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2015-11-02

J.H.Merck-Gedichte: Der kranke Löw (14)

 


 Der kranke Löw

Der kranke Löw empfing vor seiner Höhle
Den Kondolenzbesuch. Es kam das ganze Land
In Untertänigkeit gerannt.
Es fehlt vom Maulwurf bis zum Elefant
Nicht eine unvernünft’ge Seele.
Den Schmerz könnt man in jedes Angesicht
Mit großen Lettern deutlich lesen.
Man fragt, ob ein Erhitzen nicht
An seiner Krankheit schuld gewesen.
„Nein“ , sprach Herr Doktor Fuchs, „soviel ich noch verspürt,
So hat der König sich zu heftig alteriert.
Sie haben gestern im Spazierengehen
Ein Feuer in der Fern gesehen,
Und das kann sonder Alteration
Bei Ihro Majestät wohl nie geschehen.
Sie fürchten sich.“ - „Ich hör es schon“ ,
So rief ein junger Has, „wenn uns die Hunde hetzen
Und unsereiner nun mit vollen Sätzen
Sein Leben zu erretten wagt,
Wie nennen sie ihn da? Verzagt.
Den aber, welcher auf zwei Meilen
Vorm Feuer läuft, das er erblickt,
Aus Furcht, es möcht ihn übereilen,
Und vor dem Hahnenschrei erschrickt,
Den nennen sie in ihrer Sprache
Groß, tapfer, und ich weiß nicht was.“
„Ja, ja“ , rief Doktor Fuchs, „Herr Has,
Sie haben recht in Ihrer Klage,
Der Löwe scheut das Feur, so wie den Hahnenschrei,
Er ist zuweilen schwach: allein sooft wir’s lesen,
Fragt man, wie, wo und wann er’s sei.
Bei Ihnen aber fragt man frei,
Wie, wo und wann Sie’s nicht gewesen.“

Hast du Verstand und nicht gemeine Gaben,
So ist die Welt auch wohl zu deinen Fehlern blind;
Doch wirst du kein Verdienst zu deinem Fürspruch haben.
So hält man sie, für was sie sind.

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