> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen..24.03.1787 Graf Herzan an Fürst Kaunitz (390)

2015-11-06

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen..24.03.1787 Graf Herzan an Fürst Kaunitz (390)



24. März

Rom. Graf Herzan an Fürst Kaunitz

Was ich inzwischen von dem Herrn Goethe in Erfahrung gebracht, ist, daß die Briefe, die er an seinen Fürsten geschrieben, unter seiner eigenen Aufschrift waren, nämlich: „An Herrn Goethe, Geheimer Rat des Herrn Herzogs von Sachsen-Weimar“. 

Er hatte auch einen starken Briefwechsel mit verschiedenen Gelehrten und seiner Mutter in Frankfurt, von welch letzterer mein deutscher Sekretarius einen Brief in seine Hände bekommen und ich hier beilege. 

Die Ursache, die er angegeben, warum er niemand wolle vorgestellet noch in eine Gesellschaft eingeführet werden, wäre, weil er keine Garderobe mit sich führe, noch sich eine anschaffen wolle; dann, weil er beschlossen, sich ein Studium aus dem zu machen, was Rom einem Gelehrten, der zugleich so sehr Kunstliebhaber ist, darbietet; und endlich, weil er in einem oder längstens zwei Jahren mit seinem Fürsten wiederzukommen hoffe. Er ließ sich öfter verlauten, daß gedachter Herr Herzog dieses Jahr nach Rom gekommen sein würde, wenn ihn nicht Umstände daran gehindert hätten. Indessen sei ihm dessen Unterbleibung nun aus der Ursache lieb, daß er nun imstande sein werde, ihm bei dessen Aufenthalte in Rom den Cicerone zu machen. 

Sein Umgang hier war fast einzig mit deutschen Künstlern, in deren Gesellschaft er die hiesigen Galerien, Antiquitäten und übrigen Merkwürdigkeiten wiederholt und jedesmal mit großer Aufmerksamkeit besah. Er machte die Bekanntschaft des schon seit einer geraumen Zeit hier anwesenden Berliner Professors Moritz, in dessen Gesellschaft er die umliegenden Örter besuchte.

Der Maler Tischbein hatte ihn bei seinem großen Freund und Gönner, dem Herrn Russischen Rat Reiffenstein, eingeführt, bei dem er öfters speiste und sehr vertraulich war. Und der Antiquarius Hirt, welcher öfters im Hause des jungen Herrn Fürsten Liechtenstein ist, hatte ihn überredet, sich bei diesem, jedoch mit ausdrücklicher Verbietung aller Etikette, vorstellen zu lassen, wo er dann nachher auch öfters hinkam, zu Mittag speiste und vom gedachten Herrn Fürsten in die hiesige Arkadische Versammlung eingeführt und als Mitglied unter dem Namen Megallio akklamiert wurde, von welcher Zeit an er sich auch Herr Goethe oder Geheimrat Goethe nennen ließ. 

Er verfertigte mit eigener Hand mehrere Zeichnungen, arbeitete an einer neuen Ausgabe seiner Werke in acht Bänden und vollendete sein angefangenes Trauerspiel „Iphigenia“, welches Herr Abbate Tacchi, Ajo des jungen Herrn Fürsten von Liechtenstein, nun in das Italienische übersetzet, um es auf einem der hiesigen Theater vorstellen zu lassen. 

Er wird mit Ende dieses Monats oder Anfang des künftigen von Neapel zurückerwartet und sich dann über das Petersfest hier aufhalten, in welcher Zwischenzeit er sehr wünschet, eine Gesellschaft zu finden, mit der er eine zweite Reise nach Neapel und von da nach Sizilien machen könnte. Dann wollte er mit Anfang des Julius seine Rückreise nach dem Vaterland entweder durch die Schweiz und sodann nach Frankfurt und Mainz, um seine Mutter und Freunde zu sehen, oder aber, wozu er mehr Lust zu haben scheint, über Wien antreten.

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