> Gedichte und Zitate für alle: W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...03.03.1787 Graf Herzan an Fürst Kaunitz (385)

2015-11-05

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen...03.03.1787 Graf Herzan an Fürst Kaunitz (385)



3. März

Rom. Graf Herzan an Fürst Kaunitz

Wenzel Anton (Fürst) von Kaunitz (1711-94); Reichskanzler unter Maria Theresia, Joseph II. und Leopold II. 
Franz Graf zu Herzan und Harras(1735-1804); Kardinal und österreichischer Gesandter am heiligen Stuhle.

Herr Goethe hat sich zwei Monate hier aufgehalten. Er trachtete, unbekannt zu bleiben, und änderte deswegen seinen Namen in jenen Müller, unter welcher Aufschrift auch seine Briefe an ihn gekommen. Er soll wenige Gesellschaften besuchet haben; einige Male war er bei dem jungen Fürsten von Liechtenstein, und mein deutscher Sekretär, welcher in einem Gasthofe mit ihm bekannt geworden, sagte mir, daß er vermute, seine Absicht sei, eine Reisebeschreibung zu machen, und daß er ihm einige Stücke aus seinem Tagebuche vorgelesen, wo er über die Inquisition, die gegenwärtige Regierung und das große Elend Roms sehr scharfe und bissige Anmerkungen macht. 

Er wohnte hier bei dem deutschen Maler Tischbein, und mit eben diesem ist er nach Neapel gereiset. 

Ich habe meinen Sekretär, auf dessen Rechtschaffenheit ich mich verlassen kann, aufgetragen, daß er bei seiner Zurückkunft, die wahrscheinlich bald erfolgen dürfte, sich mit jenen in einen näheren Umgang setzen soll, um hiedurch imstande zu sein, mit Sicherheit ein wachsames Auge auf seine Aufführung und allfällig geheime Absichten tragen zu können ...

Da Karl August sich seit einiger Zeit mit möglichster Heimlichkeit in die große Politik mischte, so hielt in Wien für möglich, das sein Freund Goethe bei seinen Reisen gleichfalls im Dienst der Fürstenbund-Bestrebungen wirkte.

alle vertraulichen Briefe                                                                                                          weiter



Keine Kommentare: