> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Napoleon Seite 123

2015-11-07

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Napoleon Seite 123



NAPOLEON

Das große Ereignis der Zeit nach der französischen Revolution, dem sich auch Goethe nicht entziehen konnte, wenngleich es in seinem Leben nur eine Episode blieb und mehr seinen Anschauungsvorrat ergänzte als seine Sehart und Fühlweise verwandelte, war die Herrschaft Napoleons. Für Goethe selbst war wichtiger als die weltgeschichtlichen Umwälzungen die Napoleons Siege im Gefolge hatten, und merkwürdiger als das auch ihn berührende Kriegselend [die bewegliche Klage und Entrüstung darüber die Falk ihm in den Mund legt ist erfunden oder in den sentimental-moralischen Ton dieses subalternen Autors übersetzt] die persönliche Erscheinung des gewaltigen Menschen, sein Wesen und die Wirkung seines Dämons. Für Goethe kam alles auf die Anschauung und die sinnlich geistige Erfahrung an, und schwerlich hätten die ungeheuren Ereignisse, die politischen und militärischen Erfolge, die eigentliche Geschichte Napoleons ihm einen so nachhaltigen Eindruck gemacht, wenn ihm nicht Napoleon als Gestalt, als Gebärde und Stimme begegnet wäre. In Erfurt und Weimar im Oktober 1808 hatte Goethe Unterhaltungen mit dem Kaiser: nach dem was darüber durch Goethes und Müllers (weniger verläßlich durch Talleyrands, wohl auf Müller beruhende) Aufzeichnungen bekannt geworden ist, gingen sie über eine bloße Zufallaudienz, wie sie Napoleon, aus politischem Instinkt auch die geistigen Mächte in seinen Bann ziehend, den Kulturnotabeln überall gewährte oder aufdrängte, hinaus. Der Kaiser (denn von diesem hing es ab welches Gewicht er der Begegnung geben wollte) war offenbar überrascht durch die persönliche Gewalt von Goethes Erscheinung, und das bedeutet auch sein unwillkürlicher Ausruf voila un homme, weniger ein zusammenfassendes Schlußurteil als der Ausbruch des Staunens beim ersten Anblick. Er hatte einen berühmten Schriftsteller erwartet, ein „Genie“ von der Art etwa Chateaubriands, oder wie in Deutschland Johannes Müller der Geschichtsschreiber — durch ihre Werke berühmte und darum einflußreiche und als Zierden eines Kaiserhofs nutzbare Menschen, letzten Endes eine Sorte würdevollerer, geistreicherer, gewandterer Höflinge — und nun trat ihm in dem Verfasser des Werther eine an sich, von seinem Ruhm abgesehen, machtvolle Gestalt entgegen, derengleichen er auf seinen Zügen nie getroffen, ja wohl kaum für möglich gehalten hatte. Er, der als Herr der Welt wie als Dämon sich einzig fühlte und daher natürlicherweise alle anderen Menschen nur als Untertanen, Mittel oder Stoffe bewertete, in denen sich seine unvergleichliche Art auswirken dürfe, begegnete hier zum erstenmal einem Wesen seines seelischen Ranges, einem Mitdämon. Das kam ihm wohl weniger zum Bewußtsein als zum Gefühl, bei der leibhaften Gegenwart Goethes. Denn ein Wesen an sich, unabhängig von seinen Staatszwecken, als natürliche Erscheinung aufzufassen, wie es Goethe gemäß war, das war Napoleon als einem Tatmenschen und als dem verkörperten Staatsgeist nicht gegeben. Selbst einen Dämon, wie sehr, ja je mehr er von ihm beeindruckt war, sah er sich nach dem ersten durchdringenden und wägenden, Kraft und Schwere des Gegenübers messenden Blick daraufhin an was er ihm, d. h. nicht seiner Person, sondern seiner Aufgabe, seinem Reich geben könne.

Goethe war für ihn einmal der Verfasser des Werther, ein berühmter Dichter und, wie er nun gleich sah, ein bedeutender Mensch, und sodann der Ratgeber eines seiner Rheinbundfürsten. Kulturell wie politisch ließ sich diese Kraft nutzen. Wir wissen nur über die Versuche des Kaisers den Dichter Goethe zu gewinnen Bescheid — da Goethe über die politische Mission die ihm zugemutet wurde Stillschweigen bewahrt hat, vor allem um seines Verhältnisses zum Herzog willen, nicht bloß aus Lust am Geheimnis. Talleyrand deutet an daß Goethe sich in die politischen Anregungen des Kaisers eingelassen habe, und wir hören daß Goethe auf die Kunde von einer Veröffentlichung Talleyrands über die Audienz in Unruhe geraten sei. Die Audienz dauerte stundenlang zum großen Teil ohne Zuhörer, dabei mögen Erörterungen politisch-aktueller Art mit Winken Goethes stattgefunden haben, von denen Talleyrand munkelt und deren Kundwerdung Goethe zuwider sein mußte, da er hierbei nicht nur Zuhörer, sondern auch Sprecher war, in Sachen die ihm seine Freiheit über den Parteien und Verhältnissen beschränkten: hatte er doch an Johannes Müller kurz vorher ein Beispiel erlebt wie es die geistige Freiheit in solch kritischen Zeiten gefährde, wenn man sich der Öffentlichkeit gegenüber politisch festlegte, ohne einen wirklichen Beruf zum Regieren, Intrigieren und Politisieren. Wo er keine öffentliche Macht hatte, wollte er auch keine öffentliche Meinung haben, und wurde ihm durch kaiserlichen Willen eine Äußerung abgenötigt die seinem Freund und Herzog von Nutzen sein konnte, so sollte sie ihn doch nicht vor der Welt binden, selbst wenn sie ihm Ehre machte. Weniger heikel waren die literarischen Gegenstände die der Kaiser vor ihm zur Sprache brachte, und sein hierüber lang bewahrtes Schweigen mag einer Rücksicht gegen den Kaiser, der Diskretion des Weltmanns und der Lust am Geheimnis entstammen.

Die literarischen Themata wurden bestimmt durch den Zeitpunkt der Begegnung (nach der Aufführung der klassischen französischen Tragödien, insbesondere Voltaires Cäsar) und durch die Verbindlichkeit des Kaisers gegen den Verfasser des Werther. Denn vor allem als solchen hatte der Kaiser ihn rufen lassen. Der Werther war das einzige Werk Goethes das er kannte, um dessentwillen er eine Größe für ihn war. In der Zeit seines noch ungestalten Jugendfeuers und schwermütigen Jünglingsehrgeizes war der Werther die Napoleons Stimmung entsprechende Musik gewesen, und wenn er dem Verfasser jetzt seinen Dank abtrug, so schien dies gleichzeitig ein Mittel ihn zu gewinnen und ihm durch seine genaue Sachkenntnis zu imponieren, wie denn eine einzigartige Mischung von Spontaneität und Zweckberechnung den Reiz und die Gewalt von Napoleons Unterhaltung ausmacht. Er ließ sich gehen, strömte aus einer reichen Natur leicht oder heftig, breit oder gedrängt über, und vergaß doch dabei nie den Herrscherzweck im Ganzen und den augenblicklichen Vorteil im Einzelnen. Seinem Partner wußte er, wo es ihm drauf ankam, das Gefühl zu lassen daß er ihn persönlich interessiere, und doch zugleich das aus ihm herauszuholen was der kaiserlichen Sache diente. Es war nicht nur kalte verstandesmäßige Berechnung in seiner Menschenbehandlung und Gesprächsführung, und nicht so viele Komödie und Pose wie es wohl dem deutschem Gemüt erscheinen mag. Napoleon war vielmehr so durchaus leidenschaftlich mit all seinen Seelenkräften vom Geist der Sache erfüllt, daß auch seine persönlichen Empfindungen davon durchdrungen und beherrscht waren. Er mochte sich gehen lassen, seinem Temperament die Zügel schießen lassen, auch diese Ausbrüche standen weniger unter der Kontrolle seines Staatszweckes als sie vielmehr selbst dazu gehörten: er konnte gar nicht anders als staatlich handeln, fühlen, denken. Aber eben weil ihm der Staat Welt, die Welt Staat war, weil er die menschlichen Dinge auf ähnliche Weise in einem Staatskosmos erlebte wie Goethe sie in einem Naturkosmos erlebte, sind seine Äußerungen auf jedem Gebiet nicht die eines Berufsmenschen der dies versteht und jenes nicht, sondern eines Urgeists der alles ergreift, wenn auch entschieden von einer Seite her und mit oft grausamer Naivität.

So sind seine Worte zu Goethe über das Trauerspiel Äußerungen eines Staatsgenius dem die ganze Kultur, Kunst, Literatur und selbst Religion nur Funktionen und Mittel des Staates sind, und Bildungsfragen waren für ihn Fragen der staatlichen Völkerleitung, nicht (wie für Goethe) der menschlichen Einzelentwicklung. Er bezeichnete das Trauerspiel — von ihm naturgemäß als die am meisten und geradesten auf die Massen pathetisch wirkende Kunstform bevorzugt — als die Lehrschule der Könige und Völker, d. h. als ein Mittel Staatsgeist zu lehren und heroischen Sinn zu verbreiten. Dem großen Schriftsteller den er vor sich sah, von dem er erfuhr daß er selbst Trauerspiele verfaßt, u. a. den Mahomet des Voltaire übersetzt habe, suchte er seine Gedanken über das Verhältnis von Tragödie und Politik aufzudrängen, zugleich mit praktischen Aufgaben und Winken. Auf Ablehnung aller tat- und staatIähmenden Gedanken kam es ihm an, seien es romantische wie die Schicksalsidee, seien es aufklärerisch humane, kriegs-und herrschaftfeindliche wie die Voltairischen im Mahomet und im Cäsar. Der grandiose Satz „Die Politik ist das Schicksal“ (den er allein aussprechen durfte, als der Einzige dem damals nach antiker Weise der Staat weltschaffende Kraft, nicht bloß menschlicher Beruf und Zweckkomplex war) bezeichnet am knappsten sein Verhältnis zu den überpersönlichen Mächten aus denen die Tragödie sich nährt: der Staat sollte die oberste Instanz für alles heroische Pathos sein. Nichts lag Goethe im Grunde ferner: dessen oberste Instanz war der Gegenpol des Staats, die Natur, und er konzipierte das Schicksal nur unter der Form von einzelmenschlichen Natur-und Bildungsvorgängen, oder als ein am Einzelnen offenbartes Dämonisches, nicht als eine Wechselwirkung von Staat, Volk und Person. Aber unschätzbar war ihm die Formulierung dieser Gegenwelt durch ihren größten Vertreter, und in dieser riesigen Person schnitten sich Napoleons Welt, welche ganz auf Auswirkung des Staats im höheren Menschen, und GoethesWelt, welche ganz auf Auswirkung des höheren Menschen durch Natur und Bildung gestellt war. Von entgegengesetzten Seiten her trafen sie sich in der Verehrung großen Menschtums.

Es gab ein geschichtliches Thema das dem Staatenlenker wie dem Menschenbildner gleich nahe lag, zumal der Zufall der Theateraufführung bei ihrer Begegnung sie daran erinnerte: Cäsar, namentlich die Geschichte seines Todes. Goethe wie Napoleon hatten als Jünglinge Cäsartragödien geplant, und da sie sich auf der Höhe ihres Lebens begegneten, schlug der Kaiser dem Dichter dies Thema als Hauptaufgabe vor. Sein Gedanke dabei war rein politisch, er hatte eine Verherrlichung des Cäsarismus im Sinne, d. h. desjenigen Staatsystems welches auf der Allgewalt und Alleingesetzlichkeit des herrschfähigsten Menschen beruht. Goethes Jugendplan war individualistisch, und seiner ganzen Natur nach hätte er dies Thema auch nur fassen können als die Tragödie einer großen Einzelseele welche in Widerstreit mit dem jeweils weltgültigen Gesetz und seinen Vertretern gerät. Dem Kaiser lag nichts an der innern Tragik des Cäsar, geschweige des Brutus: nur an dem heroisch-politischen Pathos im Untergang eines Weltherrschers. Cäsar war sein Vorbild, und der Segen seines eignenWirkens sollte an dem unheilvollen Tod von seinesgleichen deutlich werden. Eine eigentlieh dichterische Aufgabe war das nicht, und wenn Goethe CäsarsTod als Dichter behandeln wollte, so konnte er dem Auftraggeber nicht genug tun, sondern mußte als tragischen Gegenspieler Brutus heben, den Napoleon nur als Toren und Verbrecher brauchte. Es ist dabei gleichgültig wie Goethe über Brutus dachte—er hat bekanntlich Cäsars Ermordung als die größte Dummheit aller Zeiten verurteilt — eine Cäsartragödie war für ihn nicht denkbar mit der einfachen Einteilung in Schwarz und Weiß wie sie Napoleons politische Ästhetik verlangte. Drum war ihm begreiflicherweise dieser Antrag „zu heikel“: eine politische Cäsartragödie konnte er kraft seiner Natur nicht schreiben, eine dichterische hätte dem Kaiser kaum weniger mißfallen als die politisch-republikanische des Voltaire. Aber das Verhältnis Beider zum Cäsar verdeutlicht ihr gegenseitiges Verhältnis: Napoleon sah im Dichter einen politischen Gehilfen, Goethe im Kaiser eine große Einzelperson.

Für Napoleon war das Menschliche nur ein staatliches Phänomen, für Goethe das Staatliche nur ein menschliches. Er hat Napoleon nie als eine politische Gestalt, also auch nicht mit Bezug auf sein Vaterland betrachtet, sondern als eine mächtige Naturerscheinung, eine Verkörperung dämonischer Kräfte, die ihren Weg quer durch Völker und Staaten nehmen müsse, und deren Wirkungen, selbst wenn sie seinen eigenen Lebenskreis bedrohte, er ohne Haß und Liebe, aber mit der von Nutz- und Staatsrücksichten nicht beirrten Ehrfurcht des Sehers vor allem Erforschlichen und dem darin waltenden Unerforschlichen aufnahm. Er hat Napoleons Ende so wenig, nach Art romantischer Heldenverehrer, empfindsam beklagt, als er nach Art deutscher Patrioten, republikanischer Schwärmer oder humanitärer Liberalen über seine blutige Gewaltherrschaft sich moralisch entrüstete. Er nahm ihn als menschgewordnes Erdbeben, als „kräftigen Sturm des Übermuts“, und alle seine mittelbaren oder unmittelbaren Äußerungen über Napoleon stammen aus der Betrachterehrfurcht vor einem inkommensurabeln Naturwesen, das ihm vor andern unschätzbar blieb, weil es ihm nicht, wie Cäsar und Alexander, durch die ihm immer verdächtige Überlieferung der Historie vermittelt wurde, sondern — ein einziger Fall in seinem Leben — durch unmittelbare sinnliche Anschauung gegeben war, näher noch als Friedrich der Große, und überwältigender, klassischer, monumentaler: die Naturerscheinung — denn Natur-, nicht Geschichts- oder Staatserscheinung war ihm auch das in erster Linie — des dämonisch getriebenen Eroberers und des alldurchdringenden Weltverstandes. Nur in diesem Sinn hat er ihn gefeiert, in dem höfisch prunkvollen Huldigungsgedicht an die Kaiserin von Frankreich, unter der Maske des Timur, und zumal in den Gesprächen mit Eckermann. Die unbedingte Geistigkeit, den ausschließenden Absolutismus der Idee hat keiner so in Napoleon erkannt wie Goethe, quer durch alle Brutalitäten und Interessenpolitik hindurch. Diese Verwirklichung des Unbedingten erschütterte ihn, den immer weise Entsagenden und Grenzsuchenden, und mit einer Art erhabenen Neids freute er sich der Urkraft der es gestattet war ohne Verzicht bis zum End, und sei es der Untergang, sich auszuwirken, die prometheisch, cäsarisch, mahometisch begonnene Bahn im gleichen Tempo und ohne anderen Widerstand als dämonischen durchzustürmen: contra deum nemo nisi deus ipse. Denn der Entsager empfand in diesem heroisch-tragischen Ausleben, so wenig er es teilen mochte, ein Vergönntsein das ihm verwehrt war. Ähnlich empfand er Lord Byron.


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