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2015-11-19

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Pandora Seite 134



PANDORA

In den Nurbildungspoesien schlägt sich nicht das einmalige Erlebnis, die nur in einem einzigen Augenblick des gesamten Daseins mögliche Bezauberung nieder, sondern die allgemeine Erfahrung, die immer wiederkehrend durch die ordnende Vernunft aus dem Leben abzuziehen und zu lehren ist. Goethe sagt einmal, er sei später mehr ins Generische gegangen, zeige weniger Varietät und Individualität, und er führt als Beispiel dafür die natürliche Tochter und besonders die Pandora an, gegenüber dem Wilhelm Meister, in dem noch die Varietät herrsche. Dies ist eben der Unterschied von dem wir sprechen. In demselben Maß als sich das Denken (auf welchem die Erfahrung beruht, als die Fähigkeit Erlebtes wieder zu erkennen, zu ordnen, und zu beziehen) emanzipiert vom Herzen, dem Mittelpunkt der einmaligen Erschütterungen, in demselben Maße verselbständigt sich das Wiederkehrende Kategorisierbare Abstrahierbare im Schaffen. Das ist ein Alterszeichen. Mit zunehmenden Jahren wird das Einmalig-glühende, durch das Wiederkehrendshelle „abgelöst“ (im doppelten Sinne). Die vergleichende Ansammlung von langjährigen Einzelanschauungen, die der Jugend versagt ist, und die Abkühlung des Blutes, vermöge deren die ruhige Abstraktion vom Augenblick des Erlebens erleichtert wird, sind nur zwei Zeichen eines Gesamtzustandes, welcher sich praktisch äußert eben als „Erfahrung“ des Alters, geistig als Weisheit des Alters. Während dem jungen Menschen seine Erschütterung den Raum der Welt schafft oder bestimmt, ist dem Alten eine von seinen jeweiligen Einzelerlebnissen unabhängige Welt mit bestimmten Einteilungen und Richtungen bereits als feststehender Raum gegeben, und in den Fächern dieses Raums sucht er das Begegnende unterzubringen — immer seltener wird mit wachsenden Jahren ein Einmaliges, Unerhörtes, Neues den Greis zum Umbau oder zur Erweiterung seines Raums, zum Zerbrechen seines Anschauungsrahmens zwingen: nur Genien mit wiederholter Pubertät widerfährt dies, wie dem alten Goethe noch in gefährlich schöpferischen Augenblicken. Im großen Ganzen besteht seit Schillers Tod Goethes Arbeit weniger in der Erneuerung seines Weltbildes durch das Erlebnis als in seiner Ausfüllung durch immer neue Erfahrungsmassen oder in der Einordnung der Erfahrungen in gegebenen Raum.

Die Fächer dieses Raums selbst herauszustellen, das Allgemeine auszusprechen worin das Besondere nachher unterzubringen sei, das ist eins der ersten Bedürfnisse und Ergebnisse seiner Altersdichtung. Das Werk worin er zum erstenmal, nach verschiedentlichen allegorischen Skizzen einzelner Gemächer seines Raums, wie Paläophron und Neoterpe und etlichen Maskenzügen, den gesamten Grundriß seines Erfahrungsraums zu zeichnen suchte steht an der Schwelle seines Greisenalters, seine erste eigentliche größere Altersdichtung mit allen Zeichen Goethischen Alterstils: die Pandora.

Die Pandora ist die erste Dichtung worin Goethe die menschlichen Kräfte welche sein Weltbild bestimmen, die Prinzipia vermöge deren er erlebte und erfuhr und ihr Zusammenwirken, in einem allegorischen Ganzen dar stellte: Tatkraft und Sinnkraft, Leidenschaft und Traum in ihren allgemeinsten Umrissen und Richtungen. Faust I und Wilhelm Meister waren symbolische Weltbilder, aus einmaligem Erlebnis konzipierte Gestaltung weitweiter Erfahrungsmassen, aber sie gaben nicht den Grundriß des Erfahrungsraums. Insofern hatte Schubarth so unrecht nicht, wenn er in der Pandora alles das zusammengefaßt wissen wollte was Goethe in seinen andren Hauptwerken einzeln dargestellt habe. Goethe selbst hat diese Auffassung nicht ohne weiteres abgelehnt und nur dazu gemeint: „Schubarth geht manchmal ein bischen zu tief“. Die Pandora enthällt allerdings die Allegorie aller derjenigen Erlebnisarten welche etwa in Werther, Faust, Meister einzelne Weltbilder hervorgebracht hatten. Nicht die Welt, gesehen durch diese oder jene menschliche Stimmung, Artung, Erschütterung, sondern eben den Mechanismus der Stimmungen, Artungen, Erschütterungen selbst: die archimedischen Standpunkte der Seele von denen aus die Welt ergriffen und bewegt werden konnte, und in früheren Werken Goethes er griffen worden war, hat Goethe in der Pandora allegorisiert.

Aus diesem Gegenstand und Ursprung der Pandora erklärt sich daß sie nicht aus einer schöpferischen inneren Krise sich allmählich über den Weltgehalt ausbreitet, von einem Punkt des Herzens aus gegliedert und von innen nach außen den spröderen ferneren Stoff durchdringend. Die Pandora trägt die Zeichen der Goethischen Maskenzüge und Festspiele, bei denen Goethe, von außen aufgefordert oder zufällig angeregt, einen gegebenen Anlaß mit seiner Einbildungskraft deutet und schmückt und aus der Fülle seines immer bereiten Gehaltes je nach dem Grad der Beteiligung an dem Anlaß diesem spendet. Er könnte bei solchen von außen angeregten Werken bis zur Aussprache seines Innersten gelangen, oder sich begnügen mit dekorativen Variationen des Anlasses im Sinn der Auftraggeber, mochten diese liebenswürdige Damen sein die ihn um Stammbuchverse ersuchten, oder Hof und Gesellschaft, wenn sie zu einer Theaterfeier Festrede oder Festpiel verlangten. Goethe reichte mit einem Teil nicht nur seiner äußeren Stellung, sondern selbst seiner inneren Anlage in die Traditionen des Rokoko hinein, wo auch die schöpferische Anlage ihr Gesetz und ihre Aufgaben empfing von den Forderungen einer festlich heiteren, spielfreuf digen und schmuckbedürftigen Gesellschaft. Kaum in seiner eigentlichen Titanenzeit hat Goethe sich solchen Forderungen ganz entzogen, ja er ist ihnen, im Gefühl ihnen überlegen zu sein und auch sie in seinem Sinne benutzend, gern entgegengekommen, unter der stillschweigenden Voraussetzung daß ihm der Bereich seiner schöpferischen Geheimnisse ungeschmälert, die Aussprache seiner übergesellschaftlichen Erlebnisse und Erkenntnisse unverwehrt blieb. Eine innerste Zone der Kunst, wo er allein der Herr blieb, hatte er sich Vorbehalten, in einer äußeren wollte er gern für die Gesellschaft, mit ihr zusammen arbeiten. Dabei überwog bald der Anlaß, das „Äußerliche“, das Dekorative (denn meist handelte es sich um Verzierung eines Festes und die Dichtung hatte nur als Schwesterkunst der bildenden oder orchestralen zu wirken) bald, zumal wenn Goethe sein eigner Auftraggeber war, sein seelischer Anteil, wie bei der Totenfeier Schillers, bei der Huldigung für den großen Kaiser oder für die Gönnerin Amalia. Gemeinsam ist solchen Anlaßdichtungen, mögen sie mehr den Auftrag oder den Anteil fühlen lassen, ihr dekorativer Charakter und ihr allegorischer Apparat. Was Goethe in der Vorbemerkung zu Paläophron und Neoterpe sagt, gilt für fast alle und bezeichnet zugleich ihre Art wie ihren Grund: „Der Verfasser hatte dabei die Absicht, an alte bildende Kunst zu erinnern und ein plastisches, doch bewegliches und belebtes Werk den Zuschauern vor Augen zu stellen. Durch Abdruck kann man dem Publikum freilich nur einen Teil des Ganzen vorlegen, indem die Wirkung der vollständigen Darstellung auf die Gesinnungen und die Empfänglichkeit gebildeter Zuschauer, auf die Empfindung und die persönlichen Vorzüge der spielenden Personen, auf gefühlte Rezitation, auf Kleidung, Masken und mehr Umstände berechnet war“. Das gedichtete Wort ward Begleitung von Architektur und Bildnerei, als der raumschaffenden Kunst, von Musik und Tanz, als der stimmungserregenden Kunst. Es ward seiner seelisch-kosmischen Autonomie beraubt und ein Mittel des geselligen Apparats.

Da nun dem Wort, als dem Ausdruck des Geistes, nicht nur Sinnlichkeit sondern auch Bedeutung innewohnt, so mußte bei seiner theater- und opernmäßigen Verwendung seine intellektuelle Kraft künstlich mitbeschäftigt werden. Bei der kosmischen Dichtung, die sinnlich-geistiger, von Sonderzwecken und äußeren Ansprüchen unabhängiger Ausdruck autonomen Lebens ist, tritt die Trennung zwischen dem Sinnenwert und dem Bedeutungswert der Sprache überhaupt nicht ein. Wird sie bloß dekorativ sinnlich oder bloß lehrhaft verständig bedurft, von einer Gesellschaft die gereizt oder unterrichtet sein will, so hat der Dichter, sofern er nicht bloß Berufslibrettist oder Schulmeister bleibt, beide getrennten Funktionen wieder zu vereinen. Dieses Bedürfnis befriedigt die Allegorie, welche immer als nachträglicher Ersatz des Symbols dienen muß. Denn den Sinnen zugewandt ist die Allegorie lebendes Bild, Arabeske, raumschaffende oder raumschmückende Figur aus Worten, Girlande, Fries . . dem Verstand zugewandt ist sie zugleich ein bedeutender Begriff, „die Wahrheit“ „die Tugend“ oder dergleichen: ein aus Sinnenstoff hergestelltes Gefäß, das der Verstand mit seinen Inhalten ausfüllen kann. Aus ihrer Spannung zwischen Sinnlichkeit und Deutbarkeit, Zierwert und Lehrwert zieht die allegorische Wortkunst noch Gewinn: sie hat teil an der Unverantwortlichkeit des Reizes und an dem Ernst des Gedankens. Darum ist die Allegorie das Auskunftsmittel für Gesellschaften und deren Beauftragte gewesen welche nicht mehr in mythischen Anschauungen lebten, sondern in selbständig gewordenen Reizen empfanden und in selbständig gewordenen Begriffen dachten, also Anschauung und Bedeutung nicht mehr als Einheit erfuhren. Was die mythenschaffende Antike als Volk oder Schicht tat das ist, zumal seit der Renaissance, nur dem schöpferischen Dichter gegeben und auferlegt — er steht der Gesellschaft gegenüber, als ihr Führer, Begleiter, Gegner oder Diener, statt ihre Stimme zu sein. Symbole schafft er aus sich. Im Dienst der Gesellschaft als Dekorateur oder Lehrer schafft er Allegorien.

Symbol ist das für die einzelne Person was der Mythus für eine Gesamtheit ist: gewachsener Ausdruck, unwillkürliche Selbstauswirkung, Bildwerdung inneren Lebens. Allegorie ist der bewußte Versuch, für solches Leben, sei es einzeln, sei es gesamt, das bedeutende Bild zu finden. Meist soll freilich die Allegorie eher den Mythus als das Symbol ersetzen, da das einzelne Erlebnis leichter neues Bild wird, wegen der geringeren Spannweite und Kräftemasse, als das kollektive . . da also das letztere eher eines solchen Ersatzes bedarf, und nur dem Geist gebildeter Einzelner kommt das Bedürfnis nach dichterischen Gesamtbildern ihrer Zeit, nach mythenartigen Zusammenfassungen, und manch einer möchte bewußt leisten was aus einem Zeitalter wachsen muß. Wohl aber können die Symbole worin ein weithaltiger, von Gesamtleben durchdrungener, gehobener und befruchteter Mensch sein Ich unwillkürlich ausdrückt (ohne bildungsmäßig bewußten Vorsatz „Symbole“ oder „Mythen“ zu schaffen) zu Mythen werden wie die Dramen des Äschylus, in gewissem Sinn auch die Shakespeares. Denn die Gesamtheit schafft Mythen nicht unmittelbar, sondern durch Vermittlung ihrer augenblicklich oder dauernd schöpferischen Vertreter: vom einfachsten Volkslied bis zu den Volksepen sind alle genialen Kollektivleistungen nie durch Versammlungen, sondern immer nur durch (wenn auch oft anonyme) Einzelne hervorgebracht worden. Sobald sich freilich einmal zwischen das ursprüngliche Leben einer Gesamtheit und den schöpferischen Geist des repräsentativen Einzelnen eine Zwischenwelt selbstbewußter Bildung geschoben hat, mit geschichtlichem Sinn und ästhetischen Abstraktionen, wird der Einzelne, beim Versuch das Gesamtleben in Anschauungen zu fassen, fast immer in dieser Zwischenwelt, welcher die Stoffe und Mittel für die Zeichen entstammen, hängen bleiben und statt eines Mythenschöpfers ein Allegoriker werden. Dies ist auch Goethes Los geworden sobald er, hinausgreifend über die naivssymbolische Selbstdarstellung seines Wesens (welches zugleich zentral deutsches Gesamtwesen ist) im Faust, und über die Selbstdarstellung einzelner seiner Lebenskrisen im Werther, im Götz, im Prometheus (welche zugleich Krisen einer ganzen Generation waren) die bildungshafte Darstellung eines abstrakt Menschlichen versuchte, zu dem er die sinnlichen Vorstellungen dem klassizistischen Bildungskanon entnahm. Der Faust, worin deutscher Volksgeist und Goethes Schöpferkraft sich ganz durchdringen, ist ein deutscher Mythus geworden. In andren Werken Goethes überwiegt sein Einzelgenie oder seine Bildung: es sind Symbole oder Allegorien. Mythisch ist auch die lyrische Selbstdarstellung Goethes, insofern seine eigne Gestalt als deutsche Sprache das Wesentliche der deutschen Gesamtkräfte verkörpert.





  

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