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2015-11-05

Gedichte von E.v.Kleist: Sehnsucht nach Ruhe (19)




Sehnsucht nach Ruhe

Rura mihi et rigui placeant in vallibus amnes,
Flumina amem, silvasque, inglorius.

Virgil.

   O Silberbach! der vormals mich vergnügt,
Wenn wirst du mir ein sanftes Schlaflied rauschen?
Glückselig! Wer an deinen Ufern liegt,
Wo voller Reitz der Büsche Sänger lauschen.
Von dir entfernt, mit Not und Harm erfüllt,
Ergezt mich noch dein wollustreiches Bild.

Und du, o Hain! O duftend Veilchenthal!
O holder Kranz von fernen blauen Hügeln!
O stille See! In der ich tausendmahl
Auroren sah ihr Rosenantlitz spiegeln;
Bethaute Flur, die mich so oft entzückt,
Wenn wird von mir dein bunter Schmuck erblickt!

Sprich Wiederhall! Der, wenn die Laute klang,
Vom kühlen Sitz, in dickbelaubten Linden,
Mit hellem Ton in güldne Saiten sang,
Sprich! soll ich nie die Ruhe wieder finden?
Wie oft, wenn ich vergnügt im Schatten lag,
Und: Doris! rief; riefst du mir: Doris! nach.

Jezt fliehet mich die vor empfundne Lust;
Ich kann nicht mehr dein schwirrend Schallen hören,
Du fülltest dort mit Anmuth Ohr und Brust,
Hier fliegt der Tod aus tausend ehrnen Röhren.
Dort both die Flur, der Bach, mir Freude dar,
Hier sieht man Schmerz, hier fliesset die Gefahr.

Wie, wenn der Sturm aus Äols Höhle fährt,
Und Wolken Staub im Wirbel heulend drehet,
Dem Sonnenstrahl den freien Durchgang wehrt,
Das grüne Feld mit Stein und Kies besäet:
So tobt der Feind, so wütend füllet er
Die Luft mit Dampf, die Felder mit Gewehr.

Der Fruchtbaum traurt, die Halmen bücken sich,
Der Weinstock stirbt von räuberischen Streichen,
Die schöne Braut sieht hier ihr ander Ich,
Den Blumen gleich, durch kalten Stahl erbleichen,
Ein Thränenbach, indem sie es umschließt,
Nezt ihr Gesicht, wie Thau von Rosen fließt.

Dort flieht ein Kind. Sein Vater der es führt,
Fällt schnell dahin, durchlöchert vom Geschütze;
Er nennt es noch, eh er den Geist verliehrt;
Der Knabe wankt und stürzet ohne Stütze,
 Wie Boreas, wenn er die Schwingen regt,
Gepfropftes Reis, das stablos, niederschlägt.

Die Felder hat ein Feuermeer erfüllt,
Das um sich reißt, von keiner Macht gehemmet,
Wie, wenn die See aus ihren Ufern schwillt,
Durch Dämme stürzt, und Länder überschwemmet.
Die Thiere fliehn, das Feur ergreift den Wald,
Der Stämme hegt, wie seine Mutter alt.

Was Kunst und Witz durch Müh und Schweiß erbaut,
Korinth und Rom mit Gold und Pracht gezieret,
Der Städte Schmuck wird schnell entflammt geschaut,
Wie mancher Thurm aus Marmor aufgeführet,
Der stolz sein Haupt hoch in die Wolken hebt,
Stürzt von der Gluth! Des Bodens Veste bebt.

Das blasse Volk, das löschen will, erstickt;
Die Gassen deckt ein Pflaster schwarzer Leichen:
Und dem es noch das Feur zu fliehen glückt,
Das kann dem Grimm der Stücke nicht entweichen.
Statt Wasser, trinkt die nahe Wiese Blut,
Es zischt und rollt auf Felsen voller Gluth.

Wenn Phöbus weicht, weicht doch die Klarheit nicht,
Die Nacht wird Tag vom Leuchten wilder Flammen;
Den Himmel färbt ein wallend Purpurlicht,
Von Dächern schmelzt ein Kupferfluß zusammen;
Der Kugeln Saat pfeift, da die Flamme heult,
Mond und Gestirn erschrickt, erblaßt und eilt.

Wie, wenn ein Heer Kometen aus der Kluft,
Die bodenlos, ins Chaos niederfiele:
So zieht die Last der Bomben durch die Luft,
Mit Feur beschweift. Vom reissenden Gewühle
Fließt hier Gehirn, liegt dort ein Rumpf gestreckt,
Hier raucht Gedärm, so ist der Grund bedeckt.

Der Erden Bauch wirft oft, vom Pulver wild,
Nebst Maur und Heer, sein felsicht Eingeweide
Den Wolken zu. Die ferne Klippe brüllt,
Des Himmels Raum erbebt und schallt vor Leide;
Er wird mit Schutt und Leichen überschneyt,
Als wenn Vesuv und Hekla Steine speyt.

O! wer entwirft den Jammer, das Geschrey,
Des Pulvers Grimm, das Winseln und das Sterben
  Natur gemäß! Mir sinkt der Kiel aus Scheu,
Wer kann mit Blut und Feur die Worte färben?
Du kannst es Mond! Auf, wink es; wehe du,
Das was du hörst, o Luft! den Völkern zu.

So wütet Mars. Und hört sein Wüten auf,
So drehn wir selbst das Schwerdt in unsre Leiber.
Ja, Gott des Streits! Hemm deiner Waffen Lauf!
Was braucht es Krieg? Wir sind uns selber Räuber.
Uns schließt der Stolz in güldne Ketten ein,
Der Geldgeitz schmelzt aus Schächten seine Pein.

Bald bringet uns ein Schurk um Ruh und Glück,
Bald suchen uns die Richter zu betrügen;
Hier wird das Geld ein heilig Bubenstück;
Dort ras't ein Freund und tödtet uns mit Lügen.
Bist du geschickt, ein andrer glaubt es nicht,
Warum? Weil ihm Geschicklichkeit gebricht.

Des Nächsten Glück, Erfahrung, Frömmigkeit,
Und Wissenschaft und ächter Tugend Proben
Sind Fehler, die kein kluger Mensch verzeiht:
Ein grosser Geist muß niemals andre loben
Wer küßt und drückt und lästert, ist verschmitzt,
Wer höhnisch blickt, der hat sich selbst genützt.

Wenn dich das Glück auf seinen Flügeln hebt,
So mag man nichts der Freunde Huld vergleichen;
Wenn Unglück stürmt, daß Mast und Steuer bebt,
O! wie dem Frost alsdenn die Schwalben weichen!
Man hat den Schwarm wie Stumme anzusehn,
Die bloß zur Pracht auf unsern Bühnen stehn.

Und wer auch noch auf Tugend standhaft hält,
Wird doch zulezt vom Haufen hingerissen,
Gleich einem, der in wilde Fluthen fällt;
Er peitscht den Strom mit Händen und mit Füssen,
Er klimmt hinauf; doch endlich fehlt die Kraft,
Der Leib erstarrt, sinkt und wird fortgeraft.

Ja Welt! Du bist des wahren Lebens Grab,
Oft reizt mich auch ein heisser Trieb zur Tugend!
Vor Wehmuth rollt ein Bach die Wang herab;
Das Beyspiel siegt, und du, o Feur der Jugend!
Du trocknest bald die edlen Thränen ein.
Ein wahrer Mensch muß fern von Menschen seyn.

    Pflügt denn das Meer zum fernen Mohrenland,
Ihr Thoren! Eilt, fischt Perlen aus dem Grunde,
Es sey ein Brett des Todes Scheidewand;
Beraubt den Berg, steigt tief in seine Wunde.
Dieß rührt mich nicht. Ihr suchet Angst und Noth,
Ein güldner Dolch befördert euren Tod.

Führt Schlösser auf, laßt eine Morgenwelt,
An jeder Wand, mit Gold durchwirket sehen;
Laßt Trinkgeschirr aus Indien bestellt,
Und Diamant den Werth von euch erhöhen.
Ihr grabt die Ruh bey Marmorsäulen ein,
Ihr sehet Pracht; ich, Leinwand, Erde, Stein.

Vergießt das Blut aus falscher Tapferkeit,
Tobt kühn herum, wie wilde Hauer toben,
Damit ihr seyd, wenn ihr gleich nicht mehr seyd,
Damit euch einst die Todtenlisten loben.
Wird wohl der Geist durch Schilderey ergezt,
Wenn euch der Staar die Augen hat verlezt?

Wie täuscht der Schein; ihr seyd Verliebten gleich,
Die feuervoll den Gegenstand nicht kennen.
Macht mich das Glück nicht groß, berühmt und reich,
Geringer Gram! Ich will es Fürsten gönnen.
Ein ruhig Herz im Thal, wo Zephyr rauscht,
Sey nimmermehr für Flittergold vertauscht.

Zeig du dich mir, o teppichgleiche Flur!
O Bach! den Rohr, Gebüsch und Wald umfangen.
Kein güldner Sand; dein Murmeln reizt mich nur,
Und Zweige, die Vorhängen ähnlich hangen.
Wenn ich im Geist auf euch, Gebirge steh,
Schätz ich die Welt so klein, als ich sie seh.

Wie der, der sich von seiner Schönen trennt,
Untröstbar ist; die dunkeln Blicke kleben
An allen steif, ohn daß er sieht. Er rennt
Er seufzet tief, und sucht umsonst sein Leben,
Liebt Kluft und Wald, klagt, ringt die Hände, schreyt,
Der Wiederhall klagt auch, und mehrt sein Leid.

So sehn' ich mich, o grüne Finsterniß
Im dichten Hain! Ihr Hecken und ihr Auen!
Nach eurem Reiz; so klag ich, ungewiß,
Euch nur einmal, geschweige stets, zu schauen.
O zeigt euch bald! O Doris! meine Ruh,
Drück mir einst dort die Augen weinend zu.

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