> Gedichte und Zitate für alle: F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Wilhelm Meisters Lehrjahre Seite 119

2015-11-05

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Wilhelm Meisters Lehrjahre Seite 119



Bei der Erweiterung der Theatralischen Sendung zu den Lehrjahren hat sich freilich ein Hauptinteresse Goethes verloren das ihn bei der Gründung des Theaterromans noch in voller Frische beseelt hatte und neben dem Willen zur Schilderung der Gesellschaft, zumal des Theaters als einer Bildungsmacht, am meisten daran gewirkt hatte: die Freude an Einzelcharakteren, an der selbständigen Individualität, auch unabhängig von ihrem für Seelenzustände, Bildung, Gesellschaft oder Gesetze sinnbildlichen Wert, kurz die Shakespearische Menschenschau. Die Charaktere die nach dem Abschluß der Theatralischen Sendung noch zur Bildung oder Lenkung Wilhelms eingeführt werden sind im Vergleich zu den Gestalten des Urmeister bloße Allegorien, erst aus einem Bedürfnis der Gesamtidee des Werks entstanden und von ihr bedingt, bloße Vertreter, aus Beobachtung und Komposition geformt, nicht aus ursprünglicher, unausweichlicher Vision, wie Mignon, oder selbst noch Philine und Aurelie. Eine Ausnahme bildet vielleicht die schöne Seele, aber auch diese nur, weil sie ein rein innerliches Seelengemälde ist, eine ruhige Entwicklung innerer Zustände. Die Figuren die durch Gebärde, Handlung oder Gespräch lebendig werden sollen bleiben schattenhaft und sind weit mehr durch das was über sie gesagt wird als was sie selbst vorstellen unsrer Erinnerung greifbar. Das Nachwirken einer dichterischen Gestalt in der Erinnerung ist das sicherste Zeichen für ihre selbständige Lebenskraft.. keine Gestalt aus Shakespeares Tragödien oder Homer vergißt man je wieder — ebenso leuchten Philine, Aurelie, Mignon und der Harfner nach, sogar noch Serlo und Jarno, alle aus dem Urmeister. Lothario, den Abbe, den Marchese, ja Natalie und Therese bewahren wir im gebildeten Geist und in der Reflexion als Bedeutungen, kaum in der naiven Phantasie als umrissene, unverwechselbare Charaktere, sie sind uns hauptsächlich, wenn nicht ausschließlich, Hebel der Handlung oder Angehörige bestimmter Schichten, so sehr daß wir sie fast nur als Medien dieser allgemeineren Lebenskreise kennen, wie uns Bäume im Wald, Wolken am Himmel, und Wellen im Fluß nicht als Persönlichkeiten, sondern nur sofern sie Wald, Atmosphäre, Fluß bilden, gewärtig sind.

Auch Natalie, so wichtig sie für die Handlung ist, kommt uns doch nur vor wie die gütige lichte Schutzfee, und von allen adligen und schönen, guten und holden Frauen nicht mehr abgehoben als eine Fee von einer andren. Therese ist etwas dichter und weniger golden verklärt gesehen, aber auch sie ist vor allem die tüchtige und dabei reizvolle Person und erinnert uns an viele die wir kennen, sie ist durch die Handlung, nicht durch ihren Charakter selbständig. Der Abbe, der Marchese, Lothario — neben Jarno die überlegenen Lenker Wilhelms — sind nur auf diese eine Eigenschaft, oder vielmehr Relation der Überlegenheit gestellt, bald höherer Verstand, bald höherer Wille, bald höhere Vernunft — sie sind Allegorien menschlicher Kräfte, nicht eigenwüchsige Urseelen. Nur die Episodenfiguren, die nach unten hin den Roman ausfüllen, bleiben anschaulich und regsam. .je höher hinauf sozial und seelisch das Bildungsreich gezeigt wird, desto individuaIitätsfreier, reiner, dünner, abstrakter werden seine Träger, und die letzten Bücher nähern sich bereits der bloßen Allegorie, die in den Wanderjahren dann vorherrscht.

Bildungsprozesse und Gesinnungen, Schichten und Atmosphären, nicht Individuen und Leidenschaften sollten in den Lehrjahren gegeben werden, und die Personen (sofern sie nicht vom Urmeister her noch Spuren des Individualitätenkults der voritalienischen, vorschillerischen Zeit tragen) sind nur soweit angeschaut und gezeichnet als sie zur Vergegenwärtigung von Bildungsprozessen und Gesinnungen, von Schichten und Atmosphären dienen können: jede weitergehende Individualisierung wäre Goethe von seinem damaligen Zweck aus überflüssig, von seinem damaligen Geschmack aus unreinlich erschienen, wie er denn einige nur-charakteristische Figuren und Szenen gestrichen hat. Das Höhere als das Generelle, minder Charakteristische zu zeigen, das Besondre als eine Trübung des Allgemeineren, das Individuelle als eine Art Abfall von der Idee: diese Neigung war unter Schillers Einfluß besonders stark bei Goethe zur Zeit als er die Lehrjahre vollendete und herausgab. Sie haben darum an Weisheit und Helle, aber nicht mehr an Gestaltung zugenommen: die Lehrjahre sind mehr als die Theatralische Sendung Bildungsroman, und die Menschen sind nur noch als Vertreter von Bildungsmächten gültig in Goethes Seele. Aus der Absicht Vertreter zu zeichnen, aus dem Wunsch nach Verkörperung überhaupt entstehen aber keine eigenlebigen Gestalten. Jede urgesehne „shakespearische“ Gestalt, wie jeder wirkliche Mensch, kann als Vertreter allgemeiner Mächte und Ideen wirken und gedeutet werden, aber kein als Vertreter bewußt konzipiertes Gebild kann je zum wirklichen Menschen werden.

Die eigentliche Lebensfülle auch der Lehrjahre stammt aus dem Urmeister, aber erst durch die Erweiterung vom Theaterroman zum Bildungsroman kommt sie völlig zur Geltung. Eben die abstraktere, höhere, geistigere Welt der späteren Bücher, obwohl sie keine neuen, den ersten ebenbürtigenVisionen mehr enthält, vertieft und steigert den Sinn jenes gedrungenen Lebens und bietet ihm einen Raum worin es sich harmonisch gliedern und entfalten kann.

Bei dem Umguß der Theatralischen Sendung in die Lehrjahre hat Goethe also erst durch bewußte Komposition und Schichtung den Bildungsgedanken herausgearbeitet, besonders gerade mit den letzten Büchern die den Raum der Bildungsmächte durch die Sphäre der Vernunft erweitern. Auch die Theatralische Sendung entspringt dem Trieb die Bildung eines empfänglichen und begabten Menschen durch die Gesellschaftsmächte darzustellen: warum unter diesen das Theater als Vermittlung zwischen Geist und Welt die zentrale Bedeutung sowohl für die Handlung wie für den Sinn bekam habe ich gezeigt. Die Lehrjahre haben, abgesehen von der nun aus Goethes neuer Lebensbreite und -helle notwendig gewordenen Enttheatralisierung, das was in der Sendung mehr als Improvisation wuchs auch theoretisch durchgebildet. Schillers Nähe ist fühlbar. Die Komposition ist nicht mehr gefühlsmäßig, sondern bewußt abgewogen, und alle Einzelheiten, weit mehr als in der Sendung, mit Rücksicht auf das Ganze, nicht mehr mit bloßer Freude am Erzählen und Erfinden selbst behandelt. Überhaupt hat der Roman bei seiner Umwandlung das Improvisatorische eingebüßt. Nichts ist bloß erzählt, weil es schön zu erzählen war oder dem Erzähler gerade einfiel, sondern weil es zum Ganzen gehörte, einen geheimen Bezug hatte. So mußte die ganze anschauliche, aber für die Lehrjahre allzu selbständige aufdringlich farbige, holländisch stillebenartige Kindheitsgeschichte fallen, weil sie mehr und gewichtigeres Detail trug als für die Darstellung des Bildungsgedanken nötig war. Aus diesem Grund (und um der Enttheatralisierung willen) wurde das Theatermilieu seiner derbsten und erzählerisch lebhaftesten Partien entlastet. Die Kindheitsgeschichte wurde durch Nacherzählung blasser, distanzierter, das Theatermilieu geistiger und ernsthafter. In der Sprachbehandlung ist an die Stelle des raschen und sinnlich lebhaften,oft mündlich wahllosen Wortschatzes der gepflegte und gereinigte Kunststil getreten, den die nun an Italien erzogene Sehart des Dichters verlangte .. großer Zug, abgerundete Perioden, nirgends gestopftes Detail, allzu bunte Farbenflecke und hervorstechende Gegenständlichkeit um ihrer selbst willen, keine Derbheit, kein Kult der Drastik. Anschaulichkeit wird verstanden als klare Übersichtlichkeit geordneter Massen, nicht als pralle Heraustreibung von Einzelheiten. Das Tempo, ursprünglich das des lebhaft improvisierenden Erzählers der bald abschweift bald eindringlich ausmalt, hat sich verlangsamt, verwürdigt, vergleichmäßigt, es gestikuliert gleichsam weniger, und der ruhige Vortrag setzt einen Erzähler von größerer Distanz voraus, dem es nicht ankommt auf die sinnliche Überwältigung der Hörer, sondern auf die geistige Lenkung.

Die gleiche Lebensfülle ist über einen größeren Raum verteilt und staut oder stockt nirgend mehr. Was an sinnlicher Gewalt eingebüßt wurde kam der geistigen Würde und Ordnung zugut. Bildung ist nicht nur der Gegenstand und die Richtung, sondern auch der Stil und der Gehalt des vollendeten Romans geworden. Das Werk ist der bisherige Höhepunkt deutscher darstellender Prosa, über den Werther hinaus, dessen Großheit in lyrisch-hymnischer Steigerung und geschwellten Momenten, in eigentlich „poetischen“ Elementen besteht, nicht in der epischen Gliederung eines unermeßlichen Gedanken-und Bildergehaltes . . nicht mehr der Wurf bloß eines Genies, sondern die Frucht einer in diesem Genie ausgeglichenen, erfüllten und verkörperten Kultur: der Einswerdung einer großen Seele und einer gebildeten Welt, einer mächtigen Phantasie und eines reifen und tiefen Denkens, das seine schöpferische Inspiration durchformt und seiner unübersehbaren Erfahrungsmasse zuleitet.

Wie der Wilhelm Meister, so wurde auch das andre Lebenswerk Goethes, der Faust, unter der Strahlung von Schillers Aktivität wieder aufgenommen. Freilich vollendet wurde er auch jetzt nicht: denn er war nicht das Produkt einer bestimmten Lebensstufe, die in der Schillemzeit abgeschlossen war, sondern eines ganzen Lebens, und wie seine Anfänge hinaufreichen in die Zeit da Goethe zu seinem eigentlichen Genie und den Problemen des Genies erwacht ist, so war er auch noch notwendig bis in die letzten Jahre des Lebens das er nicht krisenhaft, sondern im Ganzen darzustellen bestimmt war. Darum handelte es sich bei der Weiterführung des Faust nicht um einen Umbau wegen neuer Bodenbedingungen und infolgedessen veränderten Plans wie beim Meister, sondern nur um Ausbau und Anbau auf Grund der ursprünglichen Anlage. Doch hätte das Vorspiel auf dem Theater freilich nicht entstehen können vor Goethes im eigentlichen Sinn theoretischen Lebensabschnitt, da er über Pflicht, Sinn und Art des Dichtens nachdachte, da er als Theaterleiter die praktischen Fragen aus den höchsten Forderungen beantwortete, die Wirklichkeit am geistigsittlichen Kanon maß. Der Prolog im Himmel setzt eine an Raffaelischen Gemälden und italienischer Großheit erzogene Schau voraus, wie sie der junge Goethe nicht kannte und eine erhabene Ruhe des Weitblicks vor dem die Schleier persönlichen Sturm und Drangs weggezogen sind.

Die Helena ist dem Gehalt wie der Form nach der vollendete Sieg des klassizistischen Goethe über den titanischen und sentimentalischen . . zunächst mehr ein Block für sich als eine Weiterführung des Dramas dem sie später einverleibt wurde. Erzogen an der griechischen Plastik und Metrik und der römischen Architektur, ausgebildet unter dem Einfluß des klassizistischen Gattungsbegriffs, produktive Anwendung von Goethes Gedanken über die Chorgesänge des antiken Dramas, hält die Helena die lebenumbildende Wirkung fest die das klassische Altertum, die Schau der kanonischen Schönheit auf den titanisch sentimentalen Genius hervorgebracht hat. Von der Bedeutung der Helena im Faust und dem Faust als Gesamtwerk später.

Die Epoche der durch Schiller wieder erweckten dichterischen Produktivität Goethes ist zugleich die Epoche seines eigentlichen Klassizismus, da er auf Grund erkannter Gesetze die innere und äußere Welt gestalten wollte. Zunehmende Anerkennung und Verarbeitung der äußeren Wirklichkeit bezeichnet Goethes Weg vom Sturm und Drang zur Humanität und zum Klassizismus. Die Erkenntnis und Eroberung dieser objektiven Gesetze war seine Aufgabe in den ersten weimarischen Jahren bis zur italienischen Reise, wie sein Lebenstrieb vorher der Ausdruck seines Selbst gegenüber der Welt und die Erfüllung des Ich mit Welt war. In die Zeit des Bundes mit Schiller fällt die Aufgabe: auf Grund jener erkannten Gesetze die eroberte geistige Wirklichkeit auszudrücken, darzustellen, einzurichten: einen Kanon nicht erst zu finden, sondern anzuwenden.

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