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2015-11-02

J.H.Merck-Gedichte: Der Jüngling und der Greis (13)




 Der Jüngling und der Greis

Ein Jüngling zog mit einem Greise
Auf seines Königes Geheiße
Einst in ein weitentferntes Land,
Das die Geschichte nicht genannt.
Sie waren treue Reisgefährten.
Ein jeder trug mit Lust des ändern Ungemach,
Und so empfanden sie nichts von Beschwerden.
Da, wo’s dem Jünglinge an Mut gebrach,
Da halfen ihm des Alten Lehren,
Und kam ein unwegsamer Ort,
So trug der Jüngling, um die Reise nicht zu stören,
Den Greis auf seinen Schultern fort.
Schon mancher Tag war nun verstrichen,
Die Sonne war schon oft entwichen,
Doch ohne daß sie jemals sahn
Das langgehoffte Land sich nahn.
Es hatten ofte schon die abgezehrten Glieder
Dem Greis sein Ende prophezeit.

  Schon ofte sank sein Haupt ins Gras darnieder,
Gebeugt von Gram und Traurigkeit.
Indessen das voll mitleidsvollen Sorgen
Sein junger Freund bei ihm gewacht
Und mit Gefahr am frühsten Morgen
Vom nächsten Fels den Trunk gebracht.
Itzt standen sie auf einer Brücke.
Zween Berge sahn sie dort, obgleich mit schwachem Blicke,
Wodurch ein lustig Tal sich schlang.
„Wie?“ sprach der Jüngling, „wirst du dich bequemen,
Den Weg durch jenen Berg zu nehmen,
Mir scheint er etwas schwer und lang.
Das Tal wär besser, sollt ich denken,
Die Reise würde nicht so schwer.
Da könnten wir uns seitwärts lenken,
Sobald es uns gefällig wär.“
„Was?“ sprach der Greis in vollem Grimme,
„Ich richtete nach eines Jünglings Stimme
Wohl gar die ganze Reise ein;
Du willst, ich soll dein Jaherr sein?
Wir gehen durch den Berg, du wirst’s nicht übel deuten.“
„Du tust mir Unrecht“, fiel der Jüngling ein,
„Doch welcher ist der beste Weg von beiden?“ -
„Das weiß ich nicht - genug, wir gehn den Berg hinan.“ -
„Nun, wenn du es nicht weißt“, fing drauf der Jüngling an,
„So gehe du den Berg, ich will das Tal mir wählen.
Weit besser ist’s, das einer irrt,
Als das wir beide fehlen.“ -
„Was?“ sprach der Greis, der wütend wird,
„Du willst die Wege besser kennen,
Doch ehr du sollst in dein Verderben rennen,
So finde lieber hier dein Grab“ ;
Und stürzt ihn in den Fluß hinab.

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