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2015-11-27

O. J. Bierbaum- Irrgarten der Liebe: Mythologie (201)




            Mythologie

Schwand der Frühlingstag, der frische Tummel-Junge,
Floh zum grauen Meer hin über die blauen Berge;
Hei, wie flatterten ihm die grünen Raschelkränze
Hell im Haar, wie wehten die lichten Locken!
Schau, da schwindet der Saum, der rote, gewirkt mit Golde,
Den seine kräftige Hand hob im brausenden Lauf.

Kommt die milde Magd, der bleiche Frühlings-Abend,
Kommt mit leisen Schritten über die Maienwiese,
Hat das Köpfchen weich links überschulter geneigt.
Aschblond ist ihr Haar, wie überstäubt von Flocken
Junger Frühlingsblüten, es fließt ihr über den Rücken
Bis zur Beuge des Kniees, schmiegeweich wellt es hinab.

Ihre Augen suchen, ihre grauen Augen,
Die so furchtsam blicken wie der Rehkuh Lichter,
Auf der Maienwiese die Spur des flüchtigen Tages.

Suchen, suchen, suchen, die milden, grauen Augen,
Aber Dunkel webt, wohin die Arme schreitet
Längst verschwand der golddurchwirkte sonnenrote
Saum des Frühlingstags am überflorten Himmel.

Und es blinkt der erste blasse Stern am Himmel,
Blinzelt mitleidgütig auf die Suchebange.
Immer dunkler wirds, es kommen tausend Sterne.

Alles still. Kein Wind. Kein Atemwehen.
Alles tot. Die Sterne blicken kalt.
Tief ins Dunkel getaucht der Nacht, der stummen Gebietrin,
Schwand die suchende Magd. Silbern erhebt sich der Mond.

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