> Gedichte und Zitate für alle: J.H.Merck-Gedichte: Die Wandrer und der Ahornbaum (29)

2015-11-03

J.H.Merck-Gedichte: Die Wandrer und der Ahornbaum (29)




   Die Wandrer und der Ahornbaum

Zween Wandrer, die sich längst umsonst nach Ruh und Schatten
Und einem klaren Trunk gesehnt,
Ersehn, an ihren Stab gelehnt,
Den Trost, woran sie schon gewiß verzweifelt hatten,
Sie sehen einen Ahornbaum,
Und ihre Freude trägt sie kaum,
Schnell werfen sie die abgezehrten Glieder
In den wohltät’gen Schatten nieder.
Ein kurzes Mahl und die genoßne Ruh
Ersetzte bald den Mut und bald die Kräfte wieder.
„Freund“, rief der eine seinem Freunde zu,
„Siehst du an diesem Baum das prahlerische Leere:
Man glaubt, als wenn er noch so nützlich wäre,
Und doch, wenn man’s genauer untersucht,
So trägt der zierliche Betrüger
Viel Blätter, aber keine Frucht.“
„So“, rief der Ahornbaum, „so bin ich ein Betrüger,
So malt mich euer Undank ab,
Weil ich euch Schutz in meinem Schatten gab;
Hätt ich euch keinen Dienst erwiesen
Und nicht gesucht, euch hülfreich beizustehn,
Gewiß, ihr hättet mich gepriesen
Und meine Fehler nie gesehn.“

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