> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Die Wahlverwandtschaften Seite 131

2015-11-14

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Die Wahlverwandtschaften Seite 131



Doch warum ist dieses kosmische Werk, in dem Goethe sein Wissen über die überpersönlichen Mächte verewigt hat, zugleich ein Eheroman, derart daß man es bis auf den heutigen Tag als ein soziales Problemstück, als eine Art Vorläufertum französischer oder norwegischer Gesellschaftsstudien behandelt? Nun, die Ehe ist in diesem Roman nicht das Hauptproblem, sondern nur der Schnittpunkt der Hauptprozesse die Goethe am Herzen lagen oder der kleinste Raum, worin er die größte Fülle des ihn bedrängenden Gehalts überschaubar machen konnte. Jeder echte Künstler hat bewußt oder unbewußt den Willen zur Konzentration, der ihm verbietet auf einem weiteren, unübersichtlichen Raum auszubreiten was er auf einem kleineren vollkommen bewältigen kann, das Gebiet muß er finden welches die größte Tragkraft und Fruchtbarkeit hat und Mittel werden kann Für die verschiedenen Schichten, Linien oder Kreise seines Gehalts. Diese Stelle kann ihm durch Erlebnis gegeben sein, er kann sie durch glückhaften Instinkt finden, er kann sie sogar durch Kunstbesinnung konstruieren — wir haben bei Goethe auch für den letzten Fall Beispiele. Seine Suche nach „dem fruchtbaren Motiv“ gehört zur Suche nach dem kleinsten Raum mit größter Spannung, nach dem „Mittel“ das die meisten Strahlen fangen konnte. Ein solches „Mittel“ für mehrere Motivschichten war beim Wilhelm Meister, der zugleich Zustände, Gesellschaftsschichten, Bildung, Sitte und abenteuerliche Freiheit vereinigen sollte, das Theater.

Ein solches Mittel ist für die Wahlverwandtschaften, worin das Walten von Natur- und Schicksalsmächten durch die menschlichen Schichten hindurch gezeigt werden sollte, die Ehe. In keinem ändern Prisma konnten sich die Strahlen des Naturgesetzes, des Schicksals, der persönlichen Leidenschaft, der sittlichen Pflicht und der gesellschaftlichen Zustände gleich» zeitig so brechen wie in dieser Institution: denn sie hat teil als Polarität zweier Liebenden an der Natur, als Begegnung zweier Schicksalsträger am Schicksal, als gesellschaftliche Institution an Kultur und Staat, sie gehört als eine Erfüllung oder Nichterfüllung der Liebe in den Bereich der Naturtriebe, sie ist als die Regelung der Geschlechter ein Gebiet das „die Zivilisation der Natur abgerungen hat“, sie ist eine geschlechtliche Funktion, eine soziale Einrichtung, ein sittlicher Anspruch und ein magisches Geschehn, in ihr treffen sich Blut und Geist der einzelnen Personen, Sitten und Forderungen der menschlichen Gesamtheit, Gesetze und Verhängnisse der überpersönlichen Mächte. Das Ich, die Natur, die Kultur, das Schicksal — alle haben gleichen Teil an der Ehe, und nur an der Ehe. Aus dieser Zentralität der Ehe ergibt sich ohne weiteres warum sie von jeher eines der großen Probleme aller derjenigen Dichtung gewesen ist welche es nicht mit den Gestalten sondern mit den Beziehungen zu tun hat. Nur an den Störungen einer Ehe durch kreuzende Seelen- und Schicksalsspannungen konnte die ganze Stufenfolge jener Mächte, die ganze Breite und Tiefe des Gesetzes zur Geltung kommen: nur hier vereinten sich das Mysterium der Liebe und der Zeugung, das Mysterium der Sinne und der Sitte, der Seele und der Gesellschaft, und all die Anziehungen und Abstoßungen die sich ergeben aus der Spannung des Menschen zwischen Natur und Kultur, aus dieser seiner Doppeltheit: daß er mit seinem Blut an das Tier, mit seiner Seele an die Gottheit grenzt. Nur hier konnte das Naturgesetz im Wunder, das Verhängnis in der Heiligkeit aufgelöst, aufgehoben werden, ohne Sprung und Gewalt. . denn nur in der Ehe löst sich die natürliche Polarität in einem Geheimnis auf das über die Natur hinausreicht. Nur in der Ehe wird die schicksalhafte und triebhafte Vereinigung oder Trennung zweier Menschen zugleich ein sittlich gesellschaftlicher Akt und durch die Zeugung des legitimen Kindes, heidnisch gesprochen ein Mysterium, christlich gesprochen ein Sakrament. Die Ehe ist nicht nur ein animalischer Akt, sondern auch ein magischer, ein Zauber. Ein Werk also das von der Ehe handelt atmet in dem Bereich des Wunders, und daraus daß die Wahlverwandtschaften ein Eheroman sind, allerdings kein psychologischer oder gesellschaftskritischer, sondern ein kosmischer, ergibt sich auch die Rolle die darin das Wunder spielt — nicht wie man es eben aus jener Mißdeutung gerügt hat, als theatralisch-mystischer Schlußeffekt, als „katholische Tendenz“, als „Konzession an die herrschende romantische Strömung“, vielmehr als die Verdichtung und Steigerung der geheimnisvollen Weisheit die das ganze Werk durchdringt: als der gemäße Abschluß eines Mysteriums — wenn man unter Mysterium ein Werk verstehen will dessen Gegenstand das Walten überpersönlicher Mächte ist.

Goethe war nicht seicht genug das Beweisbare und Berechenbare allein für das Wirkliche zu halten, und das Wunder war für ihn, dem die Natur gotthaft war, nicht die Durchbrechung der Natur, nicht was der gemeine Verstand —die erforschte Natur mit der Natur überhaupt verwechselnd — „übernatürlich“ nennt, sondern nur deren Grenze: die Grenze zwischen erforschlicher und unerforschlicher Natur. Von der erforschlichen konnte er durch Sätze und Formen reden, von der unerforschlichen nur durch Zeichen und Mythen, und er hat sich nicht gescheut die Zeichen unter denen die frommen Gemeinschaften dasWunder verehrten gelegentlich diskret zu verwenden, wie er sich nicht gescheut hat den seelenlosen Gebrauch dieser Zeichen gelegentlich derb zu verhöhnen.

Dadurch daß die Ehe in dem ganzen Roman als Mysterium oder Sakrament, nicht bloß als ein gesellschaftlicher Vertrag.. als Natur und Schicksal, nicht bloß als Kulturerscheinung, behandelt wird hat Goethe das Wunder zweimal an entscheidender Stelle einführen können, ohne jede mystische Aufmachung in romantischer Manier (wie elwa Zacharias Werner, aber selbst Schiller in der Jungfrau von Orleans) nicht als ein plötzliches Eingreifen unangekündigter Transzendenzen, vielmehr als das nacktere Hervortreten der in der ganzen Handlung wirksamen, an sich geheimnisvollen, aber nicht geheimnistuerischen Mächte. An zwei Mysterien nur die auch der aufgeklärteste Naturgläubige als solche anerkennt, die als solche auch für den extremen Rationalisten die Grenze der menschlichen Erkenntnis, ja der menschlichen Person bezeichnen, erhebt oder verdichtet sich das bisher menschlich deutbare Geschehen zum Wunder oder wenigstens zum Wunderzeichen: an dem Mysterium der Zeugung, durch die geheimnisvolle Ähnlichkeit des aus dem Doppelehebruch der Seelen gezeugten Kindes und an dem Mysterium des Todes, durch Ottiliens Endschaft. Nur in diesen beiden Fällen hat Goethe sich erlaubt durch eine nach dem gemeinen Gang der Dinge nicht erklärliche, aber freilich auch nicht unmögliche, Begebenheit die sonst überall unsren Vorstellungen von menschlichen Dingen gemäße Handlung ahnungsvoll zu steigern und dadurch auf ein Geheimnis hinzu, deuten von dem aus auf alles andre, auch normale, Geschehen ein neues Licht fällt. Diese beiden Wunder bedeuten kompositionell in den Wahlverwandtschaften etwa dasselbe wie die Gestalt der Mignon in den Lehrjahren: sie durchbricht nicht den übrigen Vorstellungskreis des Werks, aber ihre bloße Anwesenheit vertieft und steigert ihn. In beiden Fällen ist der Goethische Glaube wirksam daß das Erforschliche aus einem Unerforscht liehen sich speise, und an die Grenze dieses Erforschlichen führt uns das Geheimnis, als Gestalt, oder das Wunder, als Geschehen: beide verkünden unvermittelt das Walten von Mächten welche durch die Naturgesetze und das vernünftig deutbare Geschehen vermittelt zu unsren Sinnen sprechen.

Freilich nur wer den ganzen Bereich des Erforschlichen wirklich bis an die äußerste den Sinnen und dem Denken erreichbare Grenze durchmessen hat, wie Goethe, darf in das Land des Wunders einen Blick tun und von der Grenze her durch Zeichen denjenigen Kunde geben die dafür reif sind. Es unterscheidet Goethes Mystik (wenn man schon sein in Gebilden offenbartes Geheimschauen so nennen will) von allen mystizistischen, zumal romantischen Geheimnistuern, daß er keine Stufe übersprang, den Sinnen wie dem Verstand Ehrfurcht zollte und ihnen ihre Vollmacht bis an die Grenze ließ, das Erforschliche wirklich erforschte mit aller Demut und allem Fleiß, ohne den Dünkel der auf einen „Königsweg“ zur Erkenntnis Anspruch macht oder sich brüstet mit einer eigenen Intuition wodurch jedes Denken, und einer eignen Einweihung wodurch die Erfahrung überflüssig werde, der scharlatanisch „nur durch Zeichen redet“ ohne sich die Zeichen erarbeitet zu haben. Das Wunder bezeichnet für Goethe die Grenze, nicht die Mitte der Erkenntnis, und mag es in der Mitte des Geschehens wirken — der Weg zu ihm führt Goethe durch die ganze sinnliche Erfahrung und sinnende Vernunft. Und dann wird durch Erlebnis, durch Intuition des nicht weiter auszudeutenden Wunders das Sichtbare nicht vernichtet und das Denkbare nicht aufgehoben, sondern vergottet: von der unerklärlichen Grenze aus gewinnen die erklärlichen Erscheinungen Tiefe und Glorie .. von da aus werden sie zu Gleichnissen und Sinnbildern, wie es am Schluß des Faust geradezu ausgesprochen wird —vom Wunder, vom Himmel, von Gott aus wird die unmittelbar menschliche und mittelbar göttliche Welt zum Sinnbild der Gottheit wodurch sie lebt und webt und west. In demselben Sinn wie vom katholischen Himmel am Schluß des Faust Gebrauch gemacht wird (welchen Sinn die Schlußstrophen des Faust aussprechen) wird vom Wunder in den Wahlverwandtschaften, vom Rätsel und Geheimnis im Wilhelm Meister Gebrauch gemacht. In allen drei Fällen wird die unfaßbare Welt als der tiefste Sinn, ja als der Urgrund der faßbaren von der Grenze her gezeigt, und die faßbare durch diese unfaßbare rückwirkend vertieft und gesteigert.

Wir haben aus Goethes Gesetzeserlebnis das Klima zu erklären versucht worin die Wahlverwandtschaften überhaupt möglich wurden, sodann den besonderen Wert des Eheproblems für die menschliche Darstellung dieses kosmischen Erlebnisses erkennen und aus Goethes Glauben wie aus seiner künstlerischen Absicht begreifen wollen was das Wunder in einem solchen Werk bedeutet, als undurchdringbare unüberschreitbare Grenze des als Handlung entwickelbaren Gesetzes. Wir sind weit entfernt davon eine Kunstschöpfung bis in ihre letzten Einzelheiten erklären zu wollen, wie das Ergebnis einer Rechenaufgabe: man kann dabei günstigenfalls zeigen welche Stimmung, welcher Raum, welche Erlebnisart und Gesinnung nötig war, damit ein solches Kunstwerk überhaupt entstehen konnte. Daß es daraus entstehen mußte und wie es bis in die letzten Züge hinein gerade so wurde, läßt sich nicht feststellen, so wenig wie die Kenntnis der Eltern, der Familie, des Milieus und der Zeugungsumstände den Charakter eines Kindes restlos erklären. Daß und warum die Wahlverwandtschaften also zugleich ein kosmischer Natur-und Schicksalsgesetzesroman, ein moderner Eheroman und ein Mysterium sind, und warum sie gerade beim Gesamtzustand des damaligen Goethe entstehen konnten, hoffe ich verständlich gemacht zu haben. Es ist damit nur über die geistige Struktur, den geschichtlichsbiographischen Platz und den seelischen Sinn des Werks etwas gesagt. Die historische Erklärung seiner Einzigkeit muß halt machen vor dem Charakter Ottiliens: Der stammt aus einem einmaligen Erlebnis Goethes, aus einem schöpferischen Augenblick, dem eigentlich zeugenden Moment des ganzen Werks, wodurch die gestaltungsbereiten Elemente seines gesamten Wesens und Zustands zum Kunstwerk erst zusammenschossen, seine inneren Möglichkeiten zu einer dargestellten Wirklichkeit gelangten. Die Gestalt Ottiliens ist weder der Hauptgehalt noch das eigentliche Problem der Wahlverwandtschaften, aber ohne den Augenblick da Goethe das geschaut was im Werk als Ottilie erscheint wäre wohl weder der Gehalt verdichtet noch das Problem so gestaltet worden.





  

Keine Kommentare: