> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Die Wahlverwandtschaften Seite 127

2015-11-09

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Die Wahlverwandtschaften Seite 127



DIE WAHLVERWANDTSCHAFTEN

Übrigens waren es nicht mehr die gewaltigsten Menschen und die lautesten Ereignisse welche auf Goethe die tiefste Wirkung üben konnten: je mehr er sich im Gesetzlichen befestigte desto weniger hing er von den Ausnahmeerscheinungen ab, desto sinnbildlich gewichtiger wurden ihm von Jahr zu Jahr die unscheinbaren, immer wiederkehrenden Züge des Normalen (was nicht identisch ist mit dem Gemeinen) worin das Ewige sich offenbart. Was er von der Natur sagte

Sie bildet regelnd jegliche Gestalt,
Und selbst im Großen ist es nicht Gewalt 

das gilt auch von ihm. So sehr auch seine Aufmerksamkeit, selbst seine Bewunderung den erstaunlichen Ausnahmen zugekehrt war, so galten sie ihm doch mehr zur Auffindung und Abgrenzung der Regel — und das Pathologische ergründete er, weil nirgends deutlicher als bei der Abweichung und Verzerrung der Typus sich bestimmen läßt. Immer hatte er, mehr und mehr je reifer er wurde, neben dem Einmaligen, Individuellen, Ungewöhnlichen, Außerordentlichen bis zum Wunder hinauf und bis zur Fratze hinab, das Richtige, Gesunde, Grade, Tüchtig-gesetzliche vor Augen, Geist und Forderung als das wahre Ziel des Schauens, Forschens und Wünschens. Das Wunder sollte ihn nicht mehr überwältigen, die Ausnahme nicht verwirren, die Fratze nicht verkümmern, sondern ihn führen und bestätigen in der unverletzbaren Norm. Und war ihm auch damals noch der Schauder, d. h. die fruchtbare Ehrfurcht, der Menschheit bestes Teil, war er damals noch so gut wie in jungen Jahren zum Erstaunen da: es bedurfte bei ihm nicht mehr der ungewöhnlichen Gegenstände und jähen Krisen um ihm jene Schauer zu bringen — je stiller der breite Strom seines Lebens floß, desto reiner und zarter durfte das sein was ihn bewegte, desto sicherer spiegelte er auch das Kleine.

Je mehr das Erleben für ihn statt des augenblicklichen Gefühlswertes einen ewigen Symbolwert gewann, je mehr das Vergängliche für ihn zum Gleichnis wurde, desto weniger bedurfte er zur Anregung und Erneuerung seiner Seele der unersetzlichen erschütternden Menschen und Geschicke, wie sie in seiner Titanenzeit ihm vertraut und notwendig gewesen, ja nicht einmal der monumentalen Bilder und Umgebungen, an denen er in den Übergangsjahren zwischen titanischem Sturm und klassischer Großheit sich zur Stille erzogen. Was er Großes erfahren, hatte er sich ein verleibt und die unendliche Mannigfaltigkeit der unbedeutenden Einzelheiten ordnete er in seinem Geiste nach den bedeutenden Grundformen die ihm angeboren waren oder zu denen er sich gereift hatte. Zwar nicht seine Empfänglichkeit, seine Reizbarkeit oder Liebefähigkeit war geringer geworden: nur seine Distanz zur eignen Erregung, die Art wie er sie einordnete hatte sich geändert. Vor allem war ihm auch die Liebe nicht das All, eine Geliebte nicht mehr die jeweilige Achse um die seine Welt sich drehte, sondern ein Zeichen der Mächte unter denen sein Leben stand. Schon aus diesem Grund waren ihm genialisch anspruchsvolle Frauen wie Bettina fern: der Führerinnen und Fordrerinnen bedurfte er nicht, und galt schon ohnehin sein Geschmack in Liebesdingen eher der stillschönen oder sinnlich-süßen als der pathetisch glühenden und enthusiastisch geistigen Weiblichkeit, so war er damals — bereiter noch als in seiner Jugend, Gott nicht im Wetter und Sturm, sondern im leisen Anhauch zu erkennen — ergriffen durch eine lieblich-leidende Mädchengestalt. Sein größtes und gewichtigstes Werk dieser Altersstufe wurde mitbestimmt durch den Eindruck von Minna Herzlieb: freilich war die darin geformte Welt nicht von ihr getragen ünd zugebracht, ja nicht einmal die Probleme durch ihr Bild formuliert, wie etwa das Friderikenerlebnis das Gretchenproblem formuliert hatte oder das Lotteerlebnis den Werther — aber diese Begegnung gab der bereiten Masse seines Innern den Anstoß zur Kristallinsation.

Goethes Liebe zu Minna Herzlieb ist nicht eine verzehrende oder alldurchdringende Leidenschaft wie die zu Lili, zu Lotte oder selbst noch zu Ulrike von Levetzow — es ist die innige Zärtlichkeit eines väterlichen Freundes zu einem holden und tragisch passiven Geschöpf, eine wehmütig heitere Teilnahme, von vornherein zur weisen Entsagung verurteilt, um einem Schicksal überlegen zu bleiben dem gegenüber die Liebenden wehrlos bleiben mußten. Abermals war Goethe an einem Punkt angelangt wo ihm Entsagung als eine Grundform seines Daseins, ja jedes menschlichen Daseins erschien. Doch auf seiner damaligen Stufe empfand er die Entsagung nicht mehr als ein rein persönliches Leiden an dem er tragisch zu vergehen fürchtete, wie zur Wertherzeit, nicht mehr als eine sittlich gesellschaftliche Pflicht, wie in der Iphigenien-und Tassozeit, sondern als ein unabänderliches Schicksal, dem der Mensch unterworfen sei wie einem Naturgesetz, wie dem Tode selbst, das dadurch nicht weniger schmerzlich, aber bloß subjektiven Wallungen entrückt sei. Noch immer war ihm, wie nur je dem Jüngling, ein unendlich reizbares, schmerz- und wunschfähiges, überreiches und allbewegliches Naturell gegeben und geblieben .. das Schöne zu begehren und dran zu leiden hatte er noch nicht verlernt: doch dahin war er gelangt, nicht nur seine Leidenschaften dem Gesetz freiwillig unterzuordnen, wie es schon der italienische Goethe gelernt hatte, sondern diese Leidenschaften selbst, ja das Schicksal selbst als Symptome, Folgen und Formen des ewigen Gesetzes anzuerkennen. Dies ewige Gesetz empfand und deutete er mit immer tieferem Blick, aber auch immer ausschließlicher unter dem Bild derjenigen Macht die für ihn mehr und mehr alleinige Repräsentantin des Kosmos wurde: der Natur. Sie war ihm ursprünglich das Kraftzentrum seines Ichs, zuletzt die äußerste Kugel in welcher die Welt beschlossen war.

Überblicken wir kurz die Formen unter denen der Gegensatz zwischen Mensch und Welt sich bei Goethe entwickelt hatte: zuerst als Kampf zwischen schöpferischem Ich gegen die Gesellschaft, sei sie von Göttern, Helden oder Bürgern vertreten (Prometheus-Götz-Wertherstufe) dann als Spannung zwischen menschlichem Schicksal und sittlichem Gesetz, in welcher jener frühere Konflikt zugleich eingeschlossen und aufgehoben war (Iphigenie- Tasso- Lehrjahrestufe). Wie in dem Gedanken des Schicksals zugleich das Ich mit seinen Leidenschaften und die Gesellschaft mit ihren Schranken enthalten sind und sich gemeinsam üben an dem sittlichen Gesetz, so umgreift Goethe auf seiner dritten Stufe abermals die beiden wechselnden Pole der ewigen Spannung mit einem höheren Gedanken: Schicksal und Gesetz nimmt er beide als Funktionen der Natur, einer so weit gefaßten Natur, daß die menschlichen Leidenschaften, die gesellschaftlichen Einrichtungen, die sittlichen Gesetze und die zufälligen Ereignisse mit ihrem Ineinandergreifen und ihrer Gegenwirkung aus diesem einen Zentrum emanieren, auf dies Zentrum deuten, das an allen Lebensmächten teil hat, und das sie alle bindet und verwandelt. Die Natur, am Beginn von Goethes Laufbahn das Sinnbild des Genies, der schöpferisch selbstigen Freiheit, ist ihm, durch lange Jahre der Entsagung, Forschung und Weisheit, das Sinnbild der strengsten überpersönlichen Notwendigkeit geworden, und sie hatte dabei jene ursprüngliche Bedeutung nicht aufgegeben, sondern in sich aufgenommen. Goethes Gesamtentwicklung besteht ja nicht in einer Ersetzung früherer Eigenschaften durch andere, sondern in einer Umringung, die allerdings zugleich Verhüllung und Zurückdrängung bedeuten kann — wie eben bei dem Ansetzen neuer Jahresringe die früheren nicht beseitigt, nur verdeckt und in ihrem Verhältnis zur Gesamtmasse unbeträchtlicher werden.

Aus der Begegnung der Goethischen Reizbarkeit mit diesem neuen umfassenden Begriff einer Macht die das menschliche Wollen, das Schicksal und das gesetzliche Wachstum gleichzeitig durchdringt, und die Goethe wenn nicht Natur genannt, doch aus seiner Naturanschauung konzipiert hat, sind die Wahlverwandtschaften entstanden. Sie sind nicht der Ausdruck einer einmaligen Leidenschaft, wie der Werther, nicht ein Panorama der Stände und Bildungsstufen, wie Wilhelm Meisters Lehrjahre, sondern die Botschaft von überpersönlichen Mächten und ihrer Wirkung auf das seelische, sittliche, gesellschaftliche Leben des einzelnen Menschen. Was Goethe darstellen mußte waren zunächst nicht eigentlich Leidenschaften und Gefühle, als Beichte eigener Schmerzen wie im Werther, nicht Menschenarten, Zustände, Sitten und symbolische Abenteuer wie im Meister, sondern menschliche Gesetze — Natur-, Schicksal- oder Sittengesetze. Darauf deutet auch der Titel, der aus der Naturwissenschaft entnommen ist, wie der des Werther dem menschlichen Seelenleben, und der des Wilhelm Meister gesellschaftlichen Einrichtungen. Auch haben die Wahlverwandtschaften nicht einen Helden von dem die Handlung ausstrahlt oder auf den sie sich bezieht, um den sie sich gruppiert: dieFiguren treten symmetrisch paarweise, fast schematisch auf und das Geschehen vollzieht sich weniger in den Personen, noch weniger durch sie, als zwischen ihnen. Sie sind weniger die Träger von Handlungen und Eigenschaften, oder Ausdruck von Leidenschaften, als die Reagentien woran Schicksale und Prozesse sich offenbaren, die Feilspäne gleichsam die durch den Magnetismus geordnet werden. Die Leidenschaften, die Schicksale, selbst die Eigenschaften handeln in diesem Werk Goethes sozusagen selbständiger als in seinen früheren, als seien sie vor den Personen woran sie sich bekunden dagewesen und hätten sich der Personen erst bemächtigt. 

Und so ist es auch: in dem Dichter dieses Werks waren die überpersönlichen Mächte mindestens seelisch früher da (vielleicht auch zeitlich, doch das ist minder wichtig) ursprünglicher, glühender als die Anschauung der handelnden oder leidenden Charaktere, ihrer Umwelt oder das Gefühl ihrer Leiden. Auch das ist einer der Hauptunterschiede der Wahlverwandtschaften von Werthers Leiden und den Lehrjahren. Im Werther sind Erschütterung und Gestalt, ja noch die Grundzüge der Handlung seelisch fast gleichzeitig gegeben. In Wilhelm Meisters Lehrjahren ist das Ursprüngliche die Anschauung gewisser Zustände und Charaktere. In den Wahlverwandtschaften ist das Zeugende Goethes neues'Wissen um die Naturgesetzlichkeit des Schicksals, der Leidenschaft und der Gesellschaft. Nicht mehr das Gefühl des Alls im Einmaligen (Wertherstufe) nicht mehr die Anschauung des Allgemeinen in der besondren Gestalt (italienische, Meisterstufe) sondern der Gedanke des Gesetzes über allem Einzelnen ist jetzt die Mitte um die er seinen Weltstoff gruppiert. Gefühl und Auge sind zwar nicht ausgeschaltet unter dieser Herrschaft des Gedankens, so wenig der Gedanke bei Goethes früheren Schaffensstufen ausgeschaltet war: nur die Führung im Reigen seiner Kräfte hat jetzt diejenige übernommen die von Gesetzen lebt und die Welt (die einst ein Augenblick schöpferischen Gefühls, dann ein Raum bewegter Gestalten war) konzipiert als ein Ganzes wirkender Gesetze. Diese drei Konzeptionen des Alls widersprechen sich bei Goethe nicht und schließen sich gegenseitig nicht aus sie gehen ineinander über, lösen sich ab oder überschichten einander, eben wie Jahresringe. Auch ist Grad und Fülle der Leidenschaft unabhängig von dem führenden Organ der Gestaltung.





  

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