> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Die Wahlverwandtschaften Seite 130

2015-11-12

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Die Wahlverwandtschaften Seite 130



Einige Züge dieser Art seien erwähnt: das Glas das Eduard auffängt, als ein Pfand der Wiedervereinigung auf bewahrt und schließlich, da er das vertauschte bemerkt, als Zeichen des wirklichen Schicksals anerkennen muß statt des erhofften. Eduards Abneigung dagegen daß man ihm beim Vorlesen ins Buch blickt, und sein Entgegenkommen gegenüber Ottilie, wodurch zuerst die Leidenschaft für diese sich kundgibt . . die lebenden Bilder, erst ein Gesellschaftsspiel, nachher ein Omen der wirklichen Lage . . Ottiliens erst befangene Handschrift durch die Liebe zu Eduard der seinen angeglichen . . und endlich jene Abwehrgeste Ottiliens, die das erstemal als beiläufige Eigenheit erwähnt wird, das anderemal an entscheidender Stelle erschütternd das Schicksal besiegelt. Es gibt in diesem Roman keine Nebensächlichkeiten, keine Zufälligkeiten, wie es keine großen Haupt- und Staatsaktionen, keine jähen Überraschungen, keine Sprünge, keine Knalleffekte gibt: vielmehr vollzieht sich das Verhängnis in lauter leisen, unscheinbaren, fast unscheidbaren Übergängen, nur dem Aufmerksamen offenbart ein Wort, eine Gebärde, ein Gegenstand die Verwandlung, und auf einmal ist das Ungeheure da, der Tod des Kindes, oder das Wunder, die Heiligung Ottiliens — aber auch diese beiden außerordentlichen Ereignisse, die einzigen scheinbar romanhaften „Ereignisse“ des Werkes, nicht als plötzlich aus anderer Welt hereindringende Ausbrüche, sondern als das gesetzliche Ergebnis eines langsamen Prozesses, den wir in hundert kleinen Symptomen, in beständiger, heimlich-unheimlicher Steigerung haben verfolgen sollen: auch sie selbst nicht so sehr die Wirkung vorausgegangener Ursachen oder ein schicksalhafter Riß als die deutlichsten Zeichen des allgegenwärtigen, nur immer bewußter werdenden Verhängnisses. (Weder „Verhängnis“ noch „Gesetz“ noch „Schicksal“ drückt das ganz rein aus was in den Wahlverwandtschaften waltet und Goethe als Idee vorgeschwebt hat . . an allen dreien hat es teil — eine Synthese aus den Goethischen Urworten Anangke, Daimon und seinem Begriff von Natur gäbe am ehesten die Idee wieder deren Walten in den Wahlverwandtschaften symptomatisch dargestellt wird.)

Wie die Charaktere und Geschehnisse so sind auch die Gegenstände und Umgebungen hier nur als Reagentien oder Funktionen des Gesetzes oder Verhängnisses, nicht als selbständige dekorative oder belehrende, stimmungsschaffende oder malerische Wesenheiten gültig. Von der Anlage des Parks, des Dorfs, der Gebäude, der Gruft worin sich die Begebenheiten abspielen, bis zu den Gebrauchsgegenständen, Kleidern und Schmuckstücken wird in den Wahl Verwandtschaften kein Ding erwähnt das nicht ebenso wie die Menschen und die Vorfälle teil hätte am Verhängnis, aktiv oder passiv, fördernd oder hemmend, und das nicht gelegentlich die Schicksalsspannung mit der es gefüllt ist entlüde. Die Gartenwege bei den Begegnungen und Verfehlungen der Liebespaare, der schicksalsvolle Mühlenteich, die Anlage der Schlafzimmer wodurch Eduard und Charlotte sich vereinigen, die Tür welche die Wiederbegegnung Eduards und Ottiliens erzwingt, die Gruftkapelle, Ottiliens Köfferchen, Kleider und Kettchen: alles und jedes erscheint einmal zufällig als Requisit, Schauplatz, Landschaft, das andere Mal als dämonisches Glied des Verhängnisses, und so haben, wie die Menschen und die Geschehnisse, auch die Dinge in diesem Roman den Aspekt der Freiheit und den der Notwendigkeit.. oder vielmehr wir werden unmerkbar von dem vorauswissenden Meister durch ein anmutiges Labyrinth von Personen, Begebenheiten, Landschaften, Gegenständen geführt, mit dem Gefühl seiner und unsrer Freiheit, bis wir merken daß wir im Bann stehen, daß alles verzaubert ist und aus jedem harmlosen Winkel uns das Verhängnis anblickt, dessen unentrinnbarer Kreis sich fest um uns geschlossen hat. Eben dies aber ist das Pathos dieses Werks, nicht minder tragisch erhaben und erschütternd als das aus dem der Sophokleische Ödipus stammt.

Kein fatalistischer Aberglaube und keine willenlähmende blinde Unterwerfung unter ein unausweichliches Naturgesetz wird durch diese Goethische „Wiederkehr des Gleichen“ ausgedrückt — sie schließt weder den Zufall noch den Willen aus, aber sie setzt ihm allerdings durch sich selber Grenzen. Wenn sie im Werk als Kunstmittel, ja Kunstform verwandt wird, als eine Art symmetrischen Aufbaus wiederkehrender Proportionen, so ist sie im Glauben Goethes vorgebildet: sie besagt daß jeder Schritt vorwärts den wir frei und unwissend tun, jede Beziehung zu Menschen die wir spielend oder leidenschaftlich eingehen, jeder Beruf den wir wählen, jede Leistung die wir aus uns herausstellen, jeder Gegenstand den wir benützen, jede Umgebung und jede Bemühung noch unbedingt, dem Willen oder dem Zufall offen ist, aber einmal ergriffen, gewählt, angeeignet, berührt, uns bedingt, uns in einen Kreis bannt in dem wir verpflichtet sind, in eine Bahn zwingt die wir nur um den Preis des Untergangs oder des Wunders verlassen können, d.h. durch das Zerbrechen der menschlichen Persönlichkeit: durch den Tod oder die Heiligung.. das ist die Lehre die Ottiliens Ende gibt, und sie selbst spricht es aus: „Ich bin aus meiner Bahn und ich soll nicht wieder hinein.“

Der ungeheure Gedanke eines »werdenden Gesetzes« liegt dieser verhängnisvollen Wiederkehr und Duplizität zugrunde. Goethe hatte den schöpferisch freien Augenblick zu tief erlebt, um dieses Erlebnis je wieder zu verlernen, aber er hatte im Lauf der Jahre das nicht minder tiefe Erlebnis, daß jede Selbstgestaltung durch freie Tat uns bedingt, daß sie Selbstbegrenzung ist, weil der Mensch kein isoliertes Wesen, sondern einem System überpersönlicher Kräfte eingegliedert ist, das umso strenger und geistiger fordert, je höher ein Organismus steht, je weiter sich sein Leben gestaltet. Je tiefer ein Wesen steht, je weniger geistig schöpferische Kraft und ursprüngliche Freiheit zur Selbstgestaltung ihm innewohnt, desto weniger ist es gesetzlich, formhaft, bedingt, begrenzt: insofern ist die höchste Position auch die äußerste Negation. »Auf der höchsten Stufe gibt es keine Freiheit«. Immer wieder hat Goethe dies ihn tief erschütternde Erlebnis variiert: »Ach unsre Taten selbst, so gut als unsre Leiden, sie hemmen unsres Lebens Gang«. »Alles ruft uns zu daß wir entsagen sollen« »Beim ersten sind wir frei, beim zweiten sind wir Knechte« »Die ich rief die Geister, werd ich nun nicht los« »Von allen Geistern die ich jemals angelockt, fühl ich mich rings umsessen« »Dämonen wird man schwerlich los«. Nirgends hat er es ergreifender dargestellt als in den Wahlverwandtschaften durch Ottiliens-Dasein.

Goethe hat hier zugleich bis ins Kleinste eine besondere Form gegeben unter der jene Selbstbedingung, jene grausame Gesetzwerdung des freien Willens und des Zufalls, die Gefangenschaft des Erlebens in seinen eigenen Auswirkungen sich vollzieht: durch Wiederkehr der erst freien Momente als gebundner und bindender. Goethes Gesetz ist nicht von vornherein festgelegt, es schafft sich selbst, kraft jedes freien Aktes und jedes Zufalls im werdenden Leben. So ist auch Goethes Entsagungslehre, sein strenger Gesetzes- und Pflichtbegriff nicht abzuleiten aus einem kategorischen Imperativ, einer metaphysischen Moralforderung, sondern vielmehr aus einer Naturanschauung: seine Idee des Werdens schloß eine Idee des Müssens ein und seine Idee der Form schloß eine Idee des Gesetzes ein. Sowohl seine Idee des Werdens wie seine Idee der Form stammen aus seinem Naturerlebnis, nicht aus der apriorischen Setzung eines sittlichen Ichs das der Natur selbstherrlich gegenüberstünde: vielmehr war für ihn das schöpferische bewußte Ich nur der geistige Brennpunkt der Natur: in ihm trafen sich Werden und Form, Müssen und Gesetz, als Wollen, Wissen, Sollen und Schicksal. Aus den Naturideen leitet sich allein Goethes Sittlichkeit ab. Seine Pflicht, seine Entsagung — Gesetzlichkeit wie Heiligkeit — sind nicht absolute, von einem überweltlichen Gott ein für allemal aufgestellte Forderungen an das übernatürliche Ich, sondern es sind die Formen unter denen der Mensch seine eigene naturgegebene Idee auswirken muß: ihre Verletzung ist nicht Sünde im christlichen Sinn und zieht nicht Strafe nach, sondern ist selbst schon Strafe, Verhängnis, Leiden. Darum darf man in den Wahlverwandtschaften nicht eine Anklage oder Verteidigung, eine Verteidigung des Ehebruchs oder eine Verherrlichung der Ehe, sehen. Es handelt sich hier gar nicht um sittliche Thesen mit psychologischem Beweismaterial. Eine seelische Natur- und Schicksalsgesetzlichkeit, die sich in der sittlichen Sphäre, in der Sphäre des Wollens und Sollens vollzieht, an menschlichen Beziehungen und Erlebnissen, sollte offenbart werden, ohne Entrüstung, freilich nicht ohne Pathos.

Damit ist erst die allgemeinste Gesinnung und Stimmung Goethes bezeichnet in welcher die Wahlverwandtschaften möglich geworden sind: die Klarheit die sich unter dem begriffenen Gesetz weiß, welches Natur, Schicksal und Gesellschaft durchdringt, der freiwillige aber nicht minder schmerzliche Verzicht auf allen dunklen Drang, alle Lust am Trug, alle Selbstigkeit die mit dem System von Pflichten gegen das Ganze sich nicht verträgt, kurz die Helle im Geheimnis, die Freiheit in der wie immer gearteten Notwendigkeit, die sittliche Kultur der eigenen dämonischen Natur und des eigenen Schicksals — die Demut des Allwissenden. Aber diese allgemeine Grundgesinnung — das Klima ohne welches die Wahlverwandtschaften nicht denkbar sind — erklärt noch nicht warum sie entstanden und grade so geworden sind: ein Roman über die naturnotwendige Zerstörung einer Ehe durch schicksalhafte Begegnungen und Begierden, den gesetzlichen Untergang eines liebenden Paars durch eine verhängnisvolle Anziehungkraft. Wir müssen den Kreis noch enger ziehen, denn jedes Kunstwerk bedarf mehrerer Erlebnisschichten um aus der Möglichkeit in die Wirklichkeit zu treten. Goethes Gesetzeserlebnis erklärt jene Zusammenschau von Natur, Schicksal und Leidenschaft, welche durch den Titel „Wahlverwandtschaften“ symbolisiert wird: die Geschichte von menschlichen Leidenschaften und Schicksalen unter dem Gleichnis eines chemischen Prozesses zu sehen, war nur dem alten Goethe möglich.





  

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