> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Theorie und Schaffen Seite 114

2015-11-02

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Theorie und Schaffen Seite 114



Er hat unter Schillers Einfluß und Gemeinschaft seine Theorie in verschiedenen Graden Herr werden lassen über seine dichterische Spontaneität. Ganz um der Gattung willen, in die Gattung hineingeschrieben sind die Weissagungen des Bakis, die meisten Balladen, die Achilleis, die Episteln, vielleicht das Märchen. Diese Dichtungen wären überhaupt nicht entstanden, wenn Goethe nicht über das Rätsel, das Balladenhafte, das Epische, die Gattung Epistel und Märchen nachgedacht und den Wunsch gehabt hätte Werke dieser Gattungen zu verfassen. Das Entscheidende ihres Ursprungs und ihres Daseins liegt nicht in der Erregung durch ein bestimmtes Erlebnis oder der Anregung durch ein stoffliches Motiv, sondern in der Anregung durch bestimmte Gattungsnormen. Mit diesen wollte Goethe sich auseinandersetzen und suchte dazu Stoffe oder Motive, an denen er sie erproben könnte, wie bei den Balladen, oder er verwertete bestimmte zufällig gefundene Einfälle und Motive, die noch gestaltlos und indifferent in ihm lagen für diese zum Teil sehr dehnbaren Gattungen, z. B. in Rätsel- oder Märchenform. Daß er beim heroischen Epos an Homers Stoffkreis selbst geriet, wie bei der Achilleis, war kaum zu vermeiden.

Eine zweite Gruppe von Werken dieser theoretischen Epoche ist entstanden, indem Goethe, erregt durch ein stoffliches Motiv oder ein Erlebnis, gewillt war es in einer ihm entsprechenden Gattung zu verewigen. Hier bei war nicht die Gattung, sondern der Stoff und das Erlebnis zuerst da: aber auch hier ist im Gegensatz zu seinen Jugendwerken die Gattung nicht aus dem Stoff herausgewachsen, die Form nicht von dem Erlebnis erst herausgetrieben worden, sondern die Gattung lag als etwas von diesem besondern Stoff und Erlebnis Unabhängiges vor Goethes Seele: als ein objektives Absolutes in das dieser Stoff dann gleichsam einzugehen, das in diesem Stoff sich zu materialisieren habe. Werke dieser Art sind die Geschichten aus den Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter, die Xenien, die zweite Reihe Elegien, vor allem die beiden großen Balladen Der Gott und die Bajadere und Die Braut von Korinth, Hermann und Dorothea, Die natürliche Tochter. Diese Gruppe von Werken, deren keines, Der Gott und die Bajadere und Amyntas vielleicht ausgenommen, an erschütternder Gewalt die Hauptwerke des jungen und des alten Goethe erreicht, sind durch die Verschmelzung von theoretischem Wissen und schöpferischem Können, von seelischer Fülle und geistiger Helle, durch das bewußt hergestellte Gleichgewicht von Ausdrucksmitteln und Inhalten die eigentlichen technischen Meister-und Musterwerke Goethes geworden, die schönste Frucht des bewußten vollendeten deutschen Klassizismus, die schönste Frucht zugleich die Klassizismus und Bildungspoesie irgendeiner Zeit gebracht hat. Doch nicht der Richtigkeit der klassizistischen Tendenz und der Vortrefflichkeit der Vorbilder und Muster ist dieser Erfolg zu danken, sondern der persönlichen Größe und Fülle Goethes: diese ist Herr geworden über die Theorie, und diesem Frommen und Göttlichen mußten alle Dinge, sogar seine Irrtümer, zum besten dienen — wenn man die Begründung von Kunstwerken auf an sich kunstwidrigen Abstraktionen hier als Irrtümer bezeichnen darf.

Eine dritte Gruppe von Werken die durch das Bündnis mit Schiller gereift wurden sind Wilhelm Meisters Lehrjahre und die Arbeiten am Faust. Das sind nun wieder die beiden Lebenswerke die ein Leben innerhalb Goethes Leben führen und innerhalb jeder Epoche, sei es der titanischen, sei es der human-italienischen, sei es der klassizistischen, ihre eigne Atmosphäre haben, welche sich hie und da mit der Atmosphäre der jeweiligen Epoche durchdringt und den Duft dieser Epoche annimmt, im wesentlichen aber sich rein erhält. Beide Werke werden bestimmt durch den Plan, die Anlage und die Motive der Zeit in welcher sie konzipiert wurden und ziehen nur die späteren Erlebnis- und Bildungsströme in ihre Entelechie mit hinein, ohne indes davon als Ganzes bestimmt und verwandelt zu werden. Beide Werke sind, im Gegensatz zu den andren in der Schillerzeit verfaßten, nicht durch die Gattung bestimmt, sondern noch wesentlich durch den Plan und den Gehalt ihrer Entstehungszeit, da es Goethe noch fern lag Gattungen oder Mustern zu genügen, Gattungen zu erneuern, Muster aufzustellen. Sie sind weniger als die andren der klassizistischen Zeit nach bewußten Regeln und Gesetzen geschrieben: sie zeigen darin ihren Ursprung aus Goethes vorklassizistischer Zeit. Wenn Goethe daher den Wilhelm Meister Schiller gegenüber bezeichnete als eine der „inkalkulabelsten Produktionen, wozu ihm selbst der Schlüssel fehlte“, so bezieht sich diese Äußerung wenn nicht ganz, so doch gewiß hauptsächlich auf den für Goethes damalige klassizistische Kunstgesinnung ungesetzlichen, durch Kunsttheorie und Gattungsgesetze nicht zu berechnenden Bau des Ganzen, in welchem die Elemente des Lebens sich selbst gliederten, während Goethe jetzt bis ins Kleinste bewußt zu komponieren gewohnt war. Darum kam er sich auch, als er die Lehrjahre vollendete, im eigentlichen Sinn nur als der Herausgeber vor, denn als Verfasser hatte er sich damals nichts Irrationelles erlaubt.

Jedenfalls dürfen wir in der Schillerzeit Goethes Schaffen nicht mehr in dem Sinne als unmittelbare Formweidung seines Lebens betrachten wie zur Wertherzeit und bei der italienischen Reise. Zwischen seinen Lebensgehalt und seine Formgebung hatte sich wieder eine rationelle Zwischenwelt von Regeln und Mustern geschoben, die sich von dem vorherderischen Rationalismus nur dadurch unterschied daß sie nicht beruhte auf einer geschichtlich übernommenen ungeprüften Bildungskonvention, sondern auf eigener Deutung der Welt und des Menschen, die Goethe sich durch tiefes Erleben erst errungen hatte. Doch wie sehr immer die Deutung, die Theorie des klassischen Goethe zurück gehen mochte auf überrationelles Erleben, dies änderte nichts daran daß sie sich verselbständigt hatte, zu einem Rationalismus wenn nicht der Inhalte so doch der Methode erstarrt war und einer unmittelbaren Formwerdung des Goethischen Lebens, im Sinn des Werther, des Urfaust und der ersten Lyrik im Wege stand. Goethes Begriffe vom Können, jetzt nicht mehr zugleich mit seinem jeweiligen schöpferischen Augenblick gegeben und durch diesen erzeugt, sondern als unabhängige Ästhetik wirksam, bedingten jetzt seinen Gehalt, und seine Bildung bedingte seine Natur, während früher, und später wieder, seine Natur seine Bildung bestimmte. Stoff, Form und Gehalt waren nicht mehr wie in seinen Jugenddichtungen zur vollkommenen Einheit geworden, schon erst recht nicht mehr als Einheit gegeben, sondern wurden durch ein System künstlerischer Grundsätze miteinander ausgeglichen. Wir finden jetzt erst bei Goethe Stoffsuche, bewußte Stoffwahl und Erwägungen über die Formen welche ihm angemessen seien.

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