> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen... 20.01.1787 Moritz an Campe (378)

2015-11-04

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen... 20.01.1787 Moritz an Campe (378)



20. Januar

Rom. Moritz an Campe

Moritz war vom Pferde gestürzt und hatte einen Arm gebrochen. Zugleich litt er seelisch durch das oben erwähnte Liebesverhältnis.

Was nun während der vierzig Tagen, die ich unter fast unaufhörlichen Schmerzen unbeweglich auf einem Fleck habe liegen müssen, der edle, menschenfreundliche Goethe für mich getan hat, kann ich ihm nie verdanken. Wenigstens aber werde ich es nie vergessen. Er ist mir in dieser fürchterlichen Lage, wo sich also alles zusammenfand, um die unsäglichen Schmerzen, die ich litt, noch zu vermehren und meinen Zustand zugleich gefahrvoll und trostlos zu machen, alles gewesen, was ein Mensch einem Menschen nur sein kann. Täglich hat er mich mehr als einmal besucht und mehrere Nächte bei mir gewacht. Um alle Kleinigkeiten, die zu meiner Hilfe und Erleichterung dienen konnten, ist er unaufhörlich besorgt gewesen und hat alles hervorgesucht, was nur irgend dazu abzwecken konnte, mich bei gutem Mute zu erhalten. Und wie oft, wenn ich unter meinem Schmerz erliegen und verzagen wollte, habe ich in seiner Gegenwart wieder neuen Mut gefaßt! Und weil ich gern standhaft vor ihm erscheinen wollte, bin ich oft dadurch wirklich standhaft geworden. 

Er lenkte zugleich den guten Willen meiner hiesigen deutschen Landsleute... Goethe ließ sie losen, wie sie der Reihe nach bei mir wachen sollten, und sogleich waren alle Nächte besetzt... Selbst die Leute, bei denen ich wohne, waren durch diese Liebe und Freundschaft so vieler Menschen gegen einen ihrer leidenden Brüder gerührt und folgten dem Beispiel ... Dies alles zusammengenommen, flößte mir zuerst wieder eine Art von Zutrauen gegen mein Geschick ein. Ich dachte: es drückt mich zwar nieder, aber es will mich doch nicht sinken lassen.

Am 2. Februar reiste Goethe weiter nach dem Süden: Neapel und Sizilien.

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