> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen... 20.03.1789 Karoline Herder an ihren Mann (488)

2015-11-25

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen... 20.03.1789 Karoline Herder an ihren Mann (488)



20. März

Weimar. Karoline Herder an ihren Mann

Ich habe die Fortsetzung von „Tasso“ wieder abgeschrieben. Goethe kam dazu; er absolvierte mich hierüber, wie leicht zu denken, und grüßt Dich. Von diesem Stück sagte er mir im Vertrauen den eigentlichen Sinn. Es ist die Disproportion des Talents mit dem Leben. Er freut sich recht über mich, daß ich es selbst so gut empfinde. Der Augenblick, da der zarte Dichter bekränzt wird, ist mir recht rührend gewesen; nun ist er eingeweiht zum Leben, Lieben und Leiden! 

Die gute Kalbin ... nimmt Goethens „Tasso“ gar zu speziell auf Goethe, die Herzogin, den Herzog und die Steinin; ich habe sie aber ein wenig darüber berichtigt. Das will ja auch Goethe durchaus nicht so gedeutet haben. Der Dichter schildert einen ganzen Charakter, wie er ihm in seiner Seele erschienen ist; einen solchen ganzen Charakter besitzt ja aber ein einzelner Mensch nicht allein. So ist es mit dem Dichtertalent selbst, so mit der Kunst zu leben, die er durch den Herzog oder Antonio darstellt. Daß er Züge von seinen Freunden, von den Lebenden um sich her nimmt, ist ja recht und notwendig. Dadurch werden seine Menschen wahr, ohne daß sie eben ein ganzer Charakter lebend sein können oder dürfen. 

Das Ende der dritten Szene hat mir Goethe soeben noch geschickt. Ich habe ihn gefragt, ob Du’s der Herzogin und Angelika lesen darfst; so antwortete er mir, Du könntest beliebigen Gebrauch davon machen.

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