> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Pandora Seite 136

2015-11-22

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Pandora Seite 136



Goethes Pandora ist, zum Unterschied von seinen andern Festspielen, nicht auf eine einmalige bestimmte Gelegenheit zugeschnitten. Wir kennen keinen Einzelanlaß für das Werk, können uns keinen denken. Wenn Goethe es trotzdem ein „Festspiel“ genannt hat, wenn es die Zeichen von Goethes „Festspielen“ trägt, so daß man es auch ohne ausdrücklichen Hinweis dazu rechnen würde, so hat er in der Pandora eine ähnliche Sublimierung der „Feste“ „Anlässe“ Gelegenheiten“ also der äußeren Inspirationsarten vorgenommen wie mit den inneren, den Erlebnissen und Erfahrungen. Ist die Pandora dem inneren Ursprung, dem Gehalt nach die Allegorie seiner Erlebnisarten, so ist sie als Gattung, den Mitteln nach, der abstrakte Typus des „Festspiels“ überhaupt, die Verherrlichung nicht eines bestimmten äußeren Anlasses vor einem faktischen Publikum, sondern die gesteigerte Anwendung aller dekorativen Sprachmittel. Die Pandora ist das abstrakteste, extrakteste Kunstwerk Goethes, mag man seine Kunst nun nehmen als notwendigen Ausdruck innern Lebens oder als bewußte Anwendung eines ausgebildeten Könnens auf äußeres Leben — als Bildwerdung oder als Bildmachung. Hier ist der gewaltsamste Sieg der in Goethes Geist verselbständigten Formprinzipien (mochten sie aus dem Erleben gewachsen oder an den Anlässen erzogen sein) über den Gehalt welchen das Ich oder die Welt, sein Herz oder sein Kopf ihm boten.

Die Pandora ist stofflich die Wiederbelebung eines frühen Goethischen Motivs dessen Gehalt er noch nicht ausgeschöpft hatte: des Prometheus. Bei der Überschau seines Lebens und Werdens begegnete ihm auch dies Sinnbild seines Schöpfertums, seiner Selbstigkeit und seines Machtwillens. „Prometheus“ bezeugt den Goethe vor erstrittenem Sieg, vor dem dieWelt als ein zu eroberndes, zu bewältigendes, den Göttern oder dem Chaos abzuringendes Bereich von Widerständen und Stoffen lag, er ist Vorweg nähme der Tätigkeit deren Goethe sich fähig fühlte, ein Ausleben seiner Fülle im mythisch gesteigerten Bild, eh sie in der Wirklichkeit noch die erstrebte Spannweite gewonnen hatte. Denn Prometheus- oder Cäsarträume wird nie der Sieger und Herrscher, sondern der Kämpfer vor sich her ballen! Der alte Goethe hatte den Sieg erfochten, und wenn er nun nach seinem Siege jenen Wurf seiner Kampfjahre wieder betrachtete, so mußte er, mit dem Dank und Stolz auf das Erreichte, zugleich wehmütig der Opfergedenken die Kampf und Sieg ihn gekostet hatten. Wie jeder Sieger erfuhr auch er schmerzlich daß mit der Erreichung der gesteckten Ziele nicht das erfüllt ist was man sich davon erhofft, daß jede Erfüllung zugleich Opfer bedeutet, Verzicht verlangt und Sehnsucht erzeugt, daß der süßeste Lohn der heroischen Anstrengung, das reife Überschauen des vollendeten Werks und der durchdrungenen Welt, erkauft wird mit Einbuße an tätiger Kraft. Aus dieser Stimmung womit der alte Goethe auf den Kampf seiner Jugend und den Sieg seiner Mannheit zurückblickte ist ihm die Figur des Epimetheus erwachsen: die notwendige Ergänzung des strebenden und wirkenden Menschen, der Goethe von Jugend auf war, durch den schlechthin schauenden, kampfentrückten Menschen, zu dem er sich entwickelt hatte.

Der Gegensatz zwischen Tuen und Schauen, der im Schaffen und Bilden vereinigt oder aufgehoben wird, bestand nicht für den Stürmer und Dränger der, durch seine inneren Spannungen wie durch die noch unbewältigten Weltmassen vorimmer neue Aufgaben gestellt, mit nie erlahmender Schöpfermacht vorwärts strebte, und dem das Schauen nur ein Mittel zum Werk war. Der erste Prometheus Goethes, als Ausdruck eines sich im Wirken auslebenden, der selbstgenugsamen Schau noch nicht bedürftigen Menschen, weiß noch nichts von dem Glück einer solchen und erstrebt es nicht. Jener Gegensatz entwickelt sich in dem Maße wie Goethes Schauen gegenüber seinem Wirken und Schaffen sich verselbständigte, er kam Goethe im Alter zum hellen Bewußtsein, als er, bei ungebrochener Lebensfülle und Leidenschaft, die jugendliche Schöpferkraft abnehmen fühlte, und als neben dem späteren Bedürfnis nach ruhiger Weltüberschau sein Urbedürfnis nach umbildender Weltdurchwirkung aus seiner Jugend her doch weiter bestand. Die prometheischen Elemente seines Wesens waren im Alter nicht schwächer geworden, aber sie waren nicht mehr alleinherrschend, und wenn für gewisse Spannungen auch seines Alters der Prometheus noch immer ein vollgültiges Sinnbild blieb, so war er doch nicht mehr das alleingültige. Wenn Goethe sich nach Schillers Tod dem alten Fragment wieder näherte, mußte er es doppelt fragmentarisch finden: nicht nur unvollendet, sondern auch einseitig. Sein Prometheustum konnte er jetzt nicht mehr denken ohne die Ergänzung und zugleich Begrenzung durch die kontemplativen Kräfte seines Wesens, und so oft er von der Höhe seines Daseins sein Streben und seine Erfolge überblickte, sah er sich, den Wirker mit dem nie rastenden dämonischen Trieb und Streben, doch zugleich als Weisen — „zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt“.

Ich habe nur begehrt und nur vollbracht,
Und abermals gewünscht, und so mit Macht 
Mein Leben durchgestürmt; erst groß und mächtig;
Nun aber geht es weise, geht bedächtig.

Und noch deutlicher:

Du hast getollt zu deiner Zeit mit wilden 
Dämonisch genialen jungen Scharen.
Dann sachte schlossest du von Jahr zu Jahren 
Dich näher an die Weisen, Göttlich Milden.

Doch so wenig in dem Faust die Alters »Weisheit das Jugendfeuer gelöscht hat, so wenig die Zeilen aus dem Westöstlichen Divan als die Summe Goethischer Altersgesinnung zu gelten haben: sie zeigen daß er selbst einen Gegensatz zwischen seinem jugendlich prometheischen und seinem damaligen Wesen empfand, denselben den der Lehrspruch formuliert: „nur der Betrachtende hat Gewissen, der Handelnde ist immer gewissenlos“, der stammt, wie alle Goethischen moralischen Maximen, nicht nur aus abstrahierender Beobachtung, sondern aus einem persönlichen Problem, ja Konflikt.

Der Gegensatz zwischen Wirken und Schauen ist so früh schon mythisch dargestellt worden, als das Menschtum überhaupt zur Erkenntnis seiner Kräfte gelangt war: bei dem ersten Manne in dem sinnliche Anschauung und begrifflicher Geist sich aus gemeinsamer Wurzel gabelten und, zum erstenmal getrennt, auch zum erstenmal einer nachträglichen Vereinigung fähig und bedürftig wurden, bei Plato, dem ersten Allegoriker, findet man auch die Ausdeutung des mythischen Paars antike Mythus und seine Deutung konnte jedoch für Goethe erst fruchtbar werden, als sein eignes Leben jenen Gegensatz akut machte. In seiner Jugend hatte er, weil ihm noch nicht erlebbar, die ganze Seite des Prometheusmythus (obwohl sie als literarische Anregung ihm schon genau so vorlag wie später) beiseite gelassen die sich auf den Gegensatz zwischen Tun und Schauen bezieht, und er hatte nur die ihm damals dringliche Motivgruppe ergriffen die sich aus des Prometheus Kampf gegen die Götter und auf sein Wirken für und auf die Menschen ergibt. Die literarische Anregung, die Weiterbildung platonischer Gedanken ist für die Pandora so wenig entscheidend wie für den ersten Prometheus, sondern der dem platonischen allerdings artverwandte Lebenszustand des alten Goethe, wodurch ihm der seit Jugend vertraute Epimetheusmythus, eine bisher starr gebliebene Motivgruppe dieses Mythenkreises, zu reden anfing. Die literarischen Motive und Anregungen liegen für einen allbelesenen Geist wie Goethe jederzeit bereit, und man muß sich der in Philologenkreisen bewußt oder unbewußt wirksamen Vorstellung entschlagen,als entstehe ein Werk, indem der Dichter beim Blättern an ein recht gedanken- und bilderhaltiges Motiv stößt und dabei denkt: „das wäre was für mich, das will ich behandeln“ oder gar daß er eigens blättere, um solche Motive zu finden. Aus der dem gebildeten Geist allgegenwärtigen Motivmasse beginnt erst beim Kontakt mit einem wahlverwandten Erlebnis, das sich nicht rufen läßt und das ein Ergebnis der ganzen Lebensreife sein muß, der Gestaltung das Motiv entgegenzukeimen. Ein an sich reiches Motiv ist nicht für jeden schöpferischen Geist, nicht für jede Lebensstufe, nicht für jeden Augenblick dieser Stufe fruchtbar. Wo der Dichter das Motiv fand ist für die Frage warum er es behandelt minder wichtig als wann es ihn traf und befruchtete. Damit Goethe den Prome* theus*mythus um den Epimetheusmythus erweitern, um den Zeusmythus verkürzen konnte, mußte er das beschauliche Element seines Wesens verstärkt und als Gegensatz gegen sein wirkendes gesteigert fühlen. An die Stelle des Gegensatzes Prometheus-Zeus, der nur seiner Jugendstufe entsprach, wuchs der Gegensatz Prometheus-Epimetheus, den nur der alte Goethe durchdeuten konnte. Beiden Stufen gemeinsam ist das Symbol des prometheischen Wirkens für die Menschen: die Pandorasage. An dieses neutrale Mittelstück allein konnte Goethe bei der allegorischen Wiederaufnahme des Mythus im Alter wieder anknüpfen, da ihm dies genau so wie in seiner Jugend lebendig geblieben war. Aber daß er wieder anknüpfte verdanken wir nicht dem lebendig gebliebenen, sondern dem neu zu belebenden Motivkreis der dem jetzt neuen Gegensatz zwischen Wirken und Schauen entsprach: dem Epimetheusmotiv. So erklärt sich der Titel Pandora oder Pandoras Wiederkehr, aus Goethes innerlich noch nicht abgebrochener Beziehung zum alten Stück, mochte auch das neue keineswegs als bloße Fortsetzung dazu gedacht sein. Die Hauptfigur des neuen Werks ist Epimetheus — wenigstens ist er der Träger und seelische Mittelpunkt des dem Prometheusstück neu angebauten Flügels. Die Hauptfigur des Jugendwerks ist, in weit höherem Maß, Prometheus selbst. Beiden Werken gemeinsam ist nur der durch Pandora vertretene Motivenkreis. „Prometheus“ konnte das neue Werk ohne Irreführung über seinen Schwer- und Mittelpunkt nicht heißen. „Epimetheus“ hätte es heißen können, aber damit hätte Goethe den ihm wertvollen Zusammenhang mit dem Jugendwerk geopfert und verleugnet. Dieser wurde aufrecht erhalten, indem er das Werk bezog auf die beiden Werken gemeinsame Mittelfigur (wenn auch nicht Hauptfigur) auf Pandora. Der Titel „Pandoras Wiederkehr“ („Wiederkehr“ nicht nur für Prometheus, sondern auch für Goethe) vermied den Anschein einer Wiederholung und den Anschein einer völligen Neuerfindung, und drückte das Verhältnis zwischen dem Jugend- und dem Alterswerk gut aus: die erneuernde Erweiterung eines für Goethes Gesamtleben bedeutenden alten Motivkreises. Wenn er zu den Träumen seiner Jugend, seiner schöpferischen Morgenfrühe mit einer scheuen Dankbarkeit zurückkehrte, immer wieder von ihrem Anhauch, ihrer belebenden und befruchtenden Ausstrahlung angelockt, so mochte er das wohl sehen unter dem Bild einer Wiederkehr seiner Träume. In diesem Sinn hat er die Wiederaufnahme des Faust gefeiert mit dem Vers »Ihr naht euch wieder schwankende Gestalten«, in diesem Sinn, wenn auch nicht nur und hauptsächlich in diesem Sinn, gab er seinem Epimetheusdrama den Titel »Pandoras Wiederkehr«.





  

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