> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Hermann und Dorethea Seite 115

2015-11-03

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Hermann und Dorethea Seite 115



HERMANN UND DOROTHEA

Unter den durch Schillers Einfluß gezeitigten Bildungswerken, bei denen Stoff, Form und Gehalt nicht einheitlich geboren, sondern miteinander verschmolzen wurden, sind drei durch die Macht und Tiefe des darin mehr gebändigten als ausgedrückten Gehalts lebendiger geblieben als ihre gattungsgeborenen Geschwister: Hermann und Dorothea, Der Gott und die Bajadere, Die Braut von Korinth.

Hermann und Dorothea ist gespeist aus dem Erlebnis der großen französischen Revolution, aus dem Willen zur Verklärung und Steigerung der idyllisch deutschen Zustände (ein Wille der Goethe seit der Reinigung und Ausweitung seines Blicks in Italien nicht mehr verließ und fast mit der Gewalt einer Leidenschaft wirkte) aus der Absicht das Muster deutschen epischen Stils, einer deutschen Idylle aufzustellen und sich dabei produktiverweise über die Gesetze der epischen Darstellung klar zu werden. Derselben Absicht entstammte ja die Achilleis: doch während dieser Epopöenplan, rein literarisch und ästhetisch konzipiert, nicht genährt von einem urdichterischen Gehalt, es seien denn gewisse Landschaftsbilder, nur aus dem Homer und den Gedanken über das Epos, ein alexandrinisches Fragment bleiben mußte, waren jene Erlebnisstrahlen stark und dicht genug die Idylle durchzureifen und zu füllen: Hermann und Dorothea ist vor der gleichen Gefahr bewahrt worden durch den mit Goethes eigner Anschauung zu umspannenden Gegenstand und eine mit eignem Atem zu füllende Zeitsphäre.

Vom seelischen Erlebnis und von der sinnlichen Erfahrung her war der Stoff der Idylle ihm gemäßer als die Achilleis. Im Nachdenken über die epischen Formen und homerische Technik, über Ilias und Odyssee, das ihn seit der Rückkehr aus Italien kraft einer Sehnsucht nach der gehobenen reineren Lichtwelt beschäftigte mit bald pädagogischer bald elegischer Färbung, neu angeregt durch die deutsche homerisierende Idylle von Johann Heinrich Voß, zugleich bewegt von der Revolution und ihren Wirkungen auf die deutsche Bürgerwelt, stieß er auf einen alten Bericht über „Das liebtätige Gera und die Salzburgischen Emigranten“ worin anekdotisch Auswandrerschicksale erzählt werden, unter andrem auch die Liebes- und Prüfungsgeschichte einer verjagten Jungfrau die ein Bürgersohn sieht, zur Gattin begehrt und nach mancherlei Hin und Her seitens der Eltern und Bekannten erhält.. also ungefähr die Handlung die wir aus Goethes Idylle kennen.

Die Auswanderungszenen in dieser Flugschrift erinnerten Goethe an gleichartige, wie er sie seit Ausbruch der französischen Revolution, besonders während der Kampagne in Frankreich mitangesehen hatte, und die Geschichte des liebenden Paars selbst, an sich rührend und seltsam, in solchem ihm vertrauten Bereich begegnend, mochte Goethe sofort als der fast schon gestalte und gerundete Anlaß einer idyllischen Konzeption auf» und einleuchten. Hier war ihm ein dichter Kern für seinen damaligen Gehalt gegeben. Das Detail des Auswanderns, das er aus eigner Anschauung kannte, rief ihm den unendlich bedeutenderen, großartigeren, infolgedessen dichterisch fruchtbareren Hintergrund empor, die französische Revolution — das Milieu war etwa das gleiche das ihn als seine Umwelt beschäftigte, und die Handlung war, wenn auch keine sofortige Analogie zu seinem eignen Er« leben, als Motiv bildhaft, knapp und umfassend genug um samt jenen stofflich atmosphärischen Vorzügen seinen wieder erwachten Bildnertrieb zu locken.

Die Form war ihm mit dem Stoff nicht gleichzeitig gegeben, und ward bestimmt durch seine epischen Aspirationen und Reflexionen. Vossens Luise hatte das deutsche Kleinbürgermilieu in homerischem Versmaß zum Gegenstand einer Idylle gemacht und dadurch die Debatte über die epischen Formen in Fluß gebracht: Goethe konnte seiner Natur nach daran sich nur schaffend beteiligen, und so trafen just ästhetisches Interesse, Stoff und Gehalt, oder Bildnersinn, Lektüre und Erlebnis zusammen, um die deutsche Idylle Hermann und Dorothea zu zeitigen.

Hermann und Dorothea war allezeit Goethen selbst eines seiner liebsten Werke, es rührte ihn noch später zu Tränen ohne die Apprehension die er vor der Beschäftigung z.B. mit Werther, als dem Niederschlag „eines pathologischen Zustandes“ empfand. Was ihn dabei ergriff war wohl der Gegensatz zwischen dem flutenden und gefährdeten Dasein das er sah und lebte und der befriedeten Bildwerdung, der reinen, fast möchte man sagen „Abkapselung“ des verworrenen Alltags, der Seligsprechung seiner deut« sehen Zeitdetails die ihm hier geglückt, im eigentlichen Sinn geglückt ist. Hermann und Dorothea ist die Bildwerdung nicht einer Goethischen Leidenschaft wie Werther oder Tasso, nicht eines Goethischen Strebens, Lebens, Konflikts und Schicksals, wie Götz, Faust, Meister, Iphigenie, sondern der zeitgenössisch bürgerlich engen Zustände unter denen er seit seiner Jugend als Titan wie als Dämon, als Dichter durch Gefühlsfülle wie als Bildner mit seinem Bedürfnis nach großen Linien und einfachen Ordnungen gelitten hatte . . es ist die erste Verklärung, Schönwerdung die Goethe der deutschen bürgerlichen, ja spießbürgerlichen Welt vergönnt und abgerungen hat, und (das ist für ihn das Rührende und Beglückende) abgerungen ohne vor ihr zu kapitulieren, ohne sich auf ihr Niveau zu begeben. Nicht indem Goethe sich bürgerlich, sondern indem er diese Welt Goethisch gemacht, hat er ihre Kunstwerdung, ihre Seligsprechung erreicht, und wohl durfte er über diesen Sieg gerührt sein: ein spröderes Material hatte er noch nie überwunden und durchdrungen ..diese kleine und enge Welt als solche groß schön und einfach, italienisch und klassisch zu schauen und darzustellen war dem aus Italien zurückgekehrten eine neue Not und ein neuer Triumph. Hier rang er ja nicht mit großer Natur und großem Schicksal, nicht mit dem Ganzen eines Daseins oder einer Zeit, überhaupt nicht mit Kräften sei es erotischer, sei es dämonischer, sei es titanischer Art, sondern mit den äußeren Schranken seines Daseins, und er schob seine große Seele nun in Bezirke hinein vor die seine Kunst bisher verschmäht oder überflogen hatte.

Wir kennen die Mittel der Darstellung die Goethe sich in Italien ausgebildet hatte für einen solchen Kunstsieg: strenge Augenhaftigkeit, genauen Umriß, klare Sonderung, übersichtliche Ordnung der Menschen, Gegenstände und Räume — keine Beschreibung die nicht zugleich Bewegung und Bedeutung hätte, der Komposition diente, die Handlung förderte, den Geist verkörperte, keine Sentenz die nicht zugleich Körperliches beseelte und deutete: steter Bezug der sinnlichen Einzelheiten zur geistigen Mitte, Abwägung der Kontraste. Überall merkt man daß ein an malerischer Komposition geschultes Auge dies Werk gebildet. Auch die genaueste Beschreibung kommt nicht aus Vossischer Freude am Stilleben, sondern aus Freude am Komponieren die auch das Kleinste unter ein einheitliches Gesetz des beseelten Auges, des raumschaffenden, raumfüllenden, raumordnenden Auges zu stellen weiß. Kein Detail das nicht der Charakterisierung eines Dunstkreises, eines „moralischen Raums“ dient, der durch Bewegung und Handlung geschaffen und deutlich wird und die Vergegenwärtigung eines Goethischen Bildungszustandes ist. Goethes Wille zur Einfachheit, Klarheit, Großheit, in Italien gereift, durch Homer bewegt, durch den Stoff angeregt, durch drang die bürgerliche Umgebung seiner deutschen Kleinstädter weit und aus dieser Durchdringung sind die beiden edlen Gestalten Hermann und Dorothea entstanden, deren Ausstrahlung das Milieu ist, zu deren Verdeutlichung und Beleuchtung die übrigen Gestalten dienen in verschiedenen Graden der Wirksamkeit und der Dichte.

Wenn Hermann und Dorothea eines der populärsten Werke Goethes geworden ist, so hat daran (abgesehen von seiner Eignung als Muster-und Gattungspoesie für die Schullektüre, die es vor manchen mächtigeren Werken Goethes voraushat) ein ähnliches Mißverständnis teil wie am Massenerfolg des Werther: man ging vom behandelten Stoff aus und erkannte in der Goethischen Idylle mit Recht die schönste Verklärung des deutschen Bürgertums, mit Unrecht eine Anerkennung der Spießbürgerei in welcher man sich wohlgefiel. Man hielt Goethe für den Maler der eignen Zustände und des eignen Niveaus, und schrieb diesem Niveau das Hauptverdienst daran zu daß ein so herrliches Bild dabei herauskam (ähnlich wie dasselbe Niveau durch die Lehren und Ausblicke in Schillers Glocke dem deutschen Bürger auf einmal höher und großartiger vorkam). Man vergaß dabei daß jener Adel nicht dem Stoff, sondern Goethes eigner Seele angehört, mit welcher der Stoff durchdrungen worden. Die heilige Ehe zwischen einer hohen Seele und einer gleichgültigen Welt kommt immer der Welt zu gut. Und wenn heut auch den anspruchsvollen Leser Hermann und Dorothea noch ergreift, so geschieht das nicht, wie man uns in der Schule glauben machen will, wegen der vortrefflichen Komposition (die als solche, als Technik, auch von subalternen Seelen lernbar ist) nicht wegen der schönen Beschreibungen, die wir heute nur noch aus Goethes damaliger ästhetischer Theorie historisch würdigen können und als altväterischen Biedermeierschnörkel zärtlich achten, ohne seelisch davon erfaßt zu sein, kurz nicht wegen dessen was an dem Werk Zeugnis eines Könnens ist, sondern wegen des edlen und tiefen Seins, des Seelenadels, der allerdings erst durch das Können in plastische Erscheinung tritt. Man vergleiche die subalterne Gutartigkeit und Zutraulichkeit in Vossens Luise oder die fordernde Tiefe und Bedeutsamkeit in Hebbels Mutter und Kind (zwei technisch keineswegs verächtliche Werke ähnlichen Anspruchs) um den eigentlichen Menschenwert der Goethischen Idylle und den Ursprung dieses Wertes ganz durchzufühlen.

Die beherrschte Güte, das zarte Würdegefühl, die klaglos unermüdliche Tüchtigkeit, der Sinn für Ordnung und Haltung, die lautere Liebefähigkeit und die ruhige Kraft selbst in der Wallung, die Vereinigung von Stetigkeit und empfindsamer Schnellkraft, von griechischer Gehaltenheit und deutscher Innigkeit, von Anmut und schwellender Spannung—all diese Züge Hermanns und Dorotheas, zwei deutscher Idealmenschen, sind aus Goethes eignem Wesen ihnen zugewachsen: sie gehören nicht der Fabel und nicht dem Milieu an, aber sie sind — aus Fabel und Milieu einmal in die Goethische Seele geraten und verwandelt daraus wieder als Bilder hervorgegangen — fortan unverlierbare und fortzeugende deutsche Wirklichkeiten, Erweiterungen des deutschen Wesens, und keineswegs soll die Meinung des deutschen Bürgertums, Goethe habe nur vorhandenes Wirkliche abgemalt, gescholten werden, wenn sie fruchtbar bleibt und diese schöngesehene Welt nicht nur als Spiegel, sondern als steigerndes Wunschbild wirkt. Goethische Würde, Güte, Lauterkeit und Weisheit strahlt von diesen zwei Kindern aus seiner Ehe mit dem deutschen Bürgergeist und wirkt weiter. Ein Strahl von der Sonne Homers fällt durch dies Werk auf die kleinen Gemüsegärten und schiefen Kleinstadtdächer und -gassen, auf die winkligen Märkte mit Brunnen und Lauben, fruchtbarer und wärmer als sie in der Achilleis aufgefangen ist. Denn in der puren Nachahmung Homers konnte Goethe seine Seele nicht vermählen mit einer noch fruchtbaren Wirklichkeit: mit dem erhabenen Gespenst der versunkenen Welt konnte er nicht Kinder zeugen wie mit einer noch lebendigen, sei sie auch geringer.

Keine Kommentare: