> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Die Wahlverwandtschaften Seite 132

2015-11-16

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Die Wahlverwandtschaften Seite 132



Wir erinnern uns an Goethes geheimnisvollen Ausspruch, daß er das Ideelle unter weiblicher Form konzipiere. Auch die Schlußverse des Faust gehören in den Bereich desselben Geheimnisses: die Sehnsucht nach dem Gegenpol seines eignen plastisch männlichen Wesens, nach dem Ewig-Weiblichen (welches kein physiologisch anatomischer Tatbestand, sondern ein kosmisches, nicht auf den menschlichen Körper beschränktes, sondern nur von ihm sein Gleichnis empfangendes Urprinzip ist) erzeugte in ihm die Bilder seines jeweiligen Ideals. Die Frauen die er liebte bildeten wohl an den Zügen dieses Ideals, kamen ihm mehr oder minder nah — ganz verkörpert hat es keine, geschweige es erst hervorgerufen. Keine seiner Geliebten allein hätte genügt ihm das Ideal zu erschaffen, jener Zug war mit seiner Natur schon gegeben, und die Liebschaften sind seine Ausstrahlungen, nicht seine Ursachen. Aus der Begegnung der ihm eingeborenen Ideen mit geliebten Frauen entstanden dann Gestalten wie Gretchen oder Lotte, auf geistigerer Stufe Iphigenie, Eleonore oder Ottilie.

Ottilie ist in den Wahlverwandtschaften die einzige Gestalt bei der ein einmaliges Menschenerlebnis und das Gesetzeserlebnis des reifen Goethe sich durchdrungen haben. Die anderen sind Typen und nur soweit durchgebildet als in ihnen das Wirken der gesetzlichen Kräfte veranschaulicht werden soll. Eduard ist ein begabter, anständiger, bewegter und beweglicher Mann der besseren Gesellschaft, Charlotte eine überlegene tüchtige und lebensvolle Dame, der Major ein adliger schlechthin tüchtiger Charakter, ein „Charakter“ im prägnanten Sinn. Man meint sie zu kennen und doch Dutzenden ihresgleichen in der Vergangenheit, ja selbst noch in der Gegenwart mutatis mutandis begegnet zu sein. Einzig und unvergeßlich sind ihre Verhängnisse, nicht ihre Gestalten. Selbst Mittler und Luciane, in demselben Maß menschlich individueller als sie dem Gesetz ferner stehen, sind doch nicht einmalige, von innen heraus geformte Eigenwesen, sondern von außen her umrissene, abgegrenzte Sondertypen, „Käuze“ die immer wieder Vorkommen und weniger ein einmaliges Erlebnis als eine wiederholte Erfahrung verkörpern: den wohlmeinend taktlosen Allerweltshelfer mit dem gesunden, in allen wesentlichen Erschütterungen unzulänglichen, in allen mittleren Lagen unschätzbaren Verstand, und die reizvoll glänzende, kapriziöse, wohl auch verrückte und verrückende, unverantwortliche und wurzellose Weltdame — wir kennen sie, und wir wissen von diesen Goethischen Gestalten nichts Unvergeßlicheres als von solchen Begegnungen. Wären die Wahlverwandtschaften nicht geschrieben, unser Schatz von Menschenbildern würde nicht sehr verringert, ohne Eduard und den Major, ohne Charlotte, Mittler, Luciane: wir würden ihresgleichen auch sonst begegnet sein. Noch unbestimmter und allgemeiner sind die mit Bedacht namenlosen Berufsmenschen: Gehilfe, Architekt, Gärtner.

Aber Ottilie ist eine unwiederbringliche und unersetzliche Gestalt und, so sehr sie verkörperte Idee ist, ein einmaliges Wesen das Goethe nur einmal begegnet ist und das ihn nur einmal gerührt hat, um ihm zum Träger aller Zartheit, Wehmut und Süße zu werden deren er auf dieser Stufe seines Lebens fähig war, wie der Goethe der Lidajahre und der italienischen Zeit in der Iphigenie alle Reinheit, Hoheit, Lauterkeit als weibliche, d. h. ersehnte Gestalt verkörpert hat. Beide Male waren ihm schon die Elemente zu solchen Idealen und die Materialien gegeben zu Werken die von solchen Idealen ihre Luft und Stimmung empfangen sollten, und beide Male bedurfte es doch der einmaligen, unwiederbringlichen und unersetzlichen Begegnung mit dem liebeweckenden Wesen, um die Ideale zur Verkörperung, das Werk zur Durchbildung zu bringen. So wenig die Iphigenie eines ist mit Charlotte von Stein, die Gretchentragödie mit der Friederikenliebe, so wenig wären diese notwendigen kosmischen Werke ohne die (mindestens von uns aus gesehen) zufälligen Menschenbegegnungen entstanden. So wäre schwerlich ohne Begegnung mit einem Urbild der Mignon der große deutsche Bildungsroman entstanden .. und so bedurfte es — dies ist das unberechenbare Ineinanderwirken von Ananke, Tyche und Daimon — gewiß der Begegnung mit Minna Herzlieb, damit der Keim der Wahlverwandtschaften, Ottilie, sich aus wirken und der Roman werden konnte! Auch hier geht uns wenig an was wir über dieses holdselige und von einem leisen Untergang vorausbeschattete Mädchen sonst wissen: wie Goethe sie geschaut, wie er durch sie schöpferisch wurde, ist in der Ottilie seines Mysteriums zugleich offenbart und verborgen, wie nur Gestalt offenbart und verbirgt.

Ottilie ist rein ihrem Schicksal hingegeben und nimmt ihr Gesetz, das schmerzlichste wie das süßeste, Liebe, Leidenschaft, Verzicht oder Tod, mit lauterer Demut auf sich und hebt es als Dulderin auf. Nicht ekstatisch jenseits der Menschennatur steht sie, sondern trägt die Schwächen und Leiden dieser Natur als ein tägliches Opfer bis zur Grenze, und eben dadurch erfüllt und überwindet sie das Schicksal, durch „Opfer“, nicht durch Entrückung. Auch hier bewährt sich die Goethische Forderung, der Goethische Glaube, daß die Überwindung der menschlichen Grenzen, die Vergött* lichung, die Heiligung, das Wunder — oder was immer die Grenzen der Natur zu durchbrechen scheint — in der Erfüllung der Natur selbst besteht, in der freiwilligen Unterwerfung unter das erkannte Gesetz. Dies Gesetz ist nicht für alle gleich und den wenigsten ist es gegeben ihr Gesetz zu erkennen — die allmählich immer deutlicher werdende Kenntnis des Gesetzes unter dem sie steht, der Bahn in die sie gehört, aus der sie gerissen ist und in die sie zurück will, macht die tragische Läuterung Ottiliens aus. Als das Gesetz des gesitteten Menschen überhaupt, als die tiefste Forderung die durch die Kultur des Einzelnen an die Menschennatur gestellt wurde, hatte der alte Goethe „die Entsagung“ erkannt, den freiwilligen Verzicht auf das Ausleben der persönlichen Begierden und Leidenschaften zugunsten des Ausgleichs zwischen der einmaligen Person mit der Gesamtheit worin sie wirken soll, in weiterem Sinn, des Ausgleichs zwischen Individuum und Gattung. Für den Mann kann dies Gesetz durch die heroische Tat erfüllt werden, welche das Einzelleben an ein Gesamtideal hingibt.. Eduards Versuch im Krieg zu fallen ist halb bewußte, halb instinktive Unterordnung unter dies Mannsgesetz. Die Frau erfüllt ihr Gesetz durch das Opfer, durch das Dulden in jeder Form, ihr ist schon durch ihr Körpertum das Heraustreten aus dem Kreis des Empfangens, des Aufsichnehmens verwehrt: die Tat ist für die Frau das Widernatürliche. Goethes heroisches Weib schlechthin, Iphigenie selbst, spricht dies aus: ihr Sieg, größer als die Taten der Männer, ist ebenfalls Opfer und Verzicht. Aber als Goethe die Iphigenie schrieb, hatte er jene Zusammenschau von Natur und Schicksal noch nicht vollzogen, jenen obersten zusammenfassenden Gesetzesbegriff sich noch nicht errungenden wir als seelische Grundlage seiner Wahlverwandtschaften voraussetzen. Iphigenie tritt noch als heroische Seele dem Schicksal das ihr droht einzeln gegenüber und tilgt den Geschlechterfluch durch die Kraft der in ihr beschlossenen Lauterkeit: das ist ein Rest der titanisch-heroischen Zeit Goethes da ihm das große Individuum als selbstherrliche Gewalt gegenüber der Welt, auch gegenüber Göttern und Verhängnis stand. Jetzt konnte das nicht mehr sein: Ottilie steht innerhalb des Schicksals und ist unentrinnbar seinen Gesetzen unterworfen als Naturgesetzen: die kann sie nur durch passive Opferung erfüllen, und ihr Duldertum (bis ins Kleinste oder vielmehr vom Kleinsten aus bis ins Höchste hinein entwickelt, von der Verkennung in der Schule und den Kopfschmerzen bis zum wunderwirkenden Sterben) ist die reinste Form unter der eine Frau, nicht mehr dem Schicksal gegenüberstehend und also des eigentlichen Heroismus beraubt, sondern in das Schicksal gebannt, ihr Gesetz erfüllen, sich opfern kann. Wenn eine Frau ihr Natur-und Schicksalsgesetz nicht als Mutter oder Geliebte erfüllen kann, und wenn sie nicht, wie im heroischen Zeitalter, als Priesterin kraft innewohnenden göttlich sittlichen Fugs, sich über die Natur und das Schicksal stellen kann, weil Natur, Schicksal und Sittlichkeit sie ein und demselben Gesetz unterstellen: so ist sie nur als Heilige imstand, ihr Gesetz zu erfüllen, in des Wortes erfüllen prägnantester Bedeutung. Unter den Idealgestalten Goethes, d. h. solchen die irgendein Höchstmaß, eine Grenze des Menschtums, eben eine Erfüllung darstellen, wird Ottilie der vollkommenste Typus des Weibs als heiliger Dulderin. Goethes tragische Frauenideale sind entweder blinde Opfer eines Verhängnisses das sie nicht übersehen, wie Gretchen, in gewissem Sinne auch Klärchen und Mignon, oder es sind priesterliche Besiegerinnen und Sühnerinnen des Verhängnisses durch Entsagung, wie Iphigenie, auch noch die Prinzessin im Tasso oder Eugenie. (Es ist hier nur die Rede von Fällen wo der Gegensatz zwischen dem Wollen der Einzelnen und den überpersönlichen Mächten sich bis zur Unvereinbarkeit steigert.) Ottilie ist das erste wissende freiwillige Opfer des Gesetzes, das Goethe geschaut und gestaltet hat, das erste das als Einzelwesen von vornherein unter dem Gesetz steht, und dem ein heroischer Widerstand oder Untergang deshalb auch unmöglich ist — wie denn auch ein tragischer Held als Mann, als tuendes Geschöpf, von vornherein in der Luft der Wahlverwandtschaften unmöglich wäre. Gretchen und Klärchen, Iphigenie und die Prinzessin stehen von vornherein den über persönlichen Mächten gegenüber als selbständige Kräfte, Ottilie ist von vornherein selbst nur eine Auswirkung, ja eine Funktion des gesetzlichen Verhängnisses. Aber sie weiß es zuerst nicht: sie erfährt es allmählich, und diese zunehmende Helle, daß ihr Wille selbst nicht entrinnen kann, daß er nur eine andre Form ihres Verhängnisses ist, wird die Tragik dieser zarten und starken Seele. Das überpersönliche Gesetz, das nicht zu zerbrechen und nicht zu überwinden ist, ist aber zu erfüllen, und dazu erzieht Ottiliens Wissen ihren erst blinden und widerspenstigen Willen: sie nimmt das „Joch der Notwendigkeit“ zuletzt wissend und willig auf sich und wird dadurch als Heilige mit dem Überpersönlichen eins, in demselben Sinn wie die ekstatischen Heiligen mit dem fordernden Gott eins werden, die indischen Büßer ins Nirwana eingehen, durch Überwindung des Willens zum Leben (um der Schopenhauerschen Deutung uns zu bedienen — welche überhaupt in dem Ende Ottiliens eines der willkommensten dichterischen Beispiele finden durfte). Die Heiligung Ottiliens vollzieht sich in der Romanhandlung als Umkehr, ja als Buße für die von ihr als Schuld gedeutete Durchbrechung ihrer Bahn, welche ihr beim Tod des Kindes erst ganz bewußt wird. Mit dieser Erschütterung wird die Erkenntnis des Schicksals gesetzss unter dem sie steht jäh vollendet: sie ist, theologisch gesprochen, ihre Erleuchtung mit der die vollkommene Läuterung einsetzen kann. Aber diese Erleuchtung ist nicht nur ein innerer Vorgang: er ist zugleich die Besiegelung ihres Schicksals, das sie als Heilige, nicht wie sie bis zu diesem Augenblick dumpf und blind wünschte und hoffte, als Mutter erfüllen soll. In demselben Augenblick da sie das Kind, auf mystische Weise ihr Kind, mit jungfräulichen Mutterschaftsahnungen auf dem Schoß hält, wird es ihr entrissen, und damit zugleich ihre andre mögliche Schicksalserfüllung. An diesem Punkt treffen sich das Mysterium der Zeugung (und der Mutterschaft, das nur eine Seite dieses Mysteriums ist) und das Mysterium des Todes. Der Tod des Kindes offenbart Ottilie zugleich ihr wahres Gesetz und ihren Wahn, und indem ihr der Weg zur Mutterschaft endgültig durch diese Erleuchtung versperrt erscheint, begibt sie sich auf den noch einzig möglichen Weg zur Erlösung, den Weg der Buße, der zur Heiligung führt.

Ottilie hebt durch ihr Eingehen in das Gesetz (welches bei Goethe etwas von Nirwana sehr verschiedenes ist) die angeborene schmerzliche Spannung zwischen der Person und dem Überpersönlichen auf (dies sei was es wolle, Gott oder Welt, Sitte oder Fatum, Natur oder Staat). Sie wird bewußt eins mit ihm, nachdem sie — unbewußt wie sehr sie ihm untertan sei sich gesträubt. In diesem Sinn ist die äußerste Erfüllung des Gesetzes seine Aufhebung, weil Überwindung —die wissende Demut der vollkommene Sieg, die erkannte und anerkannte Notwendigkeit die unbegrenzte Freiheit, in dem Sinn von Goethes Vers „das Gesetz nur kann uns Freiheit geben“. Die Heiligsprechung von Ottiliens freiwilligem Opfer ist zugleich die Verherrlichung des Gesetzes von dessen Gegenwart das Mysterium „die Wahlverwandtschaften“ Kunde gibt. In diesem Schluß erfahren die allgemeine Gesinnung und Weltschau Goethes, und sein einmaliges unersetzliches und unwiederbringliches Erlebnis, die Begegnung mit dem Urbild der Ottilie, eine gemeinsame Vergottung: das Allgemeinste und das Besonderste des Gehalts der in den Wahlverwandtschaften Gebild geworden ist.

Ein Wort über die Sprache der Wahlverwandtschaften. Da sie keine von dem Gesamtgedanken und -aufbau abzulösende Einzelheit ist, sondern das sinnliche Medium wodurch Gedanke und Bau — auch diese beiden zusammengehörig wie die einen Leib durchdringende Lebenskraft und dieser Leib selbst — erst für uns in Erscheinung treten, so macht sie uns erst sinnlich klar, wie Goethe hier alles auf das notwendig knappste Maß beschränkt hat. Die Wahlverwandtschaften sind die reinste und vollkommenste darstellende Prosa die Goethe geschrieben hat . . sie kann wie alle im engeren Sinn klassischen Stilleistungen mehr negativ als positiv charakterisiert werden, durch Abgrenzung gegen das die Norm als Wucherung Überschreittende oder als Dürre hinter ihr Zurückbleibende. Der Stil der Wahlverwandtschaften ist gleich weit entfernt von der strömenden und drängenden Fülle des Werther, von der froh malenden und (nach Friedrich Schlegels Ausdruck) „nebenausbildenden“, zugleich lebhaften und behaglichen Breite der Lehrjahre, wie von der lehrhaft ironischen, schon etwas erstarrten und formelhaften Weite der Wanderjahre. Er ist kräftig und dicht, ohne strotzend und prall oder üppig und überladen zu sein, klar und anschaulich, ohne malerisch und schildernd zu werden, fest und ruhig, ohne Steifheit und Langsamkeit, nicht sinnlich quellend um jeden Preis, wie es der mit Anschauungen und Gleichnissen, wohl auch mit Shakespeares Einwirkungen überfüllten Jugendphantasie Goethes gemäß war, die mehr Bilder beherbergte als der Gedanke jeweils sofort ordnen und unterbringen konnte . . aber auch noch nicht so abstrakt und gleichsam aus der Vogelschau zeichnend, wie der greise Goethe, der eine unendliche Menge Einzelanschauungen mit einem einzigen oft allzu hoch gewölbten Gedanken Übergriff. Vielmehr wird jede Sache nur soweit dargestellt, daß ihre Bedeutung und Funktion innerhalb der Gesamthandlung erkennbar wird, keine wird um ihrer selbst willen ins Einzelne ausgemalt, aus Freude etwa an einer schönen Landschaft oder an einem aufregenden Vorgang oder sonstigen Gründen die von dem Grunde des Werks nicht unbedingt erfordert werden: daher der Mangel an farbigen oder bewegten Adjektiven, an Ausrufen, Ellipsen, jähen Tempowechseln, an Lyrismen jederart . . Hauptsätze nur, um die Handlungen, Vorgänge oder Zustände in ihrer Folge hinzustellen, Nebensätze, um deutlichkeitshalber Nebenumstände, Begründungen oder Einschränkungen des Seins, Geschehens und Tuns anzuführen, nirgends aber, um die Bewegung oder die Farbe, die Straffheit oder die Stimmung an sich zu steigern. Ebensowenig wird aus dem Werk hinaus gedeutet, um dem Leser unabhängig von dem warum es sich hier handelt Überlegungen beizubringen. Auch die Reflexionen in Ottiliens Tagebuch gehören zur inneren Handlung und bezeichnen nur einen Ruhepunkt, keineswegs eine willkürliche Unterbringung von Goethes Spruchweisheit wie in den Wanderjahren.

Wenn die Jugendprosa Goethes bis zum Urmeister, ja bis in die Lehrjahre hinein bestimmt wird von seiner Sinnlichkeit, und zwar erst der triebhaft bewegten des Bluts, dann der bildhaft ordnenden des Auges, so ist das sprachliche Zeugnis dafür das Überwiegen der Adjektive. In der Prosa der Wahlverwandtschaften ist das Überflüssige, Spielende, Wuchernde, Rankende der Sinnlichkeit eingesogen in das ruhige selbstgenugsame Sein, welches den unbedingt nötigen Raum bildet für das Tun und Geschehn worin sich der Gedanke aus wirkt. Substantive und Verben sind die Träger dieser Prosa, die in den Lehrjahren schon erreicht, aber noch nicht vollendet ist. Die Wahlverwandtschaften und die ersten Bücher von „Dichtung und Wahrheit“ sind ihre klassischen Muster, gleich frei von Lyrismen wie von Malereien und nur soweit an die Reflexion grenzend als die Personen die Idee der Werke transparent machen sollen in Gesprächen. Dichtung und Wahrheit freilich ist schon kein rein erzählendes Werk mehr und will es nicht sein: es ist nicht nur Darstellung eines ewigen Geschehens mit sym» bolischem Sinn, sondern auch geschichtlicher Bericht über Vergangenes und dessen Erläuterung: die Reflexion, der Hinweis, das Herausdeuten aus der bloßen Erzählung gehörte sogar zu der Aufgabe die Goethe sich dort gestellt hatte. Geschichtliche Prosa ist eine Vereinigung der lehrender- klärenden und der erzählenden: sie hat es nicht nur mit dem sinnlichen Sein und Geschehen, sondern auch mit den geistigen, abstrakten Gründen zu tun. Sie ist nicht nur Darstellung, sondern auch Deutung bis zur Lehre. In Goethes letzten Alterswerken, zumal den Wanderjahren, durchbrach bei abnehmender Bildnerkraft dann das Bedürfnis, die Deutung und Lehre als solche herauszustellen, die Lust an der Gestaltung, es war wohl auch stärker als die Bildnerkraft geworden, und mehr und mehr ward Gebild und Geschehen aufgezehrt oder durchschienen von der Abstraktion.

Die Prosa der Wahlverwandtschaften hält die Mitte zwischen der überquellenden Sinnlichkeit der Jugendprosa mit dem pathetischen Auf und Ab, den bewegten Tempowechseln, und der oft schematisierenden Geistigkeit der Greisenprosa mit der künstlichen Distanzierung, der zeremoniellen Behaglichkeit. Weder die innerste Seele der Gegenstände und Geschehnisse, die Bewegung in der sie erlebt werden oder aus der sie quellen, noch ihre Bedeutung, ihre Beziehung zu allgemeinen gedanklichen Kategorien drängen sich vor, vielmehr sind Sein und Geschehen hingestellt mit einer sinnlich-geistigen Schau ihrer wesentlichen Eigenschaften und Funktionen, gleich weit entfernt von der augenblicklichen Aufregung des darstellenden Ichs wie von seiner unbeteiligten Abstraktion sub specie aeterni. Der Stil der Wahlverwandtschaften ist schlicht und gefüllt, ruhig und bewegt, hell und tief, männlich und zart, gewichtig und deutlich: die vollkommenste deutsche erzählende Prosa die es gibt, nicht die reizendste, erhabenste und hinreißendste, nicht die farbigste und erschütterndste, nicht die reichste und stärkste. Jede Art ausgesprochenen Temperaments mag für immer oder für jeweilige Lebensstufen und Stimmungen bei Goethe oder Jean Paul, oder bei Kleineren andre deutsche Prosa höher werten — die der Wahlverwandtschaften scheint am wenigsten getrübt und bedingt durch die Wellen einseitig bewegter Subjekte, der reinste Spiegel des Seins und Geschehens in einem ruhig-tiefen Wesen das unbewegt vom Augenblick dennoch die Bewegung jedes Augenblicks aufnimmt und wiedergibt, ohne sympathetisch in ihr nachzuzittern wie die Seele aus der Werther kam, ohne sie weit wegzuhalten wie der Geist der Wanderjahre.





  

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