> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...21.02.1789 Herder an seine Frau (478)

2015-11-23

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...21.02.1789 Herder an seine Frau (478)



21. Februar

Rom. Herder an seine Frau

Er bittet sie, sich um seine Geldnöte keine Sorgen zu machen.

Aber verzeihe mir zugleich zu sagen, daß ich des Goethe Antwort an den Herzog, da er für mich was tun wollte, äußerst albern und abgeschmackt finde. 

Zuerst wußte er ja nicht, wie es mit mir stand, und wußte ja, was man auf einer Reise in Italien für Geld braucht. Er wußte ja, daß der Herzog noch nichts für mich getan habe und daß, wenn man so einen Augenblick bei ihm vorbeigehn läßt, man der ärgste Narr sei ... 

Was wäre es denn nun gewesen, wenn er mir einige hundert Zechinen zu einer Reise in Italien geschenkt hätte? Eine elende Kleinigkeit für einen Fürsten! Andre lassen sie ja ganz auf ihre Kosten reisen, und ich muß mich überall wie ein Appendix durchbetteln. Kommt meine Reise dem Herzoge nicht zugut? Und müßte er mir nicht Dank wissen, daß ich sie auf seine Kosten täte? Dalberg hat nichts davon, und es wäre himmelschreiend, ihn über sein Vermögen zu drängen, bloß weil er einen dummen Streich aus Güte des Herzens gemacht hat. 

Zudem hatte ich’s durch ein paar Worte im Briefe der Herzogin selbst darauf angelegt, da ich nämlich sagte, daß ich auf eine so unwürdige Weise reisen zu müssen nie geglaubt oder verdient hätte. Davon war nun jener Entschluß die Folge, und Goethe kommt mit seinem „Für diesmal braucht er’s nicht“ in den Weg, als ob ich noch ein andermal die Reise tun wollte! 

Verzeihe mir, daß ich das alles von ihm nicht begreifen kann, der ja wissen muß, daß man, um sich in Italien etwas zu kaufen, für andre zu kaufen, immer sogleich eine Reihe Zechinen nötig habe, weil alles Gute auf diesem großen Marktplatz der Welt sehr teuer ist. 

Aber so ist er durchaus, und ich sehe jetzt seine Existenz heller als jemals. Er ist nur in sich und für sich. Ändern schadet er eher, als daß er ihnen helfe. Auch wenn der Herzog für meine Situation in Weimar, wie er’s im Sinne hatte, etwas wird tun wollen, wird er’s mit dem besten Willen verderben. 

Das alles ist nur für Dich geschrieben, liebes Herz, nicht, daß Du Dich darüber quälest, denn das braucht’s im mindsten nicht, sondern daß Du sehest, wie ich die Sache ansehe, und sie auch so ansehn lernest. Was hilft’s, daß man Zweifel in sich verberge, wenn sie doch einmal da sind und ihre Veranlassung haben? Aller Trug ist nichts und dauert nicht, er sei so schön, als er wolle.

So ist’s auch mit Moritz’ Philosophie und Abhandlung. Sie ist ganz goethisch, aus seiner und in seine Seele. Er ist der Gott von allen Gedanken des guten Moritz. Für mich aber haben die Herzogin Luise und Knebel mit ihren Gefühlen ganz recht; mir ist diese ganze Philosophie im feinsten Organ zuwider: sie ist selbstisch, abgöttisch, unteilnehmend und für mein Herz desolierend ...

Nachschrift: Eben sehe ich meinen Brief an, und da ich über Moritz und Goethe geschrieben, so bitte ich Dich, ja nicht zu glauben, daß ich auf Goethe etwa einen Groll habe. Ich ehre ihn wie immer, denn ich sehe zu klar, daß er nicht anders sein kann, als er ist. 

Übermorgen fängt Trippel meine Büste an, die zu Goethe seiner ein Pendant werden soll, auf des Herzogs Bestellung. O der leidigen Pendants! Goethe hat sich als einen Apollo idealisieren lassen, wie werde ich Armer mit meinem kahlen Kopf dagegen aussehn!

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