> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Die großen Balladen Seite 117

2015-11-04

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Die großen Balladen Seite 117



Das menschliche Erlebnis aus dem Der Gott und die Bajadere mitgespeist, das in den kosmischen Mythus mithineingebildet wurde, ist in Goethes Verhältnis zu Frauen niedrer Ordnung zu suchen, vielleicht zu Christiane, das ihm, nach den ersten Liebesjahren, immer mehr auf der Seele gelastet hat. In Lagen die nicht als sinnfällige Gegenwart, als Bild, als Schönheit oder Großheit ihren letzten Wert und ihre Selbstrechtfertigung trugen, wie die Wallungen und Geschicke der großen Leidenschaft oder wie die idyllischen Zustände und Gesinnungen, erhob sich ihm Bedürfnis und Frage nach einem tieferen Sinn der in sich nicht gelösten Not, der in sich nicht erfüllten oder schönen Lebensform, das heißt, die Frage nach der Erlösung. In der Krise einer solchen abgebrochnen und unerfüllt dissonierenden Leidenschaft oder Schuld hat er einst das große Erlösungssymbol seines Lebens, den Faust ergriffen. So mag nach der italienischen Reise, da er Dissonanzen und Ungelöstheiten der eignen Lebensführung nur um so schmerzlicher empfand, je klarer die Welt vor ihm lag, mit den kosmischen und mythischen Gesichten der Balladenzeit auch die erlösende Schau seiner Herablassung, Einlassung sich vereinigt haben, und was er im Amyntas als eine menschliche Not, „unter das ehrne Gesetz strenger Gewalten gebeugt“ darstellt, von der Erde, von den Leidenden aus gesehen, das verklärt von den weltschaffenden und weltvernichtenden Kräften aus, von den kosmischen Mächten aus, denen tausend Jahre sind wie ein Tag, sein mythischer Blick in Der Gott und die Bajadere. In der Zeitlosigkeit eines Weltenschicksals bekommt dasjenige eine Lösung, eine Erlösung, was als bloßes zeitbedingtes Einzelschicksal zweier Menschen ungelöst bleibt. So wird durch den Erlösungsgedanken der kosmische und der persönliche Ursprung der Ballade vereinigt, und nicht zufällig durch indische Mythologie ein hellenisches Verhältnis verklärt.

Denn nirgends ist so wie in der indischen Mythologie die Grenze zwischen Weltgeschehen und Menschentum, zwischen Urschauer und individuellem Schicksal aufgehoben — durch die zwei indischen Grundkonzeptionen Maja und Karma, kraft deren der unersetzliche Augenblick des einmaligen Menschenlebens, der Kairos (die entgegengesetzte hellenische Grundkonzeption) vernichtigt wird. Während das Griechische — mindestens wie Goethe es sah und erlebte — das Menschenreich auf sich stellen, abgrenzen, zum Maß des ungestalten Alls machen wollte, war die indische Welt immer geneigt die beiden Grenzen alles MenschIich-Leibhaften, Raum und Zeit, aufzuheben: in der Seelenwanderung schon wurde das Menschenschicksal durch das ganze All durchgetrieben. Ohne irgendwie indisch gesinnt zu sein, empfand Goethes Dichterinstinkt in der indischen Mythologie (wie später in der gnostischen Emanationslehre) ein Symbol für sein nie ganz erlöschendes, durch bestimmte Erlebnisse immer wieder gewecktes Bedürfnis nach Erlösung, d. h. nach kosmischer Deutung menschlicher Unzulänglichkeit. Dies Bedürfnis nach Erlösung trat immer dort ein wo er sich nicht nach hellenischer Weise, wie ihm gemäß war, durch Gestaltung erfüllen konnte — nur in solchen Fällen griff er zu christlichen, indischen, orientalischen Mythologemen, freilich niemals — dafür war er zu sehr Bildner — ins gestaltlos abgründige Mysterium untertauchend, sondern in plastischen Gleichnissen aus andrem Mythenkreis gewisse Grundgedanken hellenisierend.

Er hat in solchen Fällen für ein unhellenisches Mysterium eine hellenistische Mythik geschaffen, wie in Der Gott und die Bajadere. Hier sind in menschlichen Vorgängen kosmische Erfahrungen offenbart. Von kosmischen Urschauern als Dichter zur menschlichen Gestaltung (und zwar aus den erörterten Gründen in Balladenform) gedrängt, von menschlichem Erlösungsbedürfnis zu einem Mythus gedrängt der über das bloß seelisch-leibliche Reich hinauswies, schließt Goethe in dies Gedicht einen Kreis dessen Mittelpunkt sein Menschliches und dessen Peripherie sein Kosmos ist. Was diese Ballade von Goethes klassizistischen Poesien unterscheidet ist also die Überschreitung der bloß seelisch gesellschaftlichen Region nach Seite des Mythisch-kosmischen hin. Ihr Unterschied von Goethes voritalienischer Urpoesie ist: daß die kosmischen und die menschlichen Erfahrungen hier nicht ursprünglich eins sind wie bei Mahomet oder Ganymed, sondern verknüpft durch ein Mysterium. Natur, Schicksal, Mensch, für Goethes Sturm-und-dranggefühl noch eine ungeschiedene Einheit, hatten sich in verschiedene Zonen gesondert durch seine klassische Reife — in Gott und Bajadere sind sie wieder vereinigt, aber nicht mehr durch dumpfes Gefühl, sondern durch mythische Weltschau (ähnlich wie nur noch in einigen Gedichten des Divan).

Deutlicher und einheitlicher ist der Ursprung der Braut von Korinth: hier hat die Lektüre eines spätantiken Abenteuers Goethe ein Zeichen geboten für den Ausgleich zwischen christlichen und heidnischen Weltkräften, der seit der Renaissance in jedem wichtigen Geist sich vollzog, seit Winckelmann durch die deutsch-humane Wiederentdeckung der sinnlich schönen Kultformen zu einem bewußten Geisterkampf mit den Erbsünde- und Erlösungsideen des Christentums führen mußte. Dem Ausgleich zwischen der Anbetung des Sichtbar Schönen und dem Transzendentalismus einer unsinnlichen, geforderten Sittlichkeit, zwischen Kunst und Moral, begegnen wir, eben seit der Wiedergeburt einer auf Anschauung beruhenden Kunstlehre, in Deutschland außer bei Winckelmann selbst gerade damals bei Wieland, bei Heinse, bei Jacobi, bei Herder und bei Schiller. Erlag in der Luft und war eines der gegebnen Probleme für jede tiefere Seele die sich theoretisch über die Elemente der damaligen Bildung Rechenschaft geben wollte. Goethe war von vornherein nicht Theoretiker sondern Dichter, und erst durch den Umgang mit Schiller wurde ihm auch der große Kräftekampf in das Bereich der Theorie erhoben den er stillschweigend als Gestalter und Erleber längst zugunsten einer beseelten Welt-und Naturfrömmigkeit, einer sinnlichen Anbetung der Schönheit entschieden hatte, weshalb man ihn denn kurz als Heiden bezeichnen mag. Darum dauert es so lange, bis in Goethes Dichtung der Weltkampf zwischen Christlichem und Heidnischem als bewußtes Problem erscheint. Zweierlei mußte dazu sich begegnen: einmal die philosophische, insbesondre geschichtsphilosophische Überschau, die erst in seiner Schillerzeit aufkam, und sodann ein Zustand der Erlösungsbedürftigkeit, durch welchen ihm die Erlösungsreligion überhaupt wieder in den Gesichtskreis trat und ihre Mythen problematisch wurden. Wir haben bei der andren großen Ballade derselben Zeit gesehen wie Goethe zu indischen und christlichen Mythologemen gedrängt wurde.

Goethe war nicht naiver Heide im antiken Sinn noch naiver Christ im mittelalterlichen oder protestantischen Sinn daß er sich in den Kunstformen, Mythen und Dogmen eines Heidentums oder Christentums erfüllt hätte, und wir gebrauchen diese Ausdrücke näherungsweise, indem wir unter Goethes Heidentum eine Verhaltens- und Erlebnisart verstehen, verwandt derjenigen welcher die antike Götterwelt und Bildung entstammt, unter Goethes christlichen Elementen Zustände ähnlich denen aus welchen die christliche Erlösungslehre ihre lebendige Nahrung zog. Jene Erlebnisart und diese Zustände schließen sich seelisch nicht von vornherein aus, mögen sie auch — zu gesonderten Mythen und Kulten geronnen, zu Dogmen und Kirchen erstarrt — unvereinbare Gegensätze bilden, sich logisch widersprechen, politisch vernichten.

Der Gegensatz zwischen Heidentum und Christentum, nach der Rückkehr Goethes aus der italienischen Helle in die nordisch christlichen Länder fühlbarer geworden, war ebenfalls zugleich ein Kampf kosmischer und menschlicher Kräfte, wie der den er in Mahadöh dargestellt hatte. Was beide Balladen verbindet ist die Konzentrierung solcher zugleich kosmischen und menschlichen Schauer in ein balladeskes Abenteuer woraus die Grundlehren ganzer Mythen als unheimliche, sinnenfällige Begebenheit erhellen. Urschauer, persönliches Erlebnis und anwendbare Lehre sind in beiden Gedichten konzentrisch vereinigt wie nirgends sonst. Goethes Jugendballaden geben nur die Stimmung oder Wallung und das bewegte Bild. Jetzt ist das Sinnenbild zugleich ausgedeutet, und wir haben hier zum erstenmal den Goethe dreier geistiger Sphären, der bis ins Kosmische hinunterreicht, dies ungestalt Kosmische in menschliche Sinnengestalt hineinbildet, und dies Sinnliche zugleich gedanklich deutet. Hier kündigt sich zum erstenmal der alte Goethe an, in dem ein übermenschlicher Blick ins Reich der Mütter, ein freiwillig beschränkter, menschenform-und grenzensuchender Kunstsinn und eine schon fast abstrakte Lebensweisheit sich zusammenfinden.

Der Gattung nach ist Die Braut von Korinth eine mythische Gespensterbailade, wie ja die Ballade überhaupt die Durchbrechung des bloß menschlichen Reiches voraussetzt: sie kommt aus dem Schauer und soll Schauer erwecken. Aber die Gespenster sind auch hier antike, das heißt plastisch mit aller Sonderheit gesehene, und zugleich Träger eines welthistorischen Schicksals. Der Reiz und auch die Gefahr dieses Gedichts ist seine Beladenheit mit einem geschichtsphilosophischen Wissen das fast den Rahmen sprengt. Die Worte der Braut „Eurer Priester summende Gesänge“, ihre Anklage des schönheitzerstörenden Christentums, zum Dröhnendsten und Vollsten gehörig was Goethe geschrieben hat, sind fast zu gewichtig für das vampirische Wesen und die Lehre erdrückt hier die fast hellenistisch spielerische Handlung, der Sinn fast die Sichtbarkeit, zu welcher eine durch Rokokoaugen gesehne Griechenkunst die Szenerie geboten hat. Es ist ein Zwiespalt in das Gedicht dadurch gekommen daß eine artistische Freude am Darstellen der Vorgänge selbst sich gekreuzt hat mit einer geheimnisvollen Seherkunde. Während bei der indischen Ballade der Sinn und die Lehre in den Mund des Gottes passen und die natürliche Steigerung und Deutung des mystischen Vorgangs sind, überwuchtet hier Goethes Prophetengroll, in den Mund eines Vampirmädchens gelegt, das Geschehen, und der Kampf zwischen zwei Weltreligionen, grandios und klassisch formuliert in den Schlußversen, ist ein zu großes Thema um sich rein aus dem dekorativ geschilderten vampirischen Beilager zu ergeben. An seinen schönsten Stellen ist dies Gedicht ein Gipfel der Goethischen Dichtung, als Ganzes steht es der andren mythischen Ballade nach.

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