> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Napoleon Seite 124

2015-11-08

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Napoleon Seite 124



Gegenüber dieser menschlich-dämonischen Gewalt des Seins und Schicksals erschienen ihm die politischen Wirkungen und Gegenwirkungen Napoleons gleichgültig oder störend — also auch die Befreiungskriege, die er als reinpolitische Angelegenheit wertete. Er war wohl der ungeeignetste Mann, dieses Ereignis zu feiern, und er erledigte diese Pflicht ohne Haß und ohne Liebe durch ein allegorisches Maskenspiel worin die vagen Sehemen derjenigen Gefühle und Gesinnungen die bei dem Kampf eines Volkes gegen einen Unterdrücker zur Geltung kommen möglichst allgemein, möglichst weit weg vom konkreten Fall, möglichst entaktualisiert, auftreten. Des Epimenides Erwachen ist die opernartig aufgeputzte Glossierung eines weitgeschichtlichen Ereignisses durch einen innerlich unbeteiligten Betrachter. Da Goethe das was ihn an der Sache interessierte nicht zur Sprache bringen durfte, wenn es galt Befreiung zu feiern, so nahm er das Ganze bloß als eine Gelegenheit, gewisse Gesetzlichkeiten des Völkerlebens, anknüpfend an einen für ihn zufälligen Anlaß, von ferneher zu glossieren, und da es dramatisch geschehen sollte, war er genötigt seine Spruchweisheit allegorischen Maschinen in den Mund zu legen. Es sind Gedanken über Vaterlandsliebe, aber nicht der Ausdruck und die Selbstdarstellung irgendwelcher patriotischen Wallung.

Staatlich-völkischen Patriotismus kannte Goethe nicht, und konnte er seiner ganzen Natur nach nicht haben. Die Toren die gerade diesen Patriotismus an ihm vermissen begehen denselben Fehler wie der Mann der von der Eiche Kürbisfrüchte verlangte. Patriotismus ist weder eine erlernbare Pflicht noch eine anlegbare Gesinnung (wie allerdings der durchschnittliche Zeitungs- und Massenpatriotismus) sondern dort wo er echt und tief ist, wie bei Kleist, Stein, Scharnhorst, Arndt (und der ist wie alles Echte und Tiefe seltener als man glaubt und nicht massenhaft anzutreffen) eine ursprüngliche Seelenanlage, der Ausfluß eines ganz bestimmten ursprünglichen Verhältnisses zum Staat, das man sich so wenig geben und anzüchten kann wie Genie und Schicksal.

Jeder Urgeist steht unter einem eigenen Gesetz, nach dem sein Ich und seine Welt sich konzentrisch ordnen, nenne er dies Gesetz Staat, Religion oder Kultur, und wo er mit andren Ordnungen zusammentrifft, da wird er die seinem Gesetz einfügen oder, wenn sie stärker sind, daran zugrunde gehen. Von solchen Konflikten zwischen Kultur und Staat, Kultur und Religion, Religion und Staat ist die Geschichte der Genien voll: von dem Kampf verschiedener Autonomien. Goethe war viel zu fest in seinem Gesetz als daß ihn das Pathos des Staatsgedankens in den Freiheitskriegen hätte entwurzeln können, und er war zu ehrlich um eine Gesinnung mitzumachen in die er nicht geboren war, viel zu wenig Impressionist um sie sich vom stürmischen Augenblick einblasen zu lassen. Ein Urgeist hat keinem Gesetz zu gehorchen als dem ihm eingeborenen, und nur da die weitaus meisten Menschen von Ableitungen leben und kein eigenes Gesetz Ursprüngelich verkörpern, sondern ein von Urgeistern geprägtes, von geistigen oder weltlichen Herrschern verkörpertes oder vertretenes übernehmen, hat man allerdings ein Recht von ihnen Gehorsam gegen dies und jenes Staats-, Sitten- oder Glaubensgesetz zu fordern: denn wer kein solches Gesetz ist der muß es haben, wer keine Idee verkörpert der muß einer dienen. Wer aber wie Goethe, wie Napoleon, wie Christus selbst eine menschgewordene Idee, eine Reinkarnation einer der ewigen Urideen ist, an den haben die Vorgefundenen Zeitordnungen, geschweige Tagesansprüche, und seien sie noch so edel, kein Recht: solche Menschen sind keine Ichlein, sondern Weltkräfte.

Nun ist es freilich nicht immer gleich zu entscheiden ob ein Rebell gegen die Vorgefundenen Gesetze bloß Einzelperson oder Neuverkörperung einer Uridee, ein Catilina oder ein Cäsar, ein Sektierer oder ein Heiland ist (nicht bloß der Erfolg entscheidet darüber) und so sind im Drang der Ereignisse die Vorwürfe oder Ansprüche wegen Mangel an Religion, Sittlichkeit oder Patriotismus verständlich, wenn einer sich noch nicht vor allen Augen als berechtigter Träger der neuen Sendung ausgewiesen hat. Wenige Menschen aber haben sich so ausgewiesen wie Goethe. Das was er war, um dessentwillen er uns wertvoll ist, was er zu verkörpern hatte und was seine Weltsendung ausmacht, hätte er nicht sein können, wenn er die Tugenden Körners gehabt hätte, und eh man ihn anklagt wegen Mangels einer vielleicht wünschbaren Tugend, vergegenwärtige man sich was man ihm zu danken hat vermöge einer Anlage welche jene Tugend ausschließt: seine Art alldurchdringenden Natur-und Menschenblicks war nicht zu vereinigen mit einer leidenschaftlichen Staatsliebe. Wir haben viele Patrioten, aber nur einen Goethe, und selbst dem Deutschtum, selbst dem deutschen Staatsund Volkstum ist dieser Mann durch sein So-und-nicht-anders-sein wichtiger als alle Freiheitssänger zusammen. Es wäre nicht nötig dabei zu verweilen, wenn solche platte und denkfaule Gesinnungsschnüffelei aus Mangel an Blick für Menschentum und Leistung nicht immer wieder kehrte und als Wertmesser an die Stelle der ihr unbegreiflichen Werke und Gestalten die leicht auch für den Dümmsten kontrollierbaren Meinungen setzen wollte. Dadurch wird aber die Autorität und Wirkung einiger für die deutsche Bildung unentbehrlichen Geister zum allgemeinen Schaden behindert. Uns kann nur die Gestalt und die Leistung gelten: Meinungen sind bloß zeitliche Reaktionen und wechseln mit den Nöten der Jahre. Wer groß war und Großes schuf steht jenseits der Kritik durch Meinungen, und die Frage ob jemand sympathisch oder unsympathisch gesinnt war hat in der Geistesgeschichte zu schweigen.

Soviel von Goethes Patriotismus und seinem Verhältnis zu Napoleon, dem einzigen bei dem sein individueller Lebenskreis unmittelbar mit der Weltgeschichte in Berührung kam: denn selbst seine Teilnahme an der Kampagne in Frankreich war wenig mehr als die Beobachtungsreise eines Privatmannes durch gesellschaftliche, staatliche, selbst naturwissenschaftliche Einzelheiten, und nirgends hatte ihn dabei die Geschichte im Mittelpunkt getroffen. Selbst seine berühmten Worte bei der Kanonade von Valmy über den Beginn einer neuen Epoche sind nur die eines privaten Reisenden der an einem historischen Haltepunkt sich umsieht. Die Erscheinung Napoleons, so sehr er sie nur als menschliches Phänomen betrachten mochte, war auch für ihn grade als solches Weltgeschichte, und führte ihn, den Unpolitischen, grade als verkörperter, als menschgewordener Staat, zu einer neuen Erkenntnis der geschichtlichen Kräfte, der Wechselbeziehung zwischen Schicksal und Seele, zwischen Einzelnem und Völkern, und zwischen dem Dämonischen und dem Genie. Alles was Goethe in seinen späteren Jahren über Herrscher, Völker, Staat und über das Dämonische gedacht hat, über die Art wie Geschichte entsteht aus dem ursprünglich Menschlichen ist wesentlich durch die Erscheinung Napoleons mitbestimmt worden. Die Gespräche mit dem Kanzler Müller und mit Eckermann sind voll von dieser neuen Erfahrung, die wie alle Goethischen Erfahrungen nur durch Anschauung, nicht durch Lektüre gemacht werden konnte.

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