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2015-11-24

O. J. Bierbaum- Irrgarten der Liebe: Hoher Besuch (168)





       Hoher Besuch

(Der schönen Unbekannten.)

Brandrot das Haar, ein violetter Hut
Mit schwarzem Schleier und orangenen Rüschen,
Braun das Jackett, die Boa: gelber Fuchs,
Der Rock marineblaues Tuch mit Schwarz.

Ich sinke in die Kniee: »Herzogin!
Tritt über meinen Nacken in mein Haus!
All meine Vers-Dämonen blasen Tusch,
Und auf dem Tisch von Palisanderholz
Harrt seiner Herrin ein Carton ›Marquis‹
Der besten parfümierten Pralinés.«

– Schnabunkel! sagt sie, zieht das Ohr mir lang,
Küßt mich (wie riecht sie frisch!) hastig und schnell
Und setzt sich in das gelbe Kanapee.
– Bonbons! befiehlt sie. »Hier!« Den Schleier hoch,
Und in die braune Schokolade senkt
Sich weiß das allerschneeigste Gebiss.

»Und was befiehlt die rote Herzogin!«
– Sie wünscht geliebt zu sein.
»Sofort Madam?«

– Sofort und sehr. Man küsse mich enorm!
»Belieben Eure Hoheit nicht erst das Jackett ...?«
Ich wünsche im Jackett geliebt zu sein.
»Doch wenigstens den Schleier ab, Madam ...?«
– Genehmigt!
Das Gegitter auf den Tisch.

Wir küssen uns. Sie drückt mich fest an sich,
Der gelbe Fuchs umkitzelt meinen Hals.

– Ich bin sehr gnädig heute, findst du nicht?
»Ich finde, daß Ihr immer huldreich seid.«
– Ich bin zu gut für diese Welt. Sag mal:
Weißt du denn, wer ich bin? »I, keine Spur!«
– Und willst es auch nicht wissen? – »Pfui, wer wird,
Neugierig sein, wenn er im Glücke sitzt!?
Du bist mir meine rote Herzogin,
Denn deine Grazie, dein Wuchs, dein Gang,
Die Art, wie du die Handschuh von den Fingern streifst,
Wie du den Kopf zurückbeugst, küß ich dich,
Wie du Bonbons ißst, lächelst, dir den Schleier steckst,
Und, ach, die Art, wie du mich küßst, Madam,
Ist herzoglich, – ich sagte königlich,
Wär mir dies Wort für dich nicht zu verbraucht.
Und nun zu denken, daß dein Mann vielleicht
Banquier ist, Rechtsanwalt, Professor, Arzt,
Major, Regierungsrat, Großbrauer, Maler,
Kurz irgend was, dem man begegnen kann,
Im Trambahnwagen, auf der Straße, im Café –
Entsetzlich! Nein, du bist die Herzogin.
Dein Mann (sie lächelt seltsam) wohnt im Schloß,
Ist alt und gnädig, geistreich, tolerant,
Trägt Escarpins, Jabots, sagt ma chérie,
Regiert ein Volk, das sehr zufrieden ist,
Pflegt das Ballet, liebt altes Porzellan,
Bläst etwas Flöte, hüstelt in die Hand,
Hat hie und da ein bischen Podagra
Und lächelt etwas schmerzlich, wenn er hört,
Die Liebe sei ein göttliches Pläsier,
Kurz, Serenissimus ist comme il faut
Und hat nicht viel dagegen einzuwenden,
Daß Serenissima den Dichter küßt,
Der schon manch Carmen ihm zu Ehren sang
Und am orange-grünen Band das Kreuz
Vom weißen Papageienorden trägt.«

– Oh mein Schnabunkel, welch ein Narr du bist!
In deinem gelben Kanapee vergeß ich
Sehr viel, – vergeß ich mich und bin ein Kind,
Leichtsinnig, treulos, hingegeben, – gut.
Nein, du sollst nie erfahren, wer ich bin.
Wir wollen hier in diesem kleinen Haus
Verstecken spielen vor uns selbst, nicht wahr,
Und glücklich sein, weil wir bloß Menschen sind,
Nicht der und der und die und die – bloß ich und du.
Auch sei nicht Treue hier geschworen, und
Kein Band geknüpft; das Heute ist uns hold,
Das Morgen mög es sein; was später kommt,
Das mag die Götter kümmern, die es walten;
Uns wächst kein graues Haar um dies Vielleicht.
Küß mich, Schnabunkel! Serenissima
Ist küssedurstig und so sehr verliebt
In diesen Herrn vom gelben Kanapee,
Daß sie nichts hat, was nicht auch ihm gehörte.
Sie lebt nur hier; was draußen ist, ist Tod;
Ein Vers von dir, ihr in das Herz gehaucht,
Ist Lebens mehr, als alle ihre Welt.

    Hier ist ihr Traum, und sie genießt ihn ganz,
Sieht alles glänzend, wies im Traumland ist,
Fühlt alles hundertfach, weil sie es träumt.
Du bist mein Page, reizend und verrucht,
Ich schlich zu dir, die Nacht war warm und feucht,
Aus meinem Bette in den Pavillon,
Die Sterne blinzeln, und die Nachtigall
Schluchzt Liebe aus der Laube von Jasmin.
Das Leben ist ein Abenteurerspiel,
Gefahr gibt heiße Süße dem Genuß,
Die Sünde ist ein wunderbarer Trost
Im Leben, das so trostlos grade geht.
Ich habe keine Kunst: was Sünde heißt,
Leb ich als meine Kunst. Verstehst du mich?

»Ich sehe, daß dein Mund ein Leuchten hat
Wie Rosenblätter, und dein Auge schwimmt
In Wollust; alles ist so schön erregt,
Daß ich empfinde, wie du glücklich bist.
Und sieh, mir ist, du wärst von mir ein Lied,
Das mir in heitrer Unbewußtheit kam,
Ich sag mirs immer, immer wieder vor
Und wundre mich beglückt: Das kam von mir?
Oh du mein schönes Lied, geschenktes Glück,
Du Leben, Traum, Gleichklang und Wiederklang:
Daß du mir kamst, zeigt mir, daß Götter sind,
Die Gnaden für mich haben und mich führen.
Aus Ketten haben sie mich frei gemacht,
Wie einen Vogel machten sie mich leicht
Und gaben auch den leichten Sinn ins Herz,
Der nicht bedenkt und frägt, nur nimmt und singt.«

Die rote Herzogin lacht wie ein Kind
Und nimmt den Hut ab: – »Hilf mir aus der Jacke!«

Aus allem helf ich ihr, was sie beengt.
Ihr rotes Haar ist nun ihr einzig Kleid.
Und ich erhebe sie zur Kaiserin.

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