> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen... 09.12.1786 Wilhelm Tischbein an Lavater (372)

2015-11-02

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen... 09.12.1786 Wilhelm Tischbein an Lavater (372)



9. Dezember

Rom. Wilhelm Tischbein an Lavater

Tischbein (1751-1829), Bäckersohn aus Eutin bei Marburg, konnte zu seiner ferneren Ausbildung als Maler in Rom leben, weil ihm Goethe eine Unterstützung des Herzogs von Gotha verschafft hatte.

Sie haben in allem recht, was Sie von Goethe sagten. Das ist gewiß einer der vortrefflichsten Menschen, die man sehen kann. Stellen Sie sich meine unbeschreibliche Freude für, welche ich vor einigen Wochen hatt! Goethe kam mir unverhofft hierher, und jetzt wohnet er in meiner Stube neben mir! Ich genüße also von des Morgens bis zur Nacht den Umgang dieses so seltenen, klugen Mannes. Was das nun für Vergnügen für mich ist, können Sie sich leicht denken, indem Sie Goethens Wert und meine Hochachtung gegen große Männer kennen. 

Lieber, bester Lavater, könnte ich Sie hier auch einmal sehen; auf denen Ruinen, wo vor diesem so große Taten geschahen, scheint ein lebender Mann erst recht groß. Es ist, als erkennte man ihn besser. 

Goethe ist ein werklicher Mann, wie ich in meinen ausschweifenden Gedanken ihn zu sehen mir wünschte. 

Ich habe sein Porträt angefangen und werde es in Lebensgröße machen, wie er auf denen Ruinen sitzet und über das Schicksal der menschlichen Werke nachdenket... Sein Gesicht will ich recht genau und wahr nachzeichnen, denn man kann wohl keinen glücklichem und ausdrucksvolleren Kopf sehen. 

Goethe war mir durch Ihnen und seine anderen Freunde schon ziemlich bekannt, durch die vielen Beschreibungen, welche ich von ihm machen hörte, und habe ihn ebenso gefunden, wie ich mir ihn dachte. Nur die große Gesetztheit und Ruhe hätte ich mir in dem lebhaften Empfinder nicht denken können, und daß er sich in allen Fällen so bekannt und zu Hause findet. 

Was mir noch so sehr an ihm freut, ist sein einfaches Leben. Er begehrte von mir ein klein Stübchen, wo er in schlafen und ungehindert in arbeiten könnte, und ein ganzes einfaches Essen, das ich ihm denn leicht verschaffen konnte, weil er mit so wenigem begnügt ist. Da sitzet er nun jetzo und arbeitet des Morgens, an seiner „Efigenia“ fertig zu machen, bis um 9 Uhr. Denn gehet er aus und siehet die großen hiesigen Kunstwerke. Mit was für einem Auge und Kenntnis er alles siehet, werden Sie sich leicht denken können, indem Sie wissen, wie wahr er denkt. 

Er laßt sich wenig von denen großen Weltmenschen stehren, gibt und nimmt keinen Besuch, außer von Künstler, an. Man wollte ihm eine Ehre antun, was man denen großen Dichter, die vor ihm hier waren, getan hatt; er verbat sich es aber und schützte den Zeitverlust vor und wandte auf eine höfliche Art den Schein von Eitelkeit von sich ab. Das ihm gewiß ebensoviel Ehre macht, als wenn er werklich auf dem Kapitol gekrönet worden wäre. 

Ich freue mich, daß ich jetzo lebe, des Goethens und Lavaters wegen.

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