> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Wilhelm Meisters Lehrjahre Seite 118

2015-11-05

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Wilhelm Meisters Lehrjahre Seite 118



WILHELM MEISTERS LEHRJAHRE

Wir kommen zu dem großen Werk das Goethe unter der Strahlung von Schillers Aktivität wieder aufnahm, abrundete und vollendete: Wilhelm Meister. Konzeption und Gesamterfindung des deutschen Bildungsromans fallen in eine frühere Zeit und sind Ausdruck eines anderen Goethischen Lebenszustands als der worin er ihn veröffentlichte. Die Umwandlungen die er mit der Theatralischen Sendung vornahm entstammen nicht so sehr neuen Erlebnissen die er erst in dieser Zeit der Herausgabe zum Ausdruck bringen konnte, sondern sind Zeichen der Distanz die er zu seinen damaligen Zuständen seit der Ausgestaltung des ersten Planes gewonnen hatte. Die Lehrjahre dürfen also nicht als Ganzes wie ein Sinnbild der Schillerzeit gelesen werden — das Wesentliche ihres Inhalts und ihre Form ist Sinnbild eines frühem Goethischen Gehalts .. sinnbildlich für die Schillerzeit ist mehr die Tatsache der Verwandlung die Goethe daran vorgenommen hat. Mehr das Relative daran, das Ändern, als das Positive, der Gehalt, gehört dem Goethe an der es herausgab.

Die hauptsächlichen Änderungen sind: die Verschiebung des Schwerpunkts vom Theater auf die Bildung überhaupt, Zufügungen und Erweiterungen die diese Verschiebung nach sich zog, Streichungen und stilistische Änderungen aus Gründen eines veränderten Stilgefühls, oder was dasselbe sagt, aus Gründen der veränderten Distanz zu den Erlebnissen woraus der Roman stammt. Als Goethe die Theatralische Sendung in die Lehrjahre umredigierte und herausgab, war längst das Theater nicht mehr für ihn das Zentrum und Sinnbild der Bildung schlechthin, wie zur Zeit da er sie konzipierte, sondern eines der Elemente — ein höchst bedeuten des freilich, dessen er schon um der abenteuerlichen Handlung willen nicht entraten konnte. Während Wilhelm also in der Theatralischen Sendung seine Bildung wesentlich an dem Theater und für das Theater erstrebt, und das Theater nicht nur Mittel, sondern auch Zweck der Gesamthandlung ist, insofern es als das zentrale Sinnbild erscheint woran das Wesen der geistigen, der gesellschaftlichen und der außergesellschaftlichen Mächte und Menschen sich verdeutlicht: ist es jetzt nur ein Durchgangspunkt, und alles was dem Theater wesentlich als Milieu, als episodenhafte Ausmalung anhaftete, was bloß um der saftigeren und farbigeren Ausgestaltung des Theaters geschrieben war, wurde in der neuenFassung gestrichen: so zumal die possenhaften Figuren der Prinzipalin und des Lumpen Brendel. Die andren Schauspieler und Schauspielerinnen der Theatralischen Sendung empfangen ihren kompositionellen Wert nicht nur vom Theater, sie sind zugleich schon als Bildungselemente konzipiert und wesen und wirken als menschliche Charaktere, unabhängig von ihrem bloßen Schauspielerdasein. Sie mußten also bleiben und sind in den Lehrjahren noch deutlicher zu Bildungsfaktoren geworden.

Zur Enttheatralisierung des Wilhelm Meister gehört daß die Kindheitsgeschichte jetzt nicht mehr vorgeführt, sondern nur entrückt erzählt wird: denn eben sie war ganz als kindliches Vorspiel zur theatralischen Laufbahn gedacht, während sie jetzt viel mehr als das Spiel eines geistig-regen Kindes überhaupt erscheint das nicht notwendigerweise auf dem Theater sein Schicksal finden soll, sondern nur im Theater eines der erregenden Bildungselemente ahnt. Deshalb sind auch die dramatischen Details, besonders die Auszüge aus den Jugenddramen gestrichen. Das Verhältnis zu Marianne ist in der Theatralischen Sendung behandelt als typische Schauspielerinnenliebe, in den Lehrjahren tritt ihr Bühnentum zurück, und sie ist eine hübsche Sünderin schlechthin. Das gleiche gilt von Philine. Überall hat Goethe das Theater entstofflicht, vergeistigt und gegenüber der Theatralischen Sendung diejenigen Elemente der Bühne und des Schauspielertums welche dem Menschtum als solchem und der Bildung angehören hervorgehoben vor denen welche das Theater als Theater bezeichnen. Er hat dadurch gleichzeitig an sinniger Weite und Durchschau gewonnen was er an sinnlicher Saftigkeit, Nähe und Dichte eingebüßt hat. Hierin ist allerdings der Einfluß der italienischen Reise und Schillers merkbar genug: die Abneigung gegen das holländisch Genrehafte, der Wille zur allgültigen Symbolik hat an der Umwandlung einen deutlichen Anteil.

Doch nicht nur durch Streichung und Umdeutung der theatralischen Partien hat Goethe die Theatralische Sendung in die Lehrjahre (der Titel gibt seine neue Absicht an) übergeleitet, auch durch Zufügung ganzer Partien in denen das Theater nichts mehr zu bedeuten hatte und die sich als neue Schichten dem Werk angliederten, als Gegen-, Neben-oder Oberweiten des Theaters, das bisher Wilhelms Bildungsmühen und Schicksale umschlossen hatte. Dahin gehören die Bekenntnisse der Schönen Seele im sechsten Buch und der Kreis von gesellschaftlich und seelisch souveränen Menschen in den letzten Büchern .. dadurch wird das ganze Theaterwesen und Vorleben Wilhelms zu einer symbolischen Episode, zum Mittel durch das ihn geheim lenkende Weisheit führt. Die Schöne Seele, auch in die Handlung zart und fast unmerkbar verflochten, aber wesentlich nicht um der Handlung, sondern um der Komposition, der Abrundung willen eingefügt, schließt den Kreis der Verhaltungsarten durch welche der Lebenslehrling hindurch oder an die er hingeführt werden soll, als die Darstellung einer reinen vita contemplativa. Neben soviel ernsthaft Tätigen, zielbewußt Strebenden, ziellos Treibenden, würdig und unwürdig, edel und gemein Beschäftigten, Erwerbenden, Gebietenden, Dienenden, Genießenden, Wandernden, Begehrenden durfte auch das Bild der innerlich Beschauenden nicht fehlen, eine Verhaltungsform die in Goethes Dasein selbst angelegt, einmal bedeutend für ihn gewesen ist, und die als Erinnerung an Susanne von Klettenberg seinem Gedächtnis eingeprägt war. In dem bloßen Theaterroman hätte ein solches Bild nichts zu suchen gehabt, in dem erweiterten Bildungsroman ist die vita contemplativa als wesentliches Bildungselement unentbehrlich, und in der Komposition ein inniger Ruhepunkt.

Wie sehr Wilhelms Leben und Treiben, der Kreis in dem er sich bewegt und aus dem er emporstrebt, zugleich von der sinnlichen Mannigfaltigkeit angezogen und dem sinnlichen Wirrwarr beunruhigt, wie sehr das theatralische Milieu nur Durchgang, Mittel, Vorbereitung ist, war durch Gestaltung in diesem Roman (der ja bloß die Lehrjahre behandeln sollte, also das Ziel selbst nicht vergegenwärtigen, einen vollendeten Meister nicht zeigen konnte) nur zu zeigen durch den Kontrast zu einem in sich durch Ausscheidung oder durch Bewältigung des Wirrsals harmonischen Leben: durch Abkehr von der Welt zu rein gleichgewichtiger Innerlichkeit, oder durch Herrschaft über die Welt vermöge weiser und überlegener Kraft. Dies geschieht in den letzten Büchern der Lehrjahre. Nach den befangenen Kreisen der sozial niedern und der sozial höhern Schicht, die aber gleicherweise innerlich in ihren weltlichen Verhältnissen verhaftet sind, im Guten wie im Schlimmen, treten wir in einen Kreis von Menschen die sich durch geistige und seelische Freiheit über die weltlichen Bindungen erhoben haben, sei es daß sie den Unwert oder Scheinwert der irdischen Dinge durchschaut, das gleichnishaft Vergängliche hinter sich gelassen haben, um im reinen Anschaun der Gottheit zu schweben, alles verstehend und verzeihend, wie die Schöne Seele, sei es daß sie den relativen, den Bildungswert der Erdendinge kennen und nutzen, überlegne Lenker mit dem Bewußtsein daß jedwedem Erdending eine geistige Bedeutung und Gewalt innewohnt, wie Jarno, der Abbe, Lothario und überhaupt die Mitglieder der geheimen Gesellschaft, welche schließlich über dem scheinbar planlosen Schicksal Wilheims als planvolle Vorsehung waltet, gleichsam das in Menschen verkörperte Prinzip der Bildung, welches dumpfen Trieb, dunkles Geschick, weltliches Tun und geistige Schau vereinigt und fruchtbar macht.

Nicht nur durch verschiedene Milieus werden wir hindurchgeführt sondern durch verschiedene Bildungswelten. Jedes der Milieus hat, außer seinem Eigengewicht und seiner Eigenfarbe, noch eine unbewußte Bildungsfunktion am Wilhelm Meister zu erfüllen: die Schöne Seele, weder aktiv noch funktionell wirksam, sondern nur als Ruhepunkt, als einzige nicht mehr strebende und wirkende, sondern zweckelos erfüllte Gestalt und Gesinnung, bildet den Übergang zu der höheren geistigen Schicht (die ist mit der nur sozial höheren Schicht noch nicht erreicht) welche die bisher unbewußte Bildungsfunktion in eine bewußte Bildungsaktion verwandeln. Zuletzt eröffnet Goethe das Getriebe das den Roman und Wilhelms Lebensgang in Bewegung gesetzt hat, und zerstört allerdings (wie Jean Paul rügte) die Illusion die bisher dem Roman die unergründliche geheimnisvolle Weite gesichert hatte, als sei Wilhelm der Zögling der gesamten Kräfte der Welt und der verschiedenen Lebensformen einer Gesellschaft, während am Schluß der Eindruck entsteht als sei er gelenkt durch ein Vemunftprinzip in Händen und Köpfen einiger gescheiten Leute — also eine höchst rationalistische Verengerung jener weitausschauenden Anlage. Doch nicht so ist jener Aufschluß über das Wirken der Geheimgesellschaft zu verstehen, und wenn er auch am Ende steht, so gilt er doch nicht den ganzen Lehrjahren, sondern nur derjenigen Schicht seiner Erziehung deren Prinzip die Vernunft ist, wie eine andre Erziehungsschicht vom Trieb und Charakter, eine andre vom Schicksal beherrscht wird. Alle Mächte des Lebens wirken an Wilhelms Bildung mit, und die verschiedenen sozialen Funktionäre dienen nur allgemeinen Grundsätzen. Das Bürgertum, die Boheme und der Adel bringen nach und nach Wilhelms Eigenschaften zur Erscheinung, Mignon und der Harfner erschließen uns die dunkleren Schicksalsmächte von denen er umwittert ist, und in den letzten Büchern erkennen wir den Anteil des Geistes und der Vernunft an seiner Bildung. Auch dabei freilich hält Goethe sich an bestimmte Gesellschaftsformen des Rokoko, in denen er die übergesellschaftlichen Mächte darstellen kann: die Maurerei gab ihm eine mögliche Analogie für das planvolle Wirken der Vernunft innerhalb einer Gesellschaft. Was er in den „Geheimnissen“ allegorisch märchenhaft konzipiert hatte verwirklichte er hier innerhalb des gesellschaftlichen Rahmens. Da zum Wesen von Wilhelms Bildung auf jeder Stufe und in jeder Schicht die Liebe gehört, so findet er auch auf der höchsten geistigen Erziehungs» stufe die Frau die als Geliebte dieser Stufe entspricht: Natalie — wie er in den früheren Zonen Mariannen und Philinen, und die Mignon gefunden hatte.

Gegenüber der Theatralischen Sendung ist in den Lehrjahren der Kreis der Bildungsmächte erweitert, über die bloß triebmäßigen und schicksalhaften nach den vernunftmäßigen hin. Gleich geblieben ist die Anlage daß Wilhelm diejenigen Kreise nur als Bildungsmächte ersehnt, empfindet, erkennt, weitergetrieben, hindurchstrebend, die sich selbst als endgültigen, erwünschten oder unerwünschten Zustand hinnehmen und als Milieu auch einen Eigenwert im Roman besitzen, während sie zugleich die Handlung fördern und als Bildungssymbole dienen. In den Lehrjahren haben Figuren und Schichten einen dreifachen Aspekt: wie sie sich selbst erscheinen, endgültig in Beruf und Schicksal befangen, wie sie Wilhelm vorläufig und instinktiv erscheinen als Gegenstand des Strebens oder der Flucht, als Durch? gangspunkte, und wie sie der überlegenen Vernunft und planvollen Vorsehung der geheimen Gesellschaft erscheinen.





  

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