> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen... 24.04.1789 Karoline Herder an ihren Mann (498)

2015-11-28

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen... 24.04.1789 Karoline Herder an ihren Mann (498)



24. April

Weimar. Karoline Herder an ihren Mann

Ich bin gestern abermals bei der Herzogin gewesen ...Wie ich nach Hause kam, fand ich Goethe bei dem Kinderfest [einer Geburtstagsfeier]. Wir sprachen bald von Göttingen, wie wir denn schon einigemal davon gesprochen haben. Daß Du den vorteilhaften Antrag beherzigtest und beherzigen müßtest, sagte ich ihm; er fand es ganz recht, so wie er gleich von Anfang den Antrag als ein gutes Evenement, wir möchten nun bleiben oder gehn, ansah. Er will Dir selbst schreiben......

Er dringt aber darauf, daß wir ihn allein von der ökonomischen Seite betrachten und gebrauchen müssen. In der Verhandlung mit den Hannoveranern müssen wir mit Recht das hoch anschlagen, was wir Gutes hier haben; kurz, in eine Waagschale das Vorteilhafte von Göttingen und in die andre das Gute von hier legen. Dieses war ... mein eigner erster Gedanke gewesen, der mir nicht von ihm eingehaucht worden ist ... 

„Glaubt nicht“, sagte er gestern, „daß er dort frei von Verdruß und Ärger sein wird. Er wird überall die Neider und Heuchler, und wie sie heißen, finden; sein Gemüt bringt er ja überall mit. Also von dieser Seite ist’s dort nicht um ein Haar besser als überall. Kurz, laßt nur das Gemüt aus dem Spiel und bleibt bei dem äußerlichen Vorteil stehn. Der Herzog kann und darf ihn nicht gehn lassen; er ruiniert sich Jena und Weimar zugleich. Auch nicht einmal nach Jena wünsch ich Herdern; ich hab ihn viel zu lieb; er ist zu gut zum Professor; er kennt ihre kleinlichen Leidenschaften noch nicht. Es ist gut, daß der Antrag gekommen ist; jetzt kann ihm durch das Muß und mit Ehren ein gutes und sichres Etablissement für ihn und die Seinigen gemacht werden, und die ganze Stadt wird damit zufrieden sein und es wünschen.“ ...

Liebes Herz, über Goethe und Knebel habe ich sehr klare und reine Begriffe bekommen. Der erste ist bei Dir jetzt im Schatten; aber ich weiß, Du erkennst ihn wieder. Knebel bleibt ein unstetes, unsichres Rohr. Er ist im Grund gut, aber ein jedes Lüftchen beugt und wendet ihn anders ... Goethe bleibt sich gleich; er steht auf festem Boden. Mündlich mehr im Detail von. Es schmerzt mich, daß Du Dein Gemüt von ihm abwendest, und er ist doch der einzige rein gute Mensch hier.

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