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2015-11-19

O. J. Bierbaum- Irrgarten der Liebe: Gottesdienst (120)





Gottesdienst

(An Hanns von Gumppenberg zur Erinnerung an Dachau im Mai 1891.)

Auf steiler Höhe stand ich schauend.
Mein Auge trank in tiefen, großen
Zügen die Schönheit.
Weit in graue, webende Fernen
Schweifte der Blick auf fröhlichen Fittichen,
Holte die schimmernde Schönheit mir,
Bettete tief sie ins Herz mir ein.

Rotes Moor in schmalen Strichen,
Lilafarbener Sammt lockerer Frühlingsackererde
Weich dazwischen gebreitet;
Junges, lachendes Wiesengrün
Wellig hineingeschlungen:
Freudebanner der jubelnden Hoffnung
In des Keimdrangs bräutlich leuchtender,
Lustiger Farbe.

Flüssig glitzerbewegtes Silber
Hurtig eilenden Wassers blinkt
In weiten Windungen bogengeschlungen:
Wie ich dich liebe mit jauchzender Seele,
Oh du frische, rauschende, fröhliche,
Tummelnde Freiheit!
Grünbehauchte Weiherspiegel
Sinnen tiefen, stillen Traum
Mitten in der übermütigen Farbenheiterkeit.
Dunkle, trotzige Wäldermassen,
Braun,
Breit,
Brüten gewaltigen Ernst und das dunkle
Geheimnis wipfelumrauschter Einsamkeit.
Zwischenhinein hellrote Dächer,
Bläulich wirbelnder Rauch daraus;
Blitzende Fenster von Menschenhäusern
Leuchten wie lachende Augen.

Aber weit, weit drüber hinweg,
Weit, in duftiger blauender Ferne,
Weit, oh weit über dem Kleingespiel,
Starr,
Gewaltig,
Mit rissigen Schroffen,
In Schnee und Eis krystallen gehüllt,
Ragen die Alpen.

Stille, Stille über dem Riesenrund.
Ueber mir
Hoch in den Lüften
Schreit ein Falke,
Langsam kreisend durch das tiefe Lüfteblau.

Stille, Stille .... die schweigende Schönheit
Atmet leise, voll. – Da schwebt
Aus der Tiefe der kleinen Stadt
Hell ein Singen empor, es klingt:
»Der Mai ist gekommen« ....
Von Kinderlippen.

In enger Stube sitzen die Kleinen.
Ich sehe im Geiste die frischen roten
Mäulerchen sich gleichmäßig öffnen,
Sehe den Lehrer die Fiedel streichen,
Sehe die lustig mitsingenden Augen, –
Kindheit, Kindheit,
Fröhliche, frische,
Singende Unschuld!

In die Ferne noch einen Blick,
Noch einen Blick über die Schönheit hin,
Ueber das Farbenwechselspiel
Lebender, atmender, wunderreicher
Schönheit.

Und ich folge dem Kindergesang,
Der durch das schönheitstrunkene Herz mir
Wie ein Frühlingsdranghauch weht.
Hinunter steig ich durch Gassengewinkel,
Immer den langausklingenden Tönen
Lauschend nach,
Gefangen, gezogen ....
Da verscheidet der Sang.
Vor einem großen, grauen Hause
Steh ich still.
Durch offene Thore
Weht von Weihrauch
Kühl mildharziger Duft. In die Kirche
Tret ich ...

Da starb meiner Schönheit Bild.
     Häßliches freches Bunt an den Wänden,
Grausam thörichter Spott mit den Leiden
Eines gewaltigen, liebedurchloderten,
Göttlichen Menschen.
Kniende Weiber mit dumpfen, blöden,
Aengstlichen Zügen murmeln Gebete.
Klappernd gleitet durch die harten,
Gekrümmten Finger die abgegriffene
Perlenschnur des knöchernen Rosenkranzes.
Ein dickes Priestergesicht aus Speckstein
Neigt sich und nickt
Und wackelt und wendet sich
Vorn am Altare.

Eine tiefe, schneidende Bitternis grub
Aetzend sich in mein Herz.
Was der Natur hold heilige Schönheit
Mir geschenkt, verdarb vor dem armen
Menschenkram,
Dem Menschenbettelvolk,
Das sich vor fremdem Leid in den Staub
Winselnd wirft,
Statt freudig hinauf,
Jauchzend freudig mit vollem Herzschlag,
Hoch hinauf sich zu heben zu seliger,
Lebender Schönheit.

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