gestalt und von Gestalt zu Gesetz bedeutet ein anderes Verhältnis zum Augenblick, zum einzelnen Erlebnis überhaupt, sei dies Erlebnis Mensch, Ereignis oder Leidenschaft. Nicht die Intensität des einzelnen Erlebnisses bestimmt mehr Goethes Leben und Werk, sondern das aus seinem Leben hervorgegangene und erkannte Gesetz bestimmt Maß, Gewicht und Stelle die jedes in seinem Leben einzunehmen hatte. War die erste Hälfte seines Daseins dem Aufbau seiner Existenz gewidmet und hatte jedes Einzelerlebnis daran unmittelbar teil, bestimmte Grundriß und Raumverteilung, so galt die letzte nur der Einrichtung des ein für allemal stehenden Gebäudes, und die Einzelerlebnisse wurden an die geeignete Stelle eingeordnet.

Als Beweger ist Schiller der letzte Mensch der in Goethes Dasein eigentlich Epoche gemacht, d. h. einen ganzen Lebensabschnitt beherrscht hat, und Charlotte von Stein ist die letzte Leidenschaft die den Grundriß seines Lebens bestimmt hat. Was ihm später noch an Menschen, Ereignissen, Leidenschaften widerfuhr, machte ihm Eindruck, wurde Material, aber es bestimmte ihn nicht, und nur in wenigen tragischen Momenten — es sind die seiner letzten großen Lyrik — mußte er fürchten, sein Gesetz könne noch einmal durch den Eindruck, den „Augenblick“, das Einzelerlebnis ins Wanken geraten, aber er erhielt es, wenn auch unter Schmerz und Mühsal aufrecht.

Daraus ergibt sich auch unsre verschiedene Bewertung des einzelnen Erlebnisses für Goethes letztes Lebensdrittel: es ist nicht mehr so wie in der Wertherzeit, wie noch in der Iphigenienzeit, der Träger ja Schöpfer seiner Produktion: wir werden sein Leben jetzt da aufsuchen, wo sein Gesetz sich am deutlichsten ausspricht oder wo es in Frage gestellt wird. Nicht mehr jedes einzelne Gedicht, nicht mehr jeder Aufsatz ist für sich wichtig, als ein unvergleichlicher und unersetzlicher Ausdruck eines unvergleichlichen Augenblicks, wohl gar als die Verdichtung ganzer Lebensfluten: es genügt jetzt, wenn wir von seinen zahllosen „Gelegenheiten“ den Raum wissen in den sie gehören — sie schaffen nicht mehr selbst den Raum, und Goethes Produktion ist nicht mehr die sprachliche Selbstentwicklung eines Werdenden, sondern die sukzessive Kundgebung eines Gewordenen—nochmals: nicht die Eroberung und Findung eines Gesetzes, im stetigen Ringen mit dem ungesetzlich schöpferischen Augenblick, sondern die Anwendung eines Gesetzes von Fall zu Fall mit bewußter Abgrenzung gegen den ungesetzlich-schöpferischen Augenblick mit seinen tragischen Konsequenzen. Wir haben Goethes Verhältnis zu einigen wichtigen Begegnissen, Augenblicken, Personen der nach-schillerischen Zeit zu schildern und dann seine sinnbildlichen Alterswerke zu deuten.

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