> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Die Wahlverwandtschaften Seite 129

2015-11-11

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Die Wahlverwandtschaften Seite 129



Aus dem Gesetzeserlebnis Goethes erklärt sich auch das was den eigentlichen „Kunsttic“ dieses Romans ausmacht: die vollständige scheinbar bis ins Kleinste berechnete durchsichtige Symmetrie, welche die Wahlverwandtschaften als Komposition zur vollkommensten unter seinen größeren Dichtungen macht. Das Werk ist wie durchdrungen von Goethes naturphilosophischen Grundideen Polarität und Steigerung: die Anordnung der Figuren beruht auf polaren Paaren die sich kreuzweise anziehen und abstoßen und auf neutralen Mittelpersonen die deren Spannungen absichtlich oder unfreiwillig kreuzen, fördern, hemmen oder auffangen, als Gegenbilder verdeutlichen und so einen weiteren Umkreis bilden, woran die eigentlichen Schicksalsträger ihrer als solche bewußt werden und dem Leser als solche erscheinen. Die Handlung beruht auf der gesetzmäßigen Wiederkehr gleicher Züge, Zeichen, Ereignisse, Schicksale die bei jeder Wiederholung gewichtiger, verhängnisvoller werden: was das erstemal Geste erscheint wird das nächstemal Eigenschaft, was das erstemal Willkür erscheint, das nächstemal Gesetz . . die Wiederholung, die geheimnisvoll steigernde Duplizität ist die Form unter der Goethe seine Handlung zugleich als frei und als notwendig führt: beim Zurückdeuten schließt sich der Kreis. Die Spannung Ottilie-Eduard, gekreuzt von der Spannung Charlotte-Major, bildet den innersten Schicksalskreis, wobei schon das erste, zum Untergang bestimmte Paar, als die mit Verhängnis beladenste Doppeleinheit, verdeutlicht wird durch das bewußtere Paar, wie diese wieder ihren Charakter und ihr Schicksal erkennen, für sich selbst und uns erhellen an dem Gegenbild, dem bewußten aber unverantwortlichen Baronenpaar. Jede der Nebenfiguren beleuchtet, indem sie zugleich die Handlung fördert durch ihre Einseitigkeit oder Neutralität, die Grundspannung zwischen den Paaren: sie alle, bloße Personen, sind dem überpersönlichen Schicksalszentrum ferner das als Paar, als über und zwischen Paaren Gemeinsames erscheint.

Nichts ist ergreifender als die Art wie solche bloßen Einzelpersonen, sobald sie in die Nähe des Schicksals, des als Spannung zwischen den Paaren waltenden Verhängnisses, kurz der „Wahlverwandtschaften“ geraten, mit ihrem guten Willen, ihrem gesunden Verstand, mit ihrer glänzenden Willkür und unverantwortlichen Laune, mit ihrem klugen Rat, ihrer blinden Hingabe, ihrem wissenden Widerstand, machtlos oder verhängnisvoll werden. Sie fördern das Verhängnis, indem sie es hemmen wollen, bringen es zum Bewußtsein, indem sie es verdecken wollen (gerade wie übrigens die eigentlichen Schicksalspaare selbst, sobald sie als bloße Personen, mit ihrem Bewußtsein und Sonderwillen sich dem Gesetz das in ihnen waltet gegenüberstellen). Solche neutralen, vom Schicksal gleichsam angesteckte, als seine unbewußten Werkzeuge benutzte Einzelpersonen, die zweite Figurenschicht, sind außer dem gewissenlosen Baronenpaar, dessen Beispiel zuerst die Einheit zwischen Sitte und Wille zerreißt, Mittler, ganz guter Wille, gesunder Verstand, und redliche Forderung, aber im tiefsten ohne Weisheit und ohne Dämon, darum machtlos gegenüber dem Dämonischen, und Luciane, ganz individuelle Willkür, weiblich gesetzlose Laune, Spiel und Reiz, und eben darum ein Element der Störung wo etwas sich fügen soll, zugleich mit all ihrem Glanz ein erschütterndes Gegenbild gegen das glanzlos schicksalhafte Kind, Ottilie. Der gewissenhafte und der gewissenlose Taktmangel der bloßen Personen die sich in eine Schicksalsspannung wagen, in Mittler und in Luciane verkörpert, erweitern abermals den Wirkungsbereich an dem das Gesetz sich offenbaren kann — und indem sie die Handlung komplizieren, vereinfachen sie das Geschehen: jede neue Person mit ihrem Irren und Wollen, Spielen und Raten vertieft nur den Eindruck des unerbittlichen Gesetzes in dessen Allmacht Trieb, Wissen, Können, Wünschen hineingerissen wird, und das nur durch seine freiwillige, aus endgültiger Durchdringung und Erkenntnis kommende Erfüllung aufgehoben werden kann.

Eine dritte Schicht von Personen (die Schichten werden bestimmt durch ihren größeren oder geringeren Grad von Schicksalshaftigkeit, ihre größere oder geringere Nähe zur zentralen Spannung Ottilie-Eduard) sind die tüchtigen Fachleute die nicht durch Bewußtsein oder Blindheit mit dem Schicksalsstrom in Kontakt geraten, in ihrer Bahn bleiben, nicht übergreifen: der Gehilfe und der Architekt, auf tiefrer Stufe auch der Werkmeister und der Gärtner: mit Neigung und Vernunft als Zuschauer, nicht als Helfer oder Störenfriede, teilnehmend an dem von ihnen nicht überblickten Schicksal, aber unschädlich und zugleich wehrlos. Es sind diejenigen Personen welche weder im Verhängnis leben noch bloß im Ich, sondern in ihrem Beruf, dessen geistiger Durchdringung ihr ganzes Dasein gilt: durch diesen Beruf werden sie gleichsam immun gegen das Verhängnis das, von Ottilie-Eduard ausstrahlend, alle ergreift oder von allem genährt wird was aus dem reinen Kreise einer bewußten Pflicht, eines durchdachten Könnens maßlos heraustritt. Selbst dort wo sie wünschen bewahrt sie ihr Lebenskreis davor über die Grenze zu gehen, wie die irgendwie selbstischen Personen, wozu auch der raumlose und im tiefsten pflichtlose Mittler gehört. Schicksallos und selbstlos, bezeichnen sie durch ihre Gesinnung und zumal durch ihre Reflexionen die Grenze die sich die Kultur, die menschlichsittliche Bildung, gegen das Schicksal wie gegen die bloße Natur, den Ichtrieb, gezogen hat. Eine letzte Schicht von Figuren endlich dient nur dazu, die Wellenschläge des Verhängnisses selbst anzukündigen oder auszuleiten ins Dumpfe, an die Ufer des Menschlichen. Das sind gleichsam die Zeichen für die Reagenz dumpfen Menschentums auf die Anwesenheit des alldurchdringenden Verhängnisses woran das Gesetz sich äußert durch alle Stufen hindurch: diese Schicht wird vertreten durch den ertrunkenen Knaben, durch Nanny, durch das wahnsinnige Mädchen, durch das Kind Charlottens und Eduards: diese Gestalten—Kinder, Wahnsinnige und insgesamt Opfer—sind bloße Chiffern, Warnungszeichen, Andeutungen des Verhängnisses, das die Hauptpersonen verkörpern, das die Nebenpersonen streifen oder begleiten. Diese Chiffern— Vorbereitungen oder Wiederholungen — gehören mit zu den fast unmerkbaren Kunstmitteln wodurch Goethe dem symmetrisch durchgeformten Werk die Weite der Schöpfung, die Frische des Wachstums bewahrt hat. Dadurch daß er die Schicksalswirkungen, die Funktionen des Gesetzes durchführt durch die einander kreuzenden Schichten menschlicher Lebens» helle, von der Erleuchtung der entsagend heiligen Ottilie bis hinunter zu den dumpfen Kindern, durch die Mannigfaltigkeit von Haltungen worin sich das eine Gesetz bricht, hat er, wie schon im Wilhelm Meister, eine abgründige Tiefe des Schicksalraums geschaffen, ohne dem Geist das Gefühl von Einheit und Gleichgewicht und beherrschter vielgliedriger Architektur zu rauben.

Der Reichtum der Goethischen Menschen kommt nicht aus der Absicht recht viele individuelle Züge oder subtile und mannigfaltige Psychologie zu entfalten, wie es der Ehrgeiz der meisten modernen Romanschriftsteller ist, oder gar den Leser über das Leben und Treiben verschiedener Gesellschaftsschichten zu belehren: Charaktere sind ihm nicht psychologische Einzelfälle, sondern kosmische Wesenheiten, und als solche zugleich Zeugnisse kosmischer Stufen, Schichten und Prozesse — Natur- oder Schicksprozesse . . wie der einzelne Stein Kunde gibt nicht nur von seiner eigenen Struktur und seinem Fundort, sondern zugleich von geologischen Lagerungen und darüber hinaus von urweltlichen Vorgängen. Goethes Charaktere sind deshalb auch nie gesondert als psychologische Versuchsobjekte zu zerfasern, sondern zusammenzuschauen mit dem Gesamt worin sie stehen, d. h. als Glieder einer Architektur und als Schicht- oder Richtpunkte einer Perspektive welche durch Seelen-und Schicksalsarten gebildet wird, einerlei ob der Gesichtswinkel für diese Perspektive Leidenschaften sind, wie im Werther, Zustände und Sitten, wie im Meister, oder Gesetze, wie in den Wahlverwandtschaften.

So wenig nun die Personen der Wahlverwandtschaften psychologische Musterstücke, „Charakterstudien“ im modernen Romansinn, „Helden“ im alten Romansinn darstellen, (wenn man hier von „Helden“ reden wollte, so müßte man die Spannungen Eduard »Ottilie, Charlotte »Major als solche bezeichnen, eben „die Wahlverwandtschaften“ selbst) so wenig ist ihre Handlung Abenteuer oder Geschichte im gewöhnlichen Sinn, aus der Lust am äußeren Geschehen, am Passieren geboren, wie die Romane der großen Fabulierer Scott und Dickens, oder aus der Lust an Milieu und Psychologie, wie bei Balzac oder Dostojewsky. Weniger als in den Lehrjahren — welche dem alten Epos, der Erzählung merkwürdiger Geschehnisse bei aller Vergeistigung und sinnbildlichen Vertiefung des bloßen Geschehens noch verwandt und aus dem alten Abenteuerroman beinah gattungsgeschichtlich zu entwickeln sind — hat hier die Handlung ein selbständiges Gewicht. Sie ist vielmehr (auch hier erinnern wir an den gleichnishaften Titel) zu verstehen wie das sinnliche Experiment durch welches ein chemischer Prozeß offenbart werden soll: auch das Experiment wird nicht wegen der kuriosen Farben, Flammen, Lösungen oder Bindungen unternommen zur Augenweide für Kinder, sondern um dem Geist ein unsichtbares Geheimnis zu veranschaulichen, ein Gesetz das nur als sinnliche Wirkung erkannt werden kann. Goethe selbst hat ziemlich deutlich diesmal am Beginn seines Werks den Titel erklärt (wie es seiner damaligen Stufe entspricht, welche das Geheimnis selbst durchsichtig macht, in der Transparenz selbst ein Geheimnis findet) und im Gleichnis auf das ganze Geschehen und seine Bedeutung vorbereitet in dem Gespräch am Schluß des vierten Kapitels. Was hier dem welcher die Idee des ganzen Werks noch nicht übersieht als ein beziehungsreicher Scherz, ja vielleicht bloß als eine Abschweifung des Naturforschers Goethe erscheint, verkündigt das Gesetz der Handlung. In der Tat ist das zarte Vorbereiten und Zurückdeuten, die „Verzahnungen“ der kleinen Einzelheiten, die steigernden Verdoppelungen, die symptomatische Ausbeutung jeder Erfindung, die symmetrische Festlegung auch des Unscheinbarsten in keinem Werk weiter getrieben als hier. Während beim gewöhnlichen Roman die Spannung erzeugt und wachgehalten wird durch die Erwartung des Fortgangs, durch die Bewegtheit der jeweiligen Vorgänge, oder durch die sinnliche Fülle der jeweiligen Zustände, also durch ein Vorauseilen oder ein Verweilen, lebt sie in den Wahlverwandtschaften von der bedeutenden Wiederkehr feiner Einzelheiten, die erst beim zweitenmal ein Geheimnis zugleich verraten und verbergen. Auch hier gilt der Vergleich mit dem chemischen Versuch: die kleinen, sorgfältig vorbereiteten Details gewinnen ihren Reiz durch die allmähliche Ahnung und endliche Gewißheit daß hinter oder in ihnen ein alldurchdringendes Weltgesetz, eine unausweichliche uns alle angehende Notwendigkeit sich ausspricht . . und wie beim rechten chemischen Versuch auch nicht die kleinste Handreichung als selbständiges Kunststück, als Farbenspiel oder Überraschung, gemeint ist, sondern aufs knappste und schlichteste zur Offenbarung jenes gesetzlichen Vorgangs nötig sein soll, so hat sich Goethe auch in der Handlung der Wahlverwandtschaften jeden Zugs keusch enthalten der bloß aus der Fülle der Gesichte und Gefühle, aus der Freude am Spiel, aus dem Überschuß dekorativer Motive, oder aus dem Reichtum des Wissens kam: wie er dergleichen ja wohl im Werther und im Faust, in den Lehrjahren und Wanderjahren rankenartig um die nötigen Gliederungen gelegt hat, immer neuer Motive froh und nicht unbedingt seine Erfindungsfülle seiner Ökonomie unterordnend. Bei den Wahlverwandtschaften liegt der Reichtum in der äußersten Straffheit womit jedes einzelne Motiv ausgebeutet wird, in der Tiefe, nicht in der Breite. Auch das scheinbar nebensächlichste. Motiv entwickelt die größte Tragkraft, und die Überraschung über diese Ausbeutung auch des Unscheinbaren macht einen Teil der künstlerischen Spannung aus: das unerwartete Wiedersehen von Zeichen denen man als harmlosen Bekannten oder Passanten begegnet war und die sich nun auf einmal als die Bevollmächtigten des Gesetzes und des Verhängnisses offenbaren.





  

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