> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...20.02.1789 Karoline Herder an ihren Mann (477)

2015-11-23

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...20.02.1789 Karoline Herder an ihren Mann (477)



20. Februar

Weimar. Karoline Herder an ihren Mann

Du schwimmst in einem Meer von Genuß und reichst mir davon kein Tröpfchen, und ich teile das Tröpfchen, das mir zuteil wird, mit Dir. Hier ist es: die erste Szene aus ,,Tasso“. Ich habe sie vorgestern von Goethe bekommen und sie eilig für Dich abgeschrieben, aber nur für Dich allein ... Ich glaube Dir damit eine gute Stunde zu machen ... Mich dünkt, das sei ein wunderschöner Anfang, der Vorhang so schön aufgemacht. Die Prinzessin, ihre Freundin und der Dichter so wunderschön anziehend; man kennt und liebt sie nun und wird nun alles mit ihnen teilen. 

Goethe kam den Montag, um nach Dir zu fragen ... Knebel kam noch dazu. Goethe setzte sich nieder und zeichnete mir ein Landschäftchen. Es war ein guter Geist und ein gutes Gespräch unter uns; denn Du warst immer dabei. Zuletzt wurde noch viel vom römischen Karneval gesprochen. Er gibt nämlich eine Beschreibung des römischen Karnevals, wie es in den letzten acht Tagen ist, mit achtzehn Kupfern heraus, die schon meist durch Kraus fertig sind. Die Beschreibung davon ist so voll Ordnung und einer eignen Darstellung des Ganzen, die Euch wohl schwerlich, wie er selbst sagt, zum erstenmal in dem entsetzlichen Gedränge erschienen ist. Das Ende schließt sich mit einer Betrachtung über das menschliche Leben, die mir sonderbar rührend war ... 

Ich kann nicht bergen, daß mir diese Abendstunden unter denen, die ich mitunter, zwar sparsam, in Gesellschaft zubringe, die liebsten sind. Ein verständiges Wort zu hören und den Atem eines guten Geistes zu fühlen, das ist Leben!

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